Freitag, 22. November 2019

Wechsel im Deutschen Leitindex Triebwerksbauer MTU ersetzt Thyssenkrupp im Dax

MTU: Der Triebwerksproduzent hat gute Chancen auf einen baldigen Aufstieg in den Dax

Der Triebwerksproduzent MTU hat das Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Deutschen Wohnen um die Aufnahme in den Dax gewonnen. MTU werde ThyssenKrupp im Dax bei der nächsten Neuordnung der Indizes ersetzen, teilte die Deutsche Börse am Mittwochabend mit.

Die Aktie von MTU Aero Engines Börsen-Chart zeigen war bereits zu Wochenbeginn in Erwartung der Entscheidung zeitweise auf ein Rekordhoch von 254 Euro, bevor erste Gewinnmitnahmen einsetzten. Binnen fünf Jahren hat sich der Kurs der Aktie mehr als vervierfacht.

Bis zuletzt war es eng zugegangen zwischen dem Triebwerksproduzenten MTU Börsen-Chart zeigen und der Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen Börsen-Chart zeigen im Ringen um die Nachfolge für den Stahl- und Industriekonzern Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen. Der nämlich muss mehreren Index-Experten zufolge nach dem kräftigen Kursverfall seiner Aktien seinen Platz im deutschen Leitindex räumen.

Hoher Umsatz bei MTU, Streit um Mietendeckel drückt Deutsche Wohnen

Entscheidend für den Vorsprung von MTU seien nicht nur die Kursgewinne der vergangenen Wochen gewesen, sondern vor allem auch der Börsenumsatz. Die Aktien der Deutsche Wohnen indes waren wegen der Mietendeckel-Diskussion in Berlin unter die Räder gekommen.

Die Deutsche Börse hat die Indizes der Dax-Familie auf Schlusskursbasis vom Freitagabend, den 30. August, überprüft, wird die Änderungen aber erst an diesem Mittwochabend nach Handelsschluss mitteilen. Die Umsetzung erfolgt zum Montag, 23. September.

Der seit vielen Jahre in der Krise steckende Industriekonzern ThyssenKrupp dürfte sich unterdessen aus dem Dax verabschieden. Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff hat in seinen gerade mal rund 13 Monaten an der Spitze des Unternehmens mehr schlechte Nachrichten verkraften müssen als viele Konzernlenker in ihrer gesamten Amtszeit. Der 51-jährige Kerkhoff wirkt dabei wie ein Getriebener, warf zwei Mal die Strategie um und hat immer noch keinen Weg gefunden, wie es weitergehen soll - sicher ist die Antwort auf die Zukunftsfrage kann nicht nur Sparen, Sparen und noch mal Sparen sein, auch wenn Kerkhoff das als früheren Finanzvorstand sicherlich am nächsten liegt.

Radikaler Umbau: Was der Plan B für ThyssenKrupp bedeutet

Am Ende könnte Thyssenkrupp Börsen-Chart zeigen im Kern wieder ein Stahlkonzern werden - ausgerechnet das Geschäft, von dem sich das Management wegen seines hohen Kapitalbedarfs und seiner starken Schwankungsanfälligkeit eigentlich hatte trennen wollen. Wie der Stahl und der dazugehörige Handel zukunftsfest gemacht werden soll, darüber schweigt sich Kerkhoff noch aus. Dabei fehlt Thyssenkrupp der nötige Rückenwind durch eine gute Konjunkturlage. Das Gegenteil ist der Fall: eine schwache Nachfrage, Überkapazitäten und Preisdruck rütteln die Branche derzeit durch, eine Konsolidierung scheint geboten.

Eins steht fest: Thyssenkrupp muss sich abermals neu erfinden. Dabei wirken die Punkte, die das Management auf der Agenda hat, eher wie aus der Not geboren. Die Holding soll zurückgeschnitten und verschlankt werden. Flankiert werden soll die Neuausrichtung durch massive Einschnitte bei den Kosten, die auch den Abbau von 6000 Stellen beinhalten, davon 2000 in der Stahlsparte.

Radikaler Umbau: Die einzelnen Sparten sollen selbstständiger werden. Für das Geschäft mit Autokomponenten und dem Anlagenbau will der Konzern Partner suchen. Dabei wäre Kerkhoff auch bereit, sich mit einem Minderheitsanteil zu begnügen. Möglich wäre auch die Abgabe von Teilbereichen. Das Komponentengeschäft allein ist zu klein, um wirklich wettbewerbsfähig zu sein. Der Anlagenbau bereitet Thyssenkrupp seit längerem Probleme, so verhob sich der Konzern mit einigen Großprojekten.

Ähnliches gilt auch für die Werftensparte, die U-Boote und Schiffe für das Militär produziert. Auch hier fehlt es an Wettbewerbsfähigkeit. Seit Jahren wird immer über eine Fusion spekuliert, etwa mit dem französischen Konzern Naval.

Dazu hat das Management Bereiche auf den Prüfstand gestellt, die derzeit nur Geld verbrennen, wie etwa das Geschäft mit Grobblechen oder Federn und Stabilisatoren im Automobilbereich. Ebenfalls auf der Liste steht der Bau von Produktionsanlagen für die Automobilindustrie. Die drei Bereiche beschäftigen zusammen mehr als 9000 Mitarbeiter und stehen für vier Prozent des Konzernumsatzes, aber für ein Viertel des im laufenden Geschäftsjahr zu erwartenden Kapitalabflusses.

Börsengang der Aufzugsparte: Um überhaupt manövrierfähig zu sein braucht Thyssenkrupp Geld. Ein Börsengang der Aufzugsparte soll die nötigen Mittel in die Kassen spülen. Das Geschäft gilt als die Perle im Konzern. Je nach Marktlage strebt Thyssenkrupp eine Notierung im Laufe des kommenden Geschäftsjahres 2019/20 an. Hier fährt Thyssenkrupp zweigleisig und prüft auch vorliegende Interessenbekundungen möglicher Investoren. Nach der Sparte, die zuletzt von Analysten etwa als doppelt so wertvoll eingestuft wird als Thyssenkrupp als Ganzes, sollen früheren Medienberichten zufolge sowohl Konkurrenten als auch Finanzinvestoren ihre Fühler ausgestreckt haben.

Thyssenkrupp folgt damit früheren Forderungen seines Großaktionärs Cevian, der schwedische Finanzinvestor kritisiert die Entwicklung bei den Essenern seit Jahren. Die Idee dahinter erinnert dabei an das Modell des Elektrokonzerns Siemens , der das seit Jahren vorexerziert. Die Münchener brachten etwa Osram , Infineon oder Siemens Healthineers an die Börse.

Das macht die Aktie: Der Kurs der Thyssenkrupp-Aktie ist ein einziges Trauerspiel - der Kurssprung nach dem erneuten Strategieschwenk verpuffte schnell. Inzwischen ist das Papier auf den tiefsten Stand seit 2003 gefallen und kostet nur noch etwas mehr als 9 Euro.

Die Performance-Daten der Aktie lesen sich wie ein Schreckensszenario: Alleine in diesem Jahr beträgt der Verlust 37 Prozent, seit Kerkhoffs Amtsantritt sind es rund 55 Prozent und seit dem Rekordhoch von 46,92 Euro im Herbst 2007 sank der Kurs um 80 Prozent. Unter den aktuell im Dax gelisteten Werten hat in diesem Zeitraum nur die Deutsche Bank mehr verloren.

Nach dem in den vergangenen Wochen forcierten Absturz ist Thyssenkrupp an der Börse nicht mal mehr sechs Milliarden Euro wert. Experten gehen daher davon aus, dass der Traditionskonzern seinen Platz im deutschen Leitindex Dax zugunsten von MTU oder Deutsche Wohnen räumen muss, wobei der Triebwerksbauer hier die Nase derzeit leicht vorne hat.

Für Thyssenkrupp wäre das eine Zäsur am Kapitalmarkt - schließlich war mit Thyssen ein Teil des 1999 fusionierten Unternehmens seit dem ersten Tag des deutschen Leitindex im Jahr 1988 dabei.

Das sagen Analysten: Die Experten kommen dem jüngsten Absturz der Aktie kaum hinterher. So haben derzeit nur zwei Analysten ein Kursziel unter 10 Euro - größter Pessimist ist Alphavalue-Experte Hans-Peter Wodniok. Er stufte das Papier nach den Zahlen zum dritten Quartal von "Reduce" auf "Sell" - zudem senkte er das Kursziel um 30 Prozent auf 6,65 Euro.

Sorgen bereitet ihm vor allem der hohe Schuldenberg und die Last aus den stark gestiegenen Pensionsrückstellungen, nachdem die Stahlsparte wieder voll in der Konzernbilanz integriert ist. Das ist der Hauptgrund dafür, dass er sein Kursziel so deutlich reduzierte.

Nach den Quartalszahlen senkten viele Experten ihre Kursziele - aber trotz der Reduzierungen liegen die meisten zum Teil noch deutlich über dem aktuellen Kursniveau. Zu den größten Optimisten zählen Jefferies-Experte Alan Spence und Kepler-Cheuvreux-Analyst Rochus Brauneiser - das Kursziel der beiden liegt mit 16 Euro um fast 70 Prozent über dem aktuellen Niveau.

Beide empfehlen das Papier dementsprechend auch zum Kauf. Insgesamt tun das neun der 19 von Bloomberg erfassten Experten, sieben halten sich derzeit bedeckt und geben weder eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung - lediglich drei raten zum Verkauf. Denn die meisten sehen ein großes Potenzial in einem Börsengang der Aufzugsparte

la/dpa/reuters

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