Dienstag, 22. Oktober 2019

Höhere Preise dämpfen Entwicklung  Netflix schockt Anleger mit schwachem Wachstum

Netflix-Chef Reed Hastings verspricht den Investoren nach einem schwachen zweiten Quartal die Rückkehr zu alter Wachstumsstärke

Die Serie "Stranger Things" lässt Netflix-Kunden derzeit mächtig gruseln. Das überraschend schwache Wachstum, das der Online-Videodienst in der Nacht berichtet hat, auch. Ausgerechnet vor dem neuer finanzstarker Wettbewerber flaut das Geschäft ab. Hat Netflix noch ausreichend Potenzial?

Netflix hat in den drei Monaten bis Ende Juni weltweit unter dem Strich lediglich 2,7 Millionen neue bezahlte Abos hinzugewonnen. Damit blieb der Online-Videodienst weit unter den Erwartungen der Analysten und auch unter seiner eigenen Prognose von fünf Millionen neuen Nutzern. Insgesamt brachte es der Streaming-Riese zum Quartalsende auf knapp 152 Millionen bezahlte Mitgliedschaften.

Am Markt sorgten die Zahlen für extrem schlechte Stimmung - die Aktie brach nachbörslich um mehr als zwölf Prozent ein. Netflix Börsen-Chart zeigen hatte in etlichen Ländern die Preise erhöht und die Erwartungen bereits gedämpft, mit einem so geringen Nutzerzuwachs war aber nicht gerechnet worden.

In den USA büßte Netflix sogar 130.000 Kunden ein. Die erfolgsverwöhnten Anleger sind sowas nicht gewöhnt - einen ähnlichen Flop gab es zuletzt 2011, als das Unternehmen seinen DVD-Versand abgespalten hatte. Die schwache Entwicklung kommt höchst ungelegen: Denn ausgerechnet jetzt blasen das Hollywood-Imperium und die Tech-Hochburg Silicon Valley zur Jagd auf den Streaming-Marktführer.

Höhere Preise vergrätzen die Kundschaft

Bei genauer Aufsicht überrascht das schwache

Ganz so überraschend konnte das schwache Wachstum allerdings dann auch wieder nicht: Netflix hatte im abgelaufenen Quartal relativ wenig Film- und Serienhits und abgeliefert und zudem in etlichen Ländern - auch in Deutschland - die Preise erhöht. Die Kundschaft ist offenbar preissensibler als gedacht, die Quittung folgte prompt: Netflix musste eine besonders schlechte Entwicklung in Regionen eingestehen, in denen die Abogebühren im vergangenen Quartal angehoben worden waren.

Die eigentlichen Finanzergebnisse allerdings lassen sich sehen: Der Umsatz legte im Jahresvergleich um 26 Prozent auf 4,9 Milliarden Dollar zu; der Gewinn übertraf mit 270,7 Millionen Dollar (241,2 Millionen) die Vorhersagen der Wall Street. Trösten konnte die Börsianer dies nicht. Allerdings stieg die Aktie im Jahresverlauf auch schon um 35 Prozent, so dass sich Gewinnmitnahmen anbieten.

Entertainment-Giganten starten Gegenangriff

Der wirkliche Härtetest steht Netflix aber ohnehin erst noch bevor: Nachdem Entertainment-Giganten wie Walt Disney das rasante Wachstum des Senkrechtstarters lange relativ passiv verfolgten und dabei immer mehr Kabelkunden ans Fernsehen im Internet verloren, beginnt jetzt der Gegenangriff. Nicht nur Disney, auch der zu AT&T gehörende Konkurrent WarnerMedia mit seinem Bezahlsender HBO ("Game of Thrones") und NBCUniversal haben Konkurrenz-Services in der Pipeline.

Der Angriff trifft Netflix gleich doppelt, denn die Schwergewichte der etablierten Unterhaltungsindustrie verfügen nicht nur über viel Finanzkraft, sondern auch über begehrte Inhalte. Und viele davon liefen bislang gegen Lizenzgebühren bei Netflix. Doch weil Disney und Co. nun eigene Online-Dienste starten, wandern Marvel-Produktionen und andere Hits zu ihnen. So verliert Netflix mit "Friends" und "The Office" seine beiden erfolgreichsten US-Shows an direkte Rivalen.

Netflix wird erfolgreiche US-Shows wieder los

Schlecht aufgestellt ist das Unternehmen trotzdem nicht. Netflix hat ein enormes Produktionsbudget - alleine dieses Jahr dürfte rund 15 Milliarden Dollar in exklusive Inhalte fließen - und verfügt über großes Markenpotenzial, das längst nicht ausgeschöpft ist. Fanartikel, wie sie Disney etwa zu seinen Superheldenfilmen anbietet, hat Netflix für seine Erfolgsproduktionen bislang kaum am Start.


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Und auch wenn HBO - vor allem dank der Abschlussstaffel von "Game of Thrones" - Netflix mit insgesamt 137 Nominierungen bei der diesjährigen Emmy-Preisverleihung klar ausgestochen hat, dürfte dies nur eine Momentaufnahme sein. Im laufenden Quartal hat Netflix mit neuen Staffeln von "Stranger Things" und "Orange Is the New Black" zwei Superhits im Rennen, die viele neue Abo-Kunden anlocken könnten.

Netflix verzichtet vorerst weiter auf Werbung während der Ausstrahlung

Angesichts der jüngsten Entwicklung verwundert es aber wenig, dass Netflix keine Pläne hat, die Einnahmen durch Werbung zu erhöhen. Dass das Kunden erst richtig abschrecken könnte, ist dem Unternehmen bewusst. "Wir glauben, dass wir langfristig ein wertvolleres Geschäft betreiben, indem wir uns aus dem Wettbewerb um Werbeeinnahmen heraushalten und stattdessen voll und ganz um die Zufriedenheit der Zuschauer konkurrieren", heißt es im Brief an die Aktionäre.

Fest steht: Im Streaming-Markt wird die Luft bald dünner. Denn nicht nur die Entertainment-Riesen aus Hollywood wollen die Jagd auf Netflix eröffnen. Auch Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley wie der iPhone-Gigant Apple wollen in dem boomenden Geschäft mitmischen. Hinzu kommen bereits vorhandene Kontrahenten wie Amazon und Hulu, die ebenfalls keine Anzeichen von Wettbewerbsmüdigkeit zeigen.

rei/dpa

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