MSCI nimmt China-Aktien auf China bekommt mehr Gewicht - was Anleger wissen müssen

Für Schwellenland-Investoren ist es eine Zeitenwende, für Peking ein Prestigeerfolg: Der Indexanbieter MSCI nimmt erstmals Aktien vom chinesischen Festland auf. Der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt ist für westliche Anleger Neuland, in dem es oft wild zugeht.
Börse in Peking: Der jüngste Crash ist erst zwei Jahre her

Börse in Peking: Der jüngste Crash ist erst zwei Jahre her

Foto: JASON LEE/ REUTERS

Die Entscheidung scheint auf den ersten Blick unspektakulär, doch sie hat an den globalen Finanzmärkten enorme Konsequenzen. Der Indexanbieter MSCI hat in dieser Woche entschieden, ab August 222 so genannte A-Aktien vom chinesischen Festland in seinen viel beachteten MSCI-Aktienindex für Schwellenländer aufzunehmen. Da sich viele aktive und passive Schwellenland-Fonds (ETF) an diesem Index orientieren, rücken damit Aktien in den Einkaufskorb von Investoren, die Anlegern außerhalb Chinas bislang nicht zugänglich waren.

Die globalen Finanzmärkte öffnen sich damit in einem ersten Schritt für chinesische A-Aktien. Die Regierung in Peking feierte nach drei vergeblichen Versuchen den ersehnten Prestigeerfolg auf dem Weg zur Weltwirtschaftmacht. Die Börse in Shenzen, an der die in der chinesischen Währung Renminbi gehandelten A-Aktien gelistet sind, schloss am Donnerstag auf dem höchsten Niveau seit 18 Monaten.

Kein Zweifel: Die internationalen Investoren haben mit Chinas Festland-Börse einen schlafenden Riesen geweckt. Doch was wird dieser Riese mit den internationalen Finanzmärkten anstellen?

Der wilde Riese wird geweckt

Rund 3000 A-Aktien werden an Chinas Festland-Börse gehandelt, mit einer Marktkapitalisierung von 7,5 Billionen US-Dollar bilden die Festland-Aktien nach den USA den zweitgrößten Aktienmarkt der Welt. In dem bislang abgeschotteten Markt geht es nach westlichen Maßstäben oftmals noch wild zu: Einzelne Aktien schwanken extrem stark und werden häufig vom Handel ausgesetzt, andere Titel erweisen sich als kaum liquide. Der Markt wird bislang mehrheitlich von privaten chinesischen Investoren bewegt - viele von ihnen Glücksritter, die auf Pump mit Aktien zocken und das schnelle Geld suchen.

Viele Anleger erinnern sich noch an den Crash an Chinas Festland-Börse im Sommer 2015. Die Regierung in Peking setzte zeitweise mehr als 1300 Unternehmen vom Handel aus, bekam die extremen Schwankungen und den Absturz der Kurse aber nicht in den Griff. Auch an den westlichen Börsen breitete sich damals Nervosität aus - die sich im Wiederholungsfall deutlich verstärken dürfte, denn künftig sind einige dieser Aktien auch in zahllosen Schwellenland-Fonds zu finden.

Nur ein kleiner Schritt?

Der Indexanbieter MSCI betonte in dieser Woche dann auch, dass man mit der Öffnung für chinesische A-Aktien die Fortschritte Chinas bei Kriterien wie Liquidität, Marktzugang oder Kapitalverkehrskontrollen würdige. Außerdem werden nur diejenigen Aktien hinzugefügt, die bestimmten Bedingungen des Stock Connect Systems unterliegen: Das trifft auf 222 Titel zu: Meist sind es große Finanz- oder Industriefirmen, viele von ihnen noch im Besitz des Staates. Rund 18 Milliarden Dollar dürften durch diesen ersten Schritt in chinesische A-Aktien fließen, rechnete MSCI vor. Würde der Festland-Markt vollständig aufgenommen, könnten es rund 350 Milliarden Dollar sein. Dann würde China rund 50 Prozent des Marktgewichts im MSCI-Schwellenlandindex einnehmen. MSCI bezieht in seinen Index bereits länger chinesische Aktien ein, die an den Börsen in Hongkong und in den USA gehandelt werden ("B-Aktien").

Zunächst ist es nur ein kleiner Schritt. Doch das Gewicht Chinas in den weltweiten Schwellenland-Fonds dürfte auf mittlere Sicht rasant wachsen. Umso wichtiger, dass auch Peking selbst seinen Markt zähmt, bevor weitere Milliarden ausländisches Kapital hineinfließen.

Warnzeichen aus China: Zocken auf Pump, Firmen im Übernahmerausch

Dass mit dem Geld ausländischer Investoren die Risken an Chinas Festlandbörse wie von selbst abnehmen werden, darf bezweifelt werden. Warnzeichen gibt es genug.

So warnten Börsianer und Investmentbanker in der gleichen Woche, als Chinas Börse den Ritterschlag durch MSCI feierte, von einer steigenden Zahl von Privatanlegern, die an Chinas Festlandbörse auf Kredit zocken. Sie sind bislang für 80 Prozent des täglichen Handelsvolumens verantwortlich. Viele von ihnen setzen Aktien, in die sie bereits investiert haben, als Pfand für neue Kredite ein. "Wenn die Kurse dann fallen, drohen Zwangsverkäufe und eine Negativspirale", warnt Meng Shen, Manager der Pekinger Investmentbank Chanson. Nach Schätzungen der Bank of America sind derzeit Aktien im Wert von umgerechnet rund 800 Milliarden Euro verpfändet - vier Mal so viel wie vor zwei Jahren, als die Kurse kräftig ins Rutschen kamen. "Häufig werden Aktien gleich mehrfach verpfändet", warnt David Cui von Merrill Lynch.

Doch nicht nur Privatanleger und Börsen-Glücksritter, sondern auch expansionshungrige chinesische Konzerne stellen ein Risiko dar.

Kredite der chinesischen Firmenjäger im Blick der Finanzaufsicht

Kredite im Blick der Finanzaufsicht

Übernahmerausch: Chinas Konzerne haben sich in einen wahren Übernahmerausch gesteigert. Kaum ein Preis scheint zu hoch, um im Ausland Firmen zu übernehmen und auf diese Weise die globale Expansion voranzutreiben.

Deutschland ist für Chinas Firmenjäger ein Top-Ziel: Der chinesische Mischkonzern HNA sorgte für Aufsehen, als er sich nach dem Einstieg bei der US-Hotelgruppe Hilton auch knapp 10 Prozent an der Deutschen Bank sicherte und damit zum größten Einzelaktionär von Deutschlands wichtigster Bank aufstieg. Der Firmenjäger Fosun schluckte die Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser sowie die im MDax notierte Modefirma Tom Tailor. Der Versicherer Anbang gab Milliarden für das New Yorker Luxushotel Waldorf Astoria aus, und der Versicherer Zhejiang Luosen steckt hinter dem Kauf des italienischen Erstligisten AC Mailand.

Nun nimmt die chinesische Bankenaufsicht die Kredite dieser übernahmehungrigen Konzerne unter die Lupe. Banken wurden angewiesen, ihr Engagement bei der Finanzierung von Auslandsübernahmen verschiedener chinesischer Firmen zu bewerten und der Aufsicht mitzuteilen, berichtete die "Financial Times". Unter diesen Firmen sind laut Insidern auch Anbang, Fosun und Deutsche-Bank-Großaktionär HNA. Die Kurse der Firmenjäger gaben daraufhin deutlich nach.

Eine Überprüfung von Kreditrisiken in dreistelliger Milliardenhöhe ist keine Katastrophe - eher ein Zeichen, dass China es ernst meint mit den Reformen am Finanzmarkt. Doch die beiden Beispiele aus China zeigen auch, dass der chinesische Börsenriese nur langsam erwachsen wird - und auf diesem Weg noch für zahlreiche Turbulenzen sorgen dürfte. Anleger, die in Schwellenland-Fonds oder Schwellenland-ETF investieren, schwingen bei diesen Turbulenzen künftig stärker mit.

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