Samstag, 21. September 2019

Waffen der Notenbanken sind stumpf geworden Warum das billige Geld der EZB Europa nicht mehr hilft

EZB-Turm in Frankfurt am Main

Die Europäische Zentralbank wird diese Woche wohl ein weiteres Maßnahmenpaket beschließen, um die Konjunktur anzukurbeln. Ist das nötig? Kann es überhaupt wirksam sein? Zweifel sind erlaubt.

Das wichtigste Notenbanker-Treffen der Welt begann in diesem Jahr mit einem düsteren Titel: Riders on the Storm. So hatten die beiden kalifornischen Ökonomen Alan Taylor und Òscar Jordà ihren Vortrag genannt, nach einem alten Song der Rockband The Doors. Es ist eine beziehungsreiche Anspielung auf den Zustand der Wirtschaft und ihrer zentralen Akteure. "Wir sind in diese Welt hineingeworfen, wie ein Hund ohne Knochen", so heißt es in dem Lied. Uns Menschen bleibt nichts Anderes übrig, als den Sturm zu reiten - wir müssen die Naturgewalten akzeptieren, wie sie eben sind.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

So lyrisch geht es dann doch nicht zu in dem Papier, das die beiden Ökonomen Ende August beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole vorstellten. Aber als Metapher passt der Doors-Titel ziemlich gut auf die geldpolitische Gegenwart. In einer wildgewordenen Welt sind die Notenbanker keine allmächtigen Zampanos (mehr). Letztlich können sie nur den großen Strömungen folgen, die das Weltgeschehen bestimmen.

In der wirtschaftspolitischen Debatte allerdings dominiert immer noch ein anderes Narrativ: Danach sind die Notenbanker die Herrscher über Kurse, Zinsen und Konjunktur - und entscheiden damit über Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften. Deshalb starren die Börsianer auf die großen Notenbanken. Deshalb traut US-Präsident Donald Trump der Federal Reserve Bank zu, mit Zinssenkungen die US-Konjunktur am Laufen zu halten - und lässt kaum einen Tweet aus, eben dies zu fordern. Deshalb hat sich in der Bundesrepublik die Haltung verfestigt, die Europäische Zentralbank (EZB) enteigne deutsche Sparer mit ihren Niedrigstzinsen.

Das alles ist maßlos übertrieben. Die Notenbanken sind keine Masters of the Universe, sondern - bestenfalls - Riders on the Storm.

Machtlos gegen politische Störfaktoren

Donnerstag wird der scheidende EZB-Chef Mario Draghi wohl eine abermalige Lockerung des geldpolitischen Kurses verkünden. Zur Debatte stehen Veränderungen bei den Konditionen der Gebühren auf Bankguthaben bei der EZB ("negative Einlagezinsen") sowie ein weiteres längerfristiges Liquiditätsprogramm für den Bankensektor. Womöglich wird Draghi auch erneute Wertpapierkäufe ankündigen, nachdem die Euro-Notenbanken in den vergangenen Jahren bereits Papiere im Wert von 2,6 Billionen Euro aufgekauft haben.

Was soll das? Bei einem Blick auf die Zahlen stellt sich die Frage, welchen Effekt weitere expansive Maßnahmen überhaupt haben können. Die Zinsen sind bereits extrem niedrig; im Schnitt des Eurogebiets liegen die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen knapp über Null; deutsche Anleihen werden sogar zu negativen Sätzen gehandelt. Noch niedriger geht's kaum.

Es ist auch nicht so, dass dringend die Kreditvergabe im Eurogebiet ankurbelt werden müsste. Banken verleihen ordentlich Geld an Unternehmen und Privatbürger: Im ersten Halbjahr 2019 legte die Kreditvergabe mit einer Rate von vier Prozent zu, zu Zinsen von im Schnitt unter zwei Prozent.

Dies sind keine dramatischen Zahlen. Anders als in den Jahren der akuten Eurokrise, als die Banken ihre Kreditbestände immer weiter herunterfuhren, können Unternehmen Investitionen seit einigen Jahren wieder finanzieren.

Es stimmt schon: International schwächt sich die Konjunktur ab. Insbesondere Deutschlands Industrie leidet unter schwachen Auftragseingängen (Montag gibt's neue Zahlen zum deutschen Export), während die Autoindustrie in einem tiefgreifenden Umbauprozess steckt (achten Sie auf die Internationale Automobilausstellung ab Dienstag). Der Brexit und der Handelskrieg drücken als große politische Unsicherheitsfaktoren auf die Wirtschaft. Unternehmen reagieren darauf, streichen Investitionspläne zusammen und stellen nur noch verhalten Personal ein.

Früher begannen Notenbanken im Abschwung damit, die Zinsen zu senken. Doch dieses Mal sind die Zinsen bereits im Keller, und die Notenbanken sitzen auf riesigen Wertpapierbeständen. Was weitere Maßnahmen bringen könnten, ist unklar. Zumal der Abschwung ja nicht zuletzt das Resultat politischer Verwerfungen in London, Washington und Peking ist - von Ereignissen also, gegen die die Notenbanken wenig ausrichten können.

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