Sonntag, 20. Oktober 2019

Waffen der Notenbanken sind stumpf geworden Warum das billige Geld der EZB Europa nicht mehr hilft

EZB-Turm in Frankfurt am Main

2. Teil: Und jetzt? Ein Währungskrieg?

Und jetzt? Ein Währungskrieg?

Warum also steuert die EZB auf eine weitere Lockerungsrunde zu? Ich sehe vor allem drei Gründe:

Erstens, die EZB versucht, eine Aufwertung des Euro zu vermeiden. Die US-Notenbank Fed dürfte die Zinsen in den kommenden Monaten weiter senken (sie hat noch etwas Spielraum, der kurzfristige Zins liegt in den USA knapp über zwei Prozent). Sinkende US-Zinsen bedeuten aber, dass der Dollar gegenüber anderen Währungen tendenziell schwächer wird, was wiederum den für die Eurozone so wichtigen Export zusätzlich belasten würde. Das versucht die EZB zu verhindern. Allerdings ist eine wechselkursmotivierte Geldpolitik für eine große Volkswirtschaft wie die Eurozone ziemlich risikoreich: Das Szenario eines ausgewachsenen Währungskriegs rückt näher.

Zweitens, die EZB signalisiert den Mitgliedstaaten, dass sie mehr Geld ausgeben sollen. Gerade Länder wie Deutschland und die Niederlande, die satte Haushaltsüberschüsse fahren und nur moderat verschuldet sind, sollen in der Finanzpolitik umsteuern und Geld auf Pump ausgeben, um die schwächelnde Konjunktur zu stützen (achten Sie ab Dienstag auf die Etatdebatte im Bundestag). Entsprechend hat sich auch die künftige EZB-Chefin Christine Lagarde dieser Tage vor dem Europäischen Parlament geäußert. Die Eurobank, so sieht es aus, schreitet zu weiteren Lockerungsübungen, um die Euro-Staaten davon zu überzeugen, dass die Zinsen für die absehbare Zukunft niedrig bleiben werden. Übermäßige Sparsamkeit ist unter diesen Bedingungen keine vernünftige Strategie.

Drittens, die EZB versucht die Illusion aufrechtzuerhalten, sie könne überhaupt irgendetwas Wirksames tun. Das Dilemma der Notenbanken besteht darin, dass sie nicht offen zugeben können, wie sehr ihre einstige Macht gelitten hat. Denn ihren Einfluss üben sie mehr und mehr durch Beschwörungen der Märkte aus (im Jargon "Forward Guidance" genannt). Seit der Finanzkrise haben sie ihr kommunikatives Instrumentarium massiv ausgeweitet. Das funktioniert aber nur, wenn alle Welt glaubt, die Notenbanken seien noch Herren des Geschehens.

Um glaubwürdig kommunizieren zu können, müssen sie ihre Worte gelegentlich mit konkreten Maßnahmen untermauern, selbst wenn die nur begrenzte materielle Wirkung entfalten. Notenbanker gerieren sich als Sturmbeschwörer, selbst wenn sie in Wahrheit bloß Riders on the Storm sind.

Zentralbanker als Sturmversteher

"Um durch die stürmischen Gewässer der Wirtschaft navigieren zu können, braucht es ein gutes Verständnis der aktuellen Strömungen genauso wie der tieferen, aber mächtigen globalen Störungen", formulieren die Ökonomen Taylor und Jordà in ihrem eingangs erwähnten Papier. Diese zugrundeliegende Dynamik läuft zu einem großen Teil unabhängig von den Notenbanken ab.

Seit Jahrzehnten gehen in den großen Volkswirtschaften die Wachstumsraten zurück; parallel dazu sinken die langfristigen Zinsen. Auch die Inflationsraten sind niedrig. Die Ursachen für diese synchronen Entwicklungen dürften im Zusammenspiel aus Demographie, Globalisierung und Digitalisierung liegen. Und weil die großen Volkswirtschaften über Finanz- und Gütermärkte eng miteinander verflochten sind, kann keine einzelne Notenbank unabhängig von den anderen agieren, weshalb die westlichen Geldbehörden alle einen ähnlichen Kurs steuern. Es bleibt ihnen wenig Anderes übrig, wie Taylor und Jordà zeigen.

Natürlich sind Notenbanken nicht irrelevant geworden. Aber sie sind längst keine quasi allmächtigen Institutionen mehr. In den Jahren der akuten Finanzkrise sind ihre Instrumente stumpf geworden.

Und das bedeutet auch: Man kann sie vernünftigerweise nicht mehr für alles verantwortlich machen - weder für die lahmende Konjunktur noch für niedrige Inflationsraten noch für die extrem niedrigen Zinsen.

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