Montag, 24. Februar 2020

Ethikdebatte um Novartis-Lotterie Und der Gewinner darf ... leben!

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis will 100 Dosen des Medikaments Zolgensma verlosen - jede von ihnen kostet rund 2 Millionen Euro

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis hat durch den Zukauf der amerikanischen Firma Avexis das gentechnisch hergestellte Medikament Zolgensma in seinem Portfolio,. In Form einer Einmaltherapie hilft es Kindern, die an der seltenen Spinalen Muskelatrophie (SMA) erkrankt sind. Das Problem für Krankenkassen, Eltern, Politik und Gesellschaft: Eine Spritze kostet mehr als zwei Millionen Euro. Seit Anfang Februar gibt Novartis 100 Spritzen kostenlos ab - die über eine Lotterie unter betroffenen Kindern verlost werden. Dafür erntet der Konzern nicht nur Lob, sondern auch reichlich Kritik.

Diesen Kommentar kann ich nicht unbefangen schreiben. Ich bin selbst Vater. Bei meinen beiden kerngesunden Söhnen (17, 15) musste ich mich bisher "nur" mit dem ein oder anderen Gips und Gehirnerschütterungen herumschlagen. Hätte aber eines meiner Kinder eine lebensbedrohliche Krankheit, ich würde mein letztes Hemd dafür geben, es zu retten, egal, was es kostet. Es wäre mir auch egal, was ich dafür tun müsste. Und ich wäre absolut verzweifelt, wenn meine finanziellen Mittel dafür nicht ausreichen würden.

Zwei Millionen Euro für eine Behandlung hätte ich nicht. Nur eine Krankenversicherung. Litte also einer meiner Söhne an SMA, käme ich an das lebensrettende Medikament derzeit nicht heran. Vermutlich müsste er dann sterben - es sei denn, er gewinnt in der Novartis-Lotterie.

Es klingt wie Erpressung - aber das ist falsch

Novartis Börsen-Chart zeigen muss für seine Kampagne derzeit viel Kritik einstecken. Aber auch mit einer anderen Kommunikationsstrategie wäre das Dilemma nicht geringer. Für die Öffentlichkeit klingt eine Zwei-Millionen-Euro-Spritze für Kinder, deren Überlebenschance sehr ungünstig ist, wie Erpressung. Geld oder Leben! Aber das ist falsch.

Die Novartis-Tochter Avexis gehört zu den forschenden Pharma-Unternehmen, eine Entwicklung in der Gentherapie verschlingt schnell mehr als zwei Milliarden Euro - und nicht jeder Ansatz ist ein Treffer. Wer es gewohnt ist, sich günstige Kopfschmerzen-Generika von einer Online-Apotheke für eine Handvoll Euro nach Hause schicken zu lassen, mag bei dem Preis von zwei Millionen Euro für eine einzige Spritze schnell den Stab über Novartis brechen. Doch die Einmaltherapie kann sich im Vergleich zu den alternativen Therapiekosten für die Krankenkasten durchaus rechnen. Nach zehn Jahren Dauerbehandlung siegt Novartis im Preisvergleich mit einem bisher auf dem Markt verwendeten Alternativmedikament.

Soweit die Fakten.

Darf man rettende Medikamente verlosen? Man muss!

Gesundheitsminister Jens Spahn beklagt angesichts der aufsehenerregenden Spendenaktion einer betroffenen Familie eine Medienkampagne. Wenn er das wirklich so sieht, hat er offenbar noch nicht begriffen, wie der Mechanismus in der politischen Gesellschaft funktioniert: je höher der öffentliche Druck, desto schneller politische Entscheidungen. Das sollte ein Politiker wissen, der sich anschickt, vielleicht eines Tages Kanzlerkandidat sein zu wollen. Da darf man wegen eines Virus aus China und einer Spendenaktion für ein im Zulassungsverfahren steckendes Medikament als Gesundheitsminister noch nicht auf den Felgen laufen.

Die Menschen mögen es gern übersichtlich. Schwarz-Weiß ist dabei ein beliebter Kontrast. Doch der Novartis-Fall hat viele Graustufen. Die Rolle der forschenden Unternehmen beispielsweise, die keine Unterstützung erfahren, wenn sie Forschungsgelder in Milliardenhöhe in den Sand setzen - die aber öffentlich an den Pranger gestellt werden, wenn sie dank dieser Risikostrategie Milliardengewinne einfahren.

Fragt eigentlich auch mal jemand, ob es unter kaufmännischen Gesichtspunkten sinnvoll ist, eine solche Einmaltherapie überhaupt herzustellen? Oder ob es nicht lukrativer wäre, sich die Patienten über mehrere Jahre mit einem nur auf den ersten Blick billigeren Medikament als langfristigen Massenmarkt zu sichern? Das Novartis-Management muss entscheiden, wann es mit dem Bau neuer Fabriken beginnt, obwohl die Zulassung von Zolgensma in wichtigen Märkten noch nicht erfolgt ist. Auch das ist ein wirtschaftliches Risiko.

Wer jemals hinter den Kulissen in einem Zulassungsverfahren den Spagat mitbekommen hat, den Pharmaunternehmen in diesem Zwischenstadium vollführen müssen, würde nicht mit einem der Akteure tauschen wollen. Ich würde es mir nicht zutrauen, Gott zu spielen und täglich über Härtefallanträge entscheiden zu müssen bei derzeit noch begrenzten Ressourcen des Medikamentes. Du darfst leben - und du nicht. Nein. Da muss (!) eine Lotterie her.

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