Sonntag, 22. September 2019

Munich Re verdient erneut weniger Wenn doch nur die Ergo nicht wäre ...

Nikolaus von Bomhard: Seit mehr als 12 Jahren führt er den weltgrößten Rückversicherer. Mit seiner ruhigen Hand hat er vieles richtig gemacht. Bei der Tochter Ergo aber ging die Rechnung nicht auf. Erneut belastet sie die Bilanz

Mit seiner letzten Bilanz kann Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard nicht überzeugen. Das liegt auch und vor allem an der Tochter Ergo. Bomhards Nachfolger wird hier die Zügel wohl noch stärker anziehen müssen. Denn der Wettbewerber aus Hannover glänzt erneut.

2,6 Milliarden Gewinn und damit 500 Millionen Euro weniger als im Vorjahr - Nikolaus von Bomhard hätte sich zweifelsohne lieber mit besseren Jahreszahlen verabschiedet. Ende April übergibt der Chef der Münchener Rück den Stab an Vorstandsmitglied Joachim Wenning - der dann erst zehnte Vorstandschef des 1880 gegründeten Rückversicherers.

Kontinuität und Verlässlichkeit sind so etwas wie ein Markenzeichen des weltgrößten Rückversicherers, den Branchenkenner gern mit dem berüchtigten Fels in der Brandung vergleichen. Das soll auch für die Kapitalmärkte gelten: Die trotz niedrigeren Gewinns auf 8,60 Euro angehobene Dividende ist ein klares Signal, dass der Konzern an seiner seit vielen Jahren stabilen Dividendenpolitik festhalten und sich den Anlegern weiter als verlässliches Investment präsentieren will.

"Wir sind überzeugt, dass wir das jetzt erreichte Dividendenniveau auch in Zukunft halten und in der Tendenz weiter ausbauen können", versicherte Finanzchef Jörg Schneider am Dienstag. Analysten trauen das der Münchener Rück durchaus zu. "Stabile Dividendenpolitik, bilanziell absolut solide - für Investoren eigentlich Traumkonditionen", sagt ein Versicherungsanalyst einer namhaften deutschen Privatbank im Gespräch mit manager magazin online.

Eigentlich. Wenn da nur nicht dieser "Bremsklotz" wäre. "Wenn sie die Ergo verkauften, würde die Aktie einen großen Satz machen", ist der Experte überzeugt.

Doch die Münchener wollen nicht verkaufen, stecken stattdessen viel Geld in den Umbau ihrer Erstversicherungstochter - 250 Millionen Euro kostete er die Munich Re allein im vergangenen Jahr. Die Tochter soll zwar im laufenden Jahr wieder einen Gewinn von 130 Millionen abwerfen, sie wird die Mutter weiter Geld kosten: Bis 2020 will die Munich Re rund eine Milliarde Euro in die Ergo investieren. Rund 430 Millionen davon soll allein in die marode IT des Erstversicherers fließen, heißt es.

Wird Wenning die Ergo noch härter rannehmen?

Von Bomhards Nachfolger Joachim Wenning hatte im vergangenen Jahr deutlich gemacht, dass er es nicht jedem Recht machen wolle, sondern auch "gegen den Strom schwimmen" werde. Manche Beobachter werten dies als ein Signal, dass nicht nur Ergo noch weitere Umbauten bevorstehen könnten.

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Zwar steuerte die Tochter mit 16 Milliarden immer noch gut ein Drittel der im vergangenen Jahr eingespielten Bruttobeiträge bei. Doch es wäre verfehlt, die Probleme der Münchener Rück des letzten Jahres und die Herausforderungen der Zukunft allein auf die Tochter Ergo zu fokussieren.

So hatte der weltgrößte Rückversicherer im vergangenen Jahr mehr Großschäden zu verkraften als im Vorjahr. Sie belasteten den Versicherer mit 1,5 Milliarden Euro. Zudem stehen die seit drei Jahren fallenden Preise für Rückversicherungsschutz stehen weiter unter Druck, auch wenn dieser laut Vorstand in der Erneuerungsrunde für die Verträge mit den Erstversicherern im Januar etwas nachgelassen habe.

Drückende Preise, weniger Prämieneinnahmen

Der viel beschworene Boden ist aber offenbar immer noch nicht in Sicht. Wie den Wettbewerbern bleibt auch der Munich Re in hart umkämpften Bereichen, wo viel fremdes Kapital hineinfließt und die Preise zusätzlich drückt, dann nichts anderes übrig, als Geschäft aufzugeben. Da wundert es nicht, dass das zum 1. Januar gezeichnete Geschäft um fast 5 Prozent zurückging.

Im vergangenen Jahr nahm die Münchener Rück auf Konzernebene insgesamt 3 Prozent weniger Prämien ein. Sie reichten gleichwohl aus, die Kosten zu decken: Die so genannte Schaden- und Kostenquote blieb in allen Bereichen knapp unter der kritischen Marke von 100 Prozent. "Das ist nicht gerade oberste Liga, andere können das besser", kommentiert der Analyst der Privatbank diese Zahl.

Die Münchener Rück hat sich in der Vergangenheit bei Gewinnprognosen stets konservativ gegeben. Und der Vorstand bleibt konservativ, rechnet im laufenden Jahr allenfalls mit stagnierenden Profiten. "Wir haben keinen Anlass anzunehmen, dass wir die 2,6 Milliarden Euro von 2016 übertreffen werden", sagt Finanzvorstand Schneider in einer Telefonkonferenz.

Kapitalanlage bleibt Zugpferd

So mancher Analyst scheint gleichwohl davon überzeugt, dass die Munich Re schwächere Ergebnisse im Kerngeschäft durch höhere Gewinne bei der Kapitalanlage wettmachen werde. So hat der Konzern 2016 im Niedrigzinsumfeld mit 3,2 Prozent eine vergleichsweise hohe Rendite auf seine rund 219 Milliarden Euro schweren Kapitalanlagen eingefahren - dies aber auch, weil er durch Verkäufe stille Reserven hob.

Das Problem: Legt die Munich Re das Geld wieder an, erzielt sie damit deutlich weniger Rendite. So betrug die durchschnittliche Wiederanlagerendite im vierten Quartal 1,8 Prozent. Darum weiß der neue Mann Joachim Wenning natürlich nur zu gut. Er steht vor der Aufgabe, den Rückversicherer in Zeiten niedriger Zinsen und verfallender Prämien noch mehr auf Gewinn zu trimmen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Womöglich wird er Ergo-Chef Markus Rieß auffordern, mit hoch härterer Hand die Tochter zu sanieren. Sollte das nicht überzeugend gelingen, könnte am Ende sogar die Abwicklung oder Zerschlagung der Ergo stehen.

Andernfalls dürften sich die Anleger - stabile Dividende hin oder her - künftig verstärkt dem deutlich kleineren Wettbewerber Hannover Rück Börsen-Chart zeigen zuwenden. Der hat nach ersten Eckdaten vom Dienstag 2016 seinen Konzerngewinn erneut gesteigert und das dritte Mal in Folge deutlich über eine Milliarde Euro getrieben.

Die Hannoveraner haben allerdings auch keine Tochter kostspielig zu sanieren.

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