Billigflieger in Not Wie zwei alte Männer Norwegian Air vor dem Grounding bewahren wollen

Bjorn Kjos und John Fredriksen: Die beiden gebürtigen Norweger wollen den Billigflieger Norwegian vor dem Grounding bewahren

Bjorn Kjos und John Fredriksen: Die beiden gebürtigen Norweger wollen den Billigflieger Norwegian vor dem Grounding bewahren

Foto: AFP; REUTERS

Damit, wie man Abstürze verhindert, kennt Bjoern Kjos sich aus. In seinen jungen Jahren als Starfighter-Pilot in der norwegischen Luftwaffe hat der Chef des Billigfliegers Norwegian gelernt, wie man es schafft, auch in brenzligen Situationen die Kontrolle über den Flieger zu behalten. "Man musste die Regeln genau beachten", erklärte er einmal. Mit 72 Jahren muss Kjos jetzt noch einmal einen Absturz verhindern - den seiner eigenen Fluglinie. Und er scheint dabei auf die gleichen Qualitäten zu setzen, die er auch bei seinen Patrouillenflügen im kalten Krieg anwandte: kontrolliert agieren und sich nicht aus Angst zu unbedachten Fehlern hinreißen lassen.

Norwegian hat es in den 26 Jahren seit der Gründung in eine beträchtliche Flughöhe gebracht. Mit 37 Millionen Passagieren alleine 2018 ist sie aktuell hinter Ryanair und Easyjet der drittgrößte unabhängige europäische Billigflieger. Doch die Airline, die sich Anfang der 2000er Jahre aus der Bedeutungslosigkeit heraus mit einer teils atemberaubenden Geschwindigkeit aufmachte, den europäischen und später auch den außereuropäischen Luftverkehr zu erobern, ist in eine tiefe Krise geraten.

2017, das letzte Jahr für das endgültige Zahlen vorliegen, schrieb die Airline einen Verlust von 1,8 Milliarden Norwegischen Kronen (rund 186 Millionen Euro). 2018 soll sich der operative Verlust laut vorläufigen Zahlen sogar auf 390 Millionen Euro belaufen haben. Damit verbrannte sie umgerechnet mehr als eine Million Euro pro Tag. Zu viel für die Börse: Der Aktienkurs ist seit Mitte 2015 um fast 70 Prozent abgestürzt.

Den Grund für Norwegians Sturzflug sehen Beobachter in deren ungezügelten Expansionsdrang, der zu Hochzeiten in der Branche noch mit einer Mischung aus Erschauern und Bewunderung quittiert worden war. So soll Ryanair-Chef Michael O'Leary die Tatsache, dass Norwegian alleine 2012 ganze 222 neue Flieger orderte, mit dem Aufschrei: "Sind die in Oslo wahnsinnig geworden?", quittiert haben.

Wie Norwegian groß wurde

Doch für den 72-Jährigen Kjos, für den im kleinen Heimatmarkt Norwegen nur wenig zu holen war, war Wachsen eine schiere Notwendigkeit. "In unserer Branche sind Größenvorteile entscheidend", so Kjos' Credo. "Je mehr Flugzeuge wir haben, desto besser verteilen sich die Gemeinkosten."

Und die Rechnung ging auch auf - solange sich Kjos auf die Kurzstrecke beschränkte.

Doch dann wollte er mehr: den riesigen Markt für Langstreckenflüge erobern - und wagte vor einigen Jahren die von vielen bis heute für nicht wirtschaftlich darstellbar gehaltenen Kombination aus Langstrecke und Lowcost. Von da an flog Norwegian auch weltweite Ziele an, flog in die USA und nach Asien. Und 2017 gründete Norwegian in Argentinien sogar eine Tochter, die den südamerikanischen Markt bedienen sollte.

Dabei zeigte Kjos ungewöhnliche Kreativität beim Kostensparen: Büroarbeiten ließ er, statt in teuren Norwegen im günstigen Litauen erledigen. Die IT verlagerte er in die Ukraine. Und auch beim Flugpersonal ging der studierte Jurist unkonventionelle Wege, wenn sich das für ihn rechnete: So heuerte er für USA-Flüge Crews in Singapur an, die er dann in Bangkok stationierte, damit sie Flüge in die USA begleiteten.

Winkelzüge, die ihm ordentlich Ärger mit Arbeitnehmervertretern einbrachten. Die warfen ihm Sozialdumping und das Ausnutzen von Gesetzeslücken vor. Kjos ließ das kalt. "We don''t give a shit", verkündete er.

Und wie die Airline in die Bredouille geriet

Doch so wirtschaftlich clever sich Kjos auch anstellte, das Langstreckengeschäft erwies sich als komplexer als gedacht. "Das Ganze hat in dieser Form nicht funktioniert - auch weil Norwegian keinen Heimatmarkt hat, auf den die Airline zurückgreifen kann", ist der Luftfahrexperten Heinrich Grossbongardt überzeugt. "Das waren zu viele Baustellen, zu weit weg."

Eine Meinung, die auch Luftfahrtberater Gerald Wissel teilt: "Kjos hat Norwegian groß und erfolgreich gemacht, sich aber beim Thema Low-Cost Langstrecke überhoben."

Eine Einsicht, zu der auch Airline-Lenker Kjos mittlerweile gekommen ist. Entschlossen versucht er nun gegenzusteuern. Statt auf Wachstum setzt er auf Profitabilität: Er gibt Strecken auf, schließt reihenweise Stützpunkte  in Europa und Übersee - seit Herbst alleine fünf in Europa sowie die Basis in Singapur und zwei in den USA. Und er setzte bis zu 140 Flugzeuge - darunter auch 90 fabrikneue A320 Neo  auf die Verkaufsliste.

Aber ans Aufgeben denkt er nicht. So lehnte das Unternehmenwiederholte Übernahmeangebote  der British-Airways-Mutter IAG ab, weil er diese für zu niedrig erachtete. IAG zog sich daraufhin zurück, verkaufte ihre knapp 4-prozentige Norwegian-Beteiligung und schickte die Aktie im Januar auf Sturzflug. 

Doch von solchen Manövern lässt sich der alte Kampfpilot Kjos nicht aus der Ruhe bringen. Er holt sich Verstärkung von einem anderen alten Wikinger: dem 74-jährigen Reeder John Fredriksen.

Wie Kjos und Fredriksen Norwegian wieder fit machen wollen

Der illustre Schiffsmagnat, hierzulande einigen womöglich noch als aktivistischer Tui-Investor in Erinnerung, sprang Kjos bei. Der Multimilliardär, der den Grundstein für sein Vermögen mit riskanten Öltransporten im Iran-Irak-Krieg legte und vor seiner Abwanderung nach Zypern der reichste Mann Norwegens war, beteiligte sich an einer Kapitalerhöhung von umgerechnet 300 Millionen Euro  - immerhin der Hälfte des aktuellen Marktwertes von Norwegian.

Mit ihr will Kjos Norwegian in der Luft halten und das Ausbluten der Airline stoppen. 2019, verkündete Kjos, werde Norwegian wieder schwarze Zahlen schreiben.

Mit dem Geld kauft sich Kjos Zeit, um seine Airline soweit aufzuhübschen, dass er sie gut verkaufen kann. Assets, die sie für Käufer attraktiv machen, hat Norwegian nämlich durchaus : "Eine attraktive Marke, eine gute europaweite Präsenz, eine moderne Flotte und ein innovatives Image", fasst Luftfahrtexperte Grossbongardt zusammen. "Jetzt muss Kjos nur noch das Bluten stoppen."

Sollte ihm das gelingen, dürften nach Einschätzung Grossbongardts und seinem Kollegen Gerald Wissels potenzielle Käufer bei Kjos Schlange stehen. Neben der British-Airways-Mutter IAG, in deren Rückzug viele Beobachter nur einen taktischen Schachzug sehen, wahrscheinlich auch die Lufthansa.

Die würde sich - besonders aktuell - mit einer weiteren Intergration einer Flugegsellschaft nach Air Berlin zwar schwer tun, meint Wissel. "Sie hat auf der anderen Seite aber auch kein Interesse, dass eine andere Airline Norwegian übernimmt."

Und genau das wissen auch die beiden alten Haudegen Kjos und Fredriksen, die für Norwegian sicher einen guten Preis erzielen wollen. Es könne schon sein, dass es manch einen gebe, der ausgebuffter sei als er, verkündete Kjos kürzlich. "Aber wir sind keine Idioten."

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