Deutsche Autobauer geraten ins Hintertreffen Warum der niedrige Ölpreis mehr Fluch als Segen ist

Von Ulrich Winzen
Daimler: Im boomenden US-Markt profitieren deutsche SUV weniger stark

Daimler: Im boomenden US-Markt profitieren deutsche SUV weniger stark

Foto: Daimler

Der Ölpreis hat in den vergangenen Monaten eine rasante Talfahrt hinter sich: Lag er im Jahresmittel 2014 noch bei 99 US-Dollar je Barrel, sank er 2015 auf durchschnittlich 54 Dollar. Inzwischen liegt er bei weniger als 30 Dollar, die Investmentbank JP Morgan hat ihre Prognose für 2016 für Brent-Rohöl  von ursprünglich 51,50 auf 31,50 Dollar je Barrel abgesenkt. Für das zweite Quartal rechnen die JP-Morgan-Experten sogar nur noch mit einem Durchschnittspreis von 25 Dollar, erst im zweiten Halbjahr dürfte der Ölpreis wieder etwas klettern, so die Prognose.

Ulrich Winzen
Foto: Winzen

Ulrich Winzen blickt auf eine 25-jährige Erfahrung im Bereich der Analyse und Prognose für die Automobilindustrie zurück. Seit 2015 analysiert und prognostiziert er als freier Automobilmarktanalyst regelmäßig die Entwicklungen auf den Automobilmärkten. Außerdem ist er Partner der Unternehmensberatung meos automotive consulting. www.meos.info 

Wenn nach dem Ende der Sanktionen nun auch der Iran sein Rohöl auf dem europäischen und amerikanischen Markt verkauft, verdrängt er damit bisherige Lieferanten aus dem Geschäft. Angesichts des niedrigen Preisniveaus kann es sich jedoch kein Ölproduzent der Welt leisten, weniger Öl zu verkaufen. Die Folge: Die Abwärtsspirale beim Preis dürfte sich nochmals beschleunigen. Denn nichts deutet darauf hin, dass die OPEC-Länder, die untereinander selbst in hartem Wettbewerb stehen, ihre Preisstrategie ändern, mit der sie die amerikanischen Fracking-Unternehmen dauerhaft in die Knie zu zwingen wollen.

Für die Autofahrer sind die Niedrigpreise an den Zapfsäulen ein Segen, sparen sie doch in Deutschland zirka 500 Euro pro Jahr an der Tankstelle. Zudem werden die Haushalte auch durch niedrigere allgemeine Energiekosten entlastet. Für die Autobauer - speziell für die deutschen - ist die Entwicklung dagegen alles andere als ein Segen. Auch wenn es auf den ersten Blick ganz anders aussieht.

Das Märchen vom Absatzbeschleuniger

Die gesamten Neuzulassungen in Westeuropa und den USA entwickeln sich weitgehend unabhängig vom Ölpreis

Die gesamten Neuzulassungen in Westeuropa und den USA entwickeln sich weitgehend unabhängig vom Ölpreis

Foto: meos; mm.de

Als Grund für die überraschend positive Entwicklung des Autoabsatzes in den USA und Westeuropa wird immer wieder der niedrige Ölpreis genannt. Dieses Argument hält aber einer genauen Analyse nicht stand. Die Zahl der Neuzulassungen entwickelt sich seit der Krise 2009 relativ unabhängig vom Ölpreis, hauptsächliche Treiber waren vielmehr die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, das niedrige Zinsniveau sowie ein enormer Nachholbedarf aus den Krisenjahren.

In den USA begann die Erholung des Pkw-Markts bereits 2010, die Nachfrage stieg innerhalb von vier Jahren um fast 50 Prozent - obwohl der Ölpreis im selben Zeitraum um 75 Prozent stieg. Auch das für dieses Jahr erwartete weitere Wachstum Nachfrage auf voraussichtlich 18 Millionen Fahrzeuge in diesem Jahr ist mehr der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt und den anhaltend niedrigen Zinsen geschuldet als dem seit 2014 sinkenden Ölpreis.

Der große Verlierer in den USA ist der Pkw

Der Anteil der Light Trucks in den USA profitiert 2015 und 2016 vom niedrigen Ölpreis

Der Anteil der Light Trucks in den USA profitiert 2015 und 2016 vom niedrigen Ölpreis

Foto: meos; mm.de

Anders sieht es bei der Struktur des US-Markts aus. In der Wirtschaftskrise 2009 sank der Anteil der beliebten Light-Trucks, hauptsächlich Pick-ups und große Geländewagen, von 55 Prozent auf 48 Prozent. Im Zuge der konjunkturellen Erholung stieg ihr Anteil aber wieder an, auf 53 Prozent im Jahr 2014. Im vergangenen Jahr sank der Ölpreis um knapp 50 Dollar pro Barrel, die Folge war eine deutliche Verschiebung weg von den traditionellen Pkw hin zu den Light Trucks. Die Zahl der Neuzulassungen bei Limousinen und Kombis sank sogar leicht, dafür stieg die Nachfrage nach Pick-ups und SUVs auf Rekordniveau.

Zumindest für die deutschen Hersteller ist das alles andere als ein Segen des niedrigen Ölpreises: In diesem sehr dynamisch wachsenden Teilmarkt sind Volkswagen , BMW  und Daimler  nämlich deutlich schwächer vertreten als ihre amerikanischen Wettbewerber, sodass sie vom boomenden US-Markt weniger stark profitieren.

Alternative Antriebe werden ausgebremst

Der Erfolg der SUVs und Geländewagen in Deutschland beruht auf der Attraktivität der Konzepte, nicht auf dem niedrigen Ölpreis.

Der Erfolg der SUVs und Geländewagen in Deutschland beruht auf der Attraktivität der Konzepte, nicht auf dem niedrigen Ölpreis.

Foto: meos; mm.de

In Westeuropa begann die Erholung der Pkw-Nachfrage aufgrund der Euro-Schuldenkrise in einigen Ländern erst 2014, damals lag der Ölpreis noch bei knapp 100 Dollar je Barrel. Der folgende Aufschwung, bei gleichzeitigem Sinken des Ölpreises, hat seinen Ursprung aber ausschließlich im hohen Nachholbedarf, der wirtschaftlichen Erholung und dem niedrigen Zinsniveau. Auch der Anstieg der Verkaufszahlen von SUVs und Geländewagen hat mehr mit der Attraktivität der Modelle zu tun als mit dem niedrigen Ölpreis. Obwohl sich dieser von 2005 bis 2013 verdoppelte, stieg der Marktanteil dieser in der Regel wenig sparsamen Fahrzeuge in Deutschland von sechs Prozent auf 16 Prozent. Der nachfolgende weitere Anstieg dürfte daher kaum etwas mit dem sinkenden Ölpreis zu tun haben, es ist einfach das Fahrzeugkonzept, das bei den Kunden derzeit gut ankommt.

Doch auch auf dem westeuropäischen Markt hat der niedrige Ölpreis seine Schattenseiten für die Autohersteller: Sie investieren Milliarden in effiziente Motoren und alternative Antriebsarten - nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern um die immer strengeren Grenzwerte der EU-Kommission für die CO2-Flottenausstöße zu erfüllen. Da nun der Verbraucher wenig Grund hat, teure Hybrid- oder Elektroautos nachzufragen, wird zum einen das Erfüllen der CO2-Ziele schwieriger, zum anderen amortisieren sich die hohen Investitionen in die alternativen Antriebsarten nicht so schnell wie geplant.

Russland wird zum Fluch

Russlands Neuzulassungen sind in hohem Maße vom Ölpreis abhänig

Russlands Neuzulassungen sind in hohem Maße vom Ölpreis abhänig

Foto: meos; mm.de

Der größte Fluch des niedrigen Ölpreises zeigt sich in Russland: Hier steht die Volkswirtschaft vor dem Kollaps. Der wichtigsten Einnahmequelle des Landes beraubt, sinken die Einkommen in Russland rapide, und es ist keine Besserung in Sicht. Dies hat auch existentielle Auswirkungen auf die Pkw-Nachfrage dort. Nirgends auf der Welt ist die Korrelation zwischen Ölpreis (gleich Einkommen) und den Neuzulassungen so hoch. 2012, als der Ölpreis noch bei knapp 110 Dollar pro Barrel stand, wurden in Russland 2,9 Millionen Neuwagen zugelassen. 2015 waren es nur noch 1,6 Millionen gefallen. Für 2016 ist, trotz der angekündigten staatlichen Stützungsmaßnahmen, ein weiterer Rückgang um 100.000 Fahrzeuge zu erwarten. Die EU-Sanktionen tragen zwar zur Verschärfung der Situation bei, die Hauptursachen für den Rückgang der Pkw-Nachfrage sind jedoch der niedrige Ölpreis und die in der Folge gesunkenen Einkommen.

Damit neutralisiert der Einbruch in Russland 2015 den Absatzzuwachs in Westeuropa von 1,09 Millionen Autos beinahe komplett. Am Ende bleibt ein schmales Plus von weniger als 200.000 Neuzulassungen. Als Segen für die Automobilindustrie kann man das schwerlich bezeichnen.

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