Müllers Memo Der Kapitalismus enttäuscht seine Jünger

Wie kann das sein? Weltweit stürzen die Börsen ab, obwohl die Notenbanken immer noch Billionen in die Märkte pumpen. Übliche Erklärungsmuster greifen zu kurz.
US-Börse in New York: Die große kapitalistische Umwälzpumpe läuft leer

US-Börse in New York: Die große kapitalistische Umwälzpumpe läuft leer

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Eigentlich ist Kapitalismus eine tolle Sache. Eines seiner Grundprinzipien lautet: Das Geld der Sparer, die für die Zukunft Geld zurück legen, wird Unternehmen zur Verfügung gestellt, die damit in Geschäfte mit Zukunft investieren. Zwischen Sparern und Unternehmen wiederum stehen Banken und Börsen: Dort wird das Geld gebündelt, neu verpackt und dann verliehen. Eine große finanzielle Umwälzpumpe, die Wohlstandszuwächse ermöglicht wie kein anderes real existierendes Wirtschaftssystem.

Leider scheint dieses Modell so nicht mehr zu funktionieren: Die Unternehmen investieren immer weniger in neue Anlagen und Produkte. Statt dessen schütten sie große Teile ihrer Gewinne an die Aktionäre aus. Wohlstandszuwächse für die große Mehrheit der Bürger gibt es kaum noch. Die große kapitalistische Umwälzpumpe läuft leer.

Wundert es vor diesem Hintergrund irgendjemanden, dass die Börsen weltweit einbrechen? Von Shanghai bis New York fallen die Aktienkurse: Allein in der abgelaufenen Woche verlor der Shanghai SE Composite mehr als 11 Prozent, der Dax fast 8 Prozent, der Dow fast 6 Prozent, der Nikkei mehr als 5 Prozent.

Die übliche Begründung für den Sinkflug lautet: Durch die allgemeine Schwächephase der Schwellenländer, insbesondere Chinas, trübten sich die Absatzerwartungen für die Unternehmen weltweit ein. Außerdem dürfte die amerikanische Notenbank Fed wohl noch diesen Herbst den Leitzins anheben, erstmals seit 2007. Deshalb zögen sich Anleger aus dem Aktienmarkt zurück, parkten ihr Geld anderswo, notfalls in Cash.

Eine ganz normale Korrektur also? Womöglich sogar eine Überreaktion?

Immerhin: Nach gängigen Bewertungsmaßstäben sind amerikanische und europäische Aktien keineswegs haltlos überteuert. Die im Dax zusammengefassten deutschen Konzerne kosteten am Freitag im Schnitt das 15-Fache ihres Jahresgewinns, weniger als im Durchschnitt der vergangenen 30 Jahre, als das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 19 lag. Ähnlich in den USA: Die Firmen im Dow-Jones-Index kosten das 16-Fache des Jahresgewinns, der 30-Jahre-Schnitt liegt beim 25-Fachen.

Die komplexeren Analysen des Börsenblasen-Gurus Robert Shiller, Nobelpreisträger von der Yale-Universität und Erfinder des Ausdrucks "irrationaler Überschwang", zeigen zwar, dass Aktien im historischen Vergleich nicht gerade billig sind. Von wahnwitzigen Übertreibungen - wie sie Japan Ende 80er, der Westen Ende der 90er Jahre und China erst kürzlich erlebten - sind die derzeitigen Niveaus jedoch weit entfernt.

Und dann sind da noch die Notenbanken: Die Leitzinsen liegen nach wie vor fast überall im Westen bei Null. Die EZB und die Bank von Japan schütten immer noch Billionen aus. Die Inflation ist extrem niedrig (neue Zahlen für Deutschland gibt es Freitag). Öl und andere Rohstoffe werden immer billiger.

All das spricht für eine weiterhin ordentliche Aktienentwicklung - falls das System noch funktionieren würde wie einst.

Unternehmen schütten aus statt zu investieren

Doch die kapitalistische Geldumwälzpumpe, so sieht es aus, hat sich im Leerlauf überhitzt. Wenn die Unternehmen das Geld der Sparer nicht mehr nehmen, um damit in großem Stil in neue Geschäfte zu investieren, sondern es den Sparern zurückgeben, wirft das große Fragen auf: Womit wollen die Unternehmen eigentlich künftig Geld verdienen? Welchen Kunden wollen sie dienen? Wie wollen sie ihre Mitarbeiter beschäftigen?

Stattliche gegenwärtige Gewinne verwenden sie, um gigantische Summen an die Aktionäre auszuschütten - in Form von Dividenden und durch den Rückkauf eigener Aktien. US-Unternehmen werden dieses Jahr nach Analystenschätzungen mehr als eine Billion Dollar ausschütten. Ähnlich in Großbritannien, wo Andrew Haldane, der Chef-Ökonom der Bank of England, kürzlich vorrechnete, dass in den 70er Jahren Unternehmen im Schnitt nur 10 Prozent der Gewinne an die Aktionäre zurückgaben, heute jedoch die Quote bei 60 bis 70 Prozent liege.

Auch deutsche Konzerne bedienen zuvörderst ihre Anteilseigner. Siemens etwa ist seit Jahren auf Schrumpfkurs, fährt aber derzeit ein Rückkaufprogramm über vier Milliarden Euro. Aus den Zahlen des Statistischen Bundesamts geht hervor, dass die deutsche Wirtschaft insgsamt nur noch gut 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in neue Ausrüstungen steckt - der niedrigste Wert seit Jahrzehnten, obwohl ja die Standortbedingungen hierzulande angeblich so gut sind wie kaum irgendwo auf der Welt. (Achten Sie auf den Ifo-Geschäftsklima-Index am Dienstag.)

Blackrock beklagt "entmutigende Signale"

Wenn die Manager schon nicht wissen, wo sie ihr Geld investieren sollen, warum sollten Anleger ihnen dann Geld zum Investieren zur Verfügung stellen?

Offenkundig haben wir es mit einer grundlegenden Vertrauenskrise zu tun. Unternehmen gehen immer weniger unternehmerische Risiken ein. Dadurch schrumpfen die Möglichkeiten, künftige Einkommen zu generieren. Das gilt für jedes einzelne Unternehmen, aber auch für ganze Volkswirtschaften.

Der leerlaufende Kapitalismus macht inzwischen seinen eifrigsten Protagonisten Sorgen. Larry Fink, Chef der weltgrößten Assetmanagement-Firma Blackrock, ging neulich per öffentlichem Brief scharf mit den Topmanagern globaler Konzerne ins Gericht: Ihre Investitionszurückhaltung sende "entmutigende Botschaften" in die Welt. Auch Strategen der Investmentbank Goldman Sachs geißeln die Aktienrückkaufsmanie. Bank-of-England-Vordenker Haldane stellt gar die heutige Art der Unternehmensführung ("Corporate Governance") in Frage.

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Das System vergrätzt seine Jünger. Wundert sich irgendjemand, dass die Aktienkurse fallen?

Wie gesagt: Eigentlich ist Kapitalismus eine tolle Sache. Aber derzeit ist er dabei, sich selbst zu zerstören.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

MONTAG

PEKING - China-Klima - Neue Zahlen zur Stimmung in der chinesischen Industrie.

BERLIN - Europa und die Eskalation - Treffen von Kanzlerin Merkel und Präsident Hollande mit dem ukrainischen Präsidenten Poroschenko. Thema: die Kämpfe in der Ostukraine.

DIENSTAG

MÜNCHEN - Deutsch-Test - August-Werte des Ifo-Geschäftsklimaindex für Deutschland, des wichtigsten Frühindikators für die heimische Konjunktur.

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Tiflis - Südöstlich von Moskau - In Zeiten angespannter Beziehungen besucht Nato-Generalsekretär Stoltenberg Georgien.

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BERLIN - Am Ende die Ferien - Was machen die Deutschen eigentlich, wenn sie nicht arbeiten? Vorstellung des neuen "Freizeit-Monitors".

FREITAG

BRÜSSEL - Euro-Test - Neue Zahlen zu Wirtschaftsvertrauen, Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone.

WIESBADEN - Inflation, Deflation? - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Neues zum Verbraucherpreisanstieg

MÜNCHEN - Bank-Drücken - Fortsetzung des Prozesses gegen Deutsche-Bank-Manager und -Exmanager. Die Anklagebank ist prall gefüllt: Co-Chef Fitschen, seine Vorgänger Ackermann und Breuer sowie zwei weitere Ex-Vorstände. Es geht um den Vorwurf des versuchten Prozessbetrugs im Kirch-Prozess.

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BOCHUM - Nicht alle sind zufrieden - Hauptversammlung der Postbank: Die Noch-Mutter Deutsche Bank will das Institut von der Börse nehmen und es dann weiterverkaufen. Verbliebene Aktionäre sollen abgefunden werden.

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