Mögliches Übernahmeziel Monsanto ist für Bayer schwer verdaulich

Übernahmefieber in der Chemiebranche: Bayer und BASF prüfen den Kauf von Monsanto, heißt es. Am weltgrößten Hersteller von genetisch verändertem Saatgut könnten sich die deutschen Chemieriesen jedoch verschlucken. Denn der US-Konzern hat eigene Probleme und ist schwer verdaulich.
Monsanto: Der Saatgutriese aus St. Louis hat eine sehr eigenwillige Unternehmenskultur und gilt als schwer integrierbar. Zugleich herrscht Übernahmefieber in der Branche - auch Bayer und BASF geraten unter Zugzwang

Monsanto: Der Saatgutriese aus St. Louis hat eine sehr eigenwillige Unternehmenskultur und gilt als schwer integrierbar. Zugleich herrscht Übernahmefieber in der Branche - auch Bayer und BASF geraten unter Zugzwang

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BASF und Bayer unter Zugzwang: Übernahmefieber in der Chemiebranche

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Ausgerechnet Monsanto. Es gibt wohl keinen Konzern, der in Deutschland und Europa einen schlechteren Ruf hat als der weltgrößte Saatgut-Hersteller aus St. Louis, Missouri. Wo immer auf der Welt genetisch veränderter Mais oder Sojabohnen heranwachsen - sie gehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf genetisch getuntes Saatgut von Monsanto zurück. Seit Jahren streitet die EU über die weitere Verwendung des möglicherweise krebserregenden Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat - es ist der Wirkstoff des Breitband-Herbizids "Roundup", das Monsanto seit 40 Jahren höchst erfolgreich in aller Welt vertreibt.

Nun prüfen die deutschen Chemiekonzerne Bayer und BASF ein Kaufangebot für Monsanto, meldete am Donnerstag die Nachrichtenagentur Bloomberg. Der US-Riese mit dem miesen Image wird an der Börse mit rund 43 Milliarden Dollar bewertet - und kämpft seit Jahren mit hausgemachten Problemen und einem fallenden Aktienkurs.

Bayer und BASF äußern sich nicht zu einer möglichen Offerte. Dass Börsianer einen solchen Mega-Deal für möglich halten (und den Monsanto-Aktienkurs zweistellig in die Höhe schickten), hat mit dem derzeit grassierenden Übernahmefieber in der Agrarchemie-Branche zu tun.

Die Ausgangslage: Zwei Deals heizen Übernahmefieber an

Fressen oder gefressen werden, lautet derzeit das Motto im Agrarsektor. Die Preise für Agrarprodukte sind am Boden. Die Krisen in Brasilien und anderen großen Schwellenländern verstärken den Druck auf die Spieler der Branche. Geld, um notfalls per Übernahme zu wachsen, ist reichlich vorhanden. In den vergangenen Monaten haben vor allem zwei Deals dafür gesorgt, dass sogar die beiden Dax-Dickschiffe Bayer und BASF in Kürze in unruhiges Fahrwasser geraten könnten.

• Im Dezember schlossen sich die US-Konzerne Dow Chemical und DuPont zum weltgrößten Chemiekonzern DowDuPont zusammen. Mit 130 Milliarden Dollar Börsenwert ist DowDuPont doppelt so viel wert wie der Ex-Spitzenreiter BASF  aus Ludwigshafen. Der neue Riese will sich wieder in drei eigenständige, börsennotierte Unternehmen aufspalten: Eines für den Agrarsektor, eines für die Spezialchemie und eines für den klassischen Chemiesektor. Damit sind für Monsanto, Bayer und BASF drei neue und schlagkräftige Konkurrenten geboren - auf sie wächst der Druck, sich nun ebenfalls Partner zu suchen.

• Derzeit prüfen die Wettbewerbshüter die 43 Milliarden Dollar teure Übernahme des Schweizer Pflanzenschutz-Spezialisten Syngenta durch den staatlichen Chemieriesen Chemchina. Die Zustimmung gilt als wahrscheinlich und dürfte die Branche erneut kräftig durchrütteln. Monsanto selbst war bei Syngenta abgeblitzt, die Schweizer trauten dem US-Konzern nicht über den Weg und hatten sich für den Bieter aus China entschieden. Statt sich selbst mit Syngenta zu stärken, droht Monsanto nun mächtige Konkurrenz durch das neue Bündnis. Und die Amerikaner sind zum Teil selbst schuld daran.

Monsanto: Partner und neue Kursphantasie dringend gesucht

Monsanto ist von einem herrisch auftretenden Fast-Monopolisten zu einem Getriebenen geworden. Der Umsatz ging im abgelaufenen Quartal um rund 13 Prozent auf 4,5 Milliarden Dollar zurück, die Aktie ist in den vergangenen 12 Monaten um rund 15 Prozent eingebrochen. Die Preise für Weizen, Mais und Soja sind gefallen, Farmer kaufen weniger Saatgut, und in Europa tobt die Debatte um ein Verbot genmanipulierter Pflanzen ebenso wie um ein Verbot von Monsantos ewigem Blockbuster Glyphosat.

Das sind Entwicklungen, die die einstige Gewinnmaschine vor ungewohnte Probleme stellen.

Seit Jahrzehnten beherrscht Monsanto als Quasi-Monopolist den Markt für gentechnisch verändertes Saatgut. Entsprechend ruppig geht der Konzern mit Kunden und Wettbewerbern um. US-Farmer klagten bereits vor Gericht gegen überhöhte Preise; der extrem straff organisierte Konzern schickt Landwirten im Gegenzug gerne mal die "Saatgutpolizei" vorbei. Farmer werden wegen Patentverletzung vor Gericht gezerrt, wenn sie Monsanto-Samen ohne Zahlung der fälligen Lizenzgebühren nutzen.

Monsanto-Chef Hugh Grant braucht dringend eine neue Story

Auch gegenüber potenziellen Partnern gibt sich Monsanto als derjenige, der den Ton angibt: Im März bekundete Monsanto-Chef Hugh Grant öffentlich Interesse an Bayers Pflanzenschutzsparte Crop Science, während beide Seiten noch locker über verschiedene Kooperationsmöglichkeiten sprachen. Auch der Schweizer Spezialchemiekonzern Syngenta fühlte sich nach Angaben aus Branchenkreisen von der plötzlichen Offerte und dem forschen Auftritt Monsantos vor den Kopf gestoßen: Syngenta ließ die Amerikaner abblitzen und flüchtete in die Arme der Chinesen.

Monsanto-CEO Grant braucht dringend eine neue Story, um wieder für Kursphantasie zu sorgen. Warum sich also zur Abwechslung nicht einmal selbst als attraktives Übernahmeziel ins Spiel bringen? Die Signale für einen solchen Deal seien vom Monsanto-Management "selbst ausgesandt" und ein Kauf durch Bayer "unwahrscheinlich", sagt Analyst Jeremy Redenius von Bernstein Research. Bayer brauche Monsanto aus strategischer Sicht nicht - allerdings sei eine Übernahme auch nicht auszuschließen, da sich die Geschäftsbereiche beider Unternehmen ergänzen, so Redenius.

Doch für Bayer ist Monsanto noch aus anderen Gründen schwer verdaulich.

Bayer: Neuer Chef, hohe Verschuldung

Es ist erst wenige Wochen her, dass der neue Bayer-Chef Werner Baumann seinen Vorgänger Marijn Dekkers ersetzt hat. Der Niederländer Dekkers hatte den Aktienkurs des Leverkusener Chemieriesen auf neue Höhen getrieben. Zuvor hatte Bayer den 2006 übernommenen Pharmakonzern Schering erfolgreich integriert - unter anderem unter Mitwirkung Baumanns.

Rund 90 Milliarden Dollar ist Bayer  inzwischen an der Börse wert, die Verschuldung ist im Verhältnis zum freien Cashflow vergleichsweise hoch. Möglicherweise zu hoch, um eine 50 Milliarden teure Übernahme zu stemmen. Zu dem aktuellen Börsenwert von Monsanto von 42 Milliarden Dollar käme ja noch eine Übernahmeprämie hinzu.

Bayer will außerdem seine Sparte Crop Science eher ausbauen als verkaufen - zumal Bayers Schwerpunkt in diesem Bereich eher auf Pflanzenschutzmitteln wie dem Insektizid Sivanto liegt. Und diese Produkte verkaufen sich aktuell besser als das Saatgut von Monsanto. Stillstand kann sich Bayer dennoch nicht leisten: Sollte die geplante Fusion von Syngenta und Chemchina besiegelt werden, dürfte auch Bayer auf Partnersuche gehen.

BASF: Druck aus China, Zurückhaltung bei Zukäufen

Der Chemieriese aus Ludwigshafen hat durch die Fusion von Dow Chemical und DuPont die Position des Branchenführers verloren. Gleichzeitig setzt die Konjunkturschwäche in China und anderen Schwellenländern dem Grundstoff-Lieferanten zu. Der Börsenwert der BASF ist zuletzt auf knapp 70 Milliarden Dollar geschrumpft. Eine 50 Milliarden Dollar teure Übernahme scheint da eine Nummer zu groß.

BASF-Chef Kurt Bock hatte zuletzt betont, man wolle bei möglichen Übernahmen "sehr diszipliniert" vorgehen - ein teures Abenteuer mit Monsanto erscheint da unwahrscheinlich.

Dennoch: Die nahende Fusion zwischen Syngenta und Chemchina verstärkt die Probleme der BASF erheblich. China ist bislang einer der wichtigsten Absatzmärkte der BASF, und es ist wahrscheinlich, dass der staatliche Chemieriese Chemchina mit Hilfe von Syngenta den heimischen Markt in Zukunft selbst versorgen wird. Hinzu kommen die bereits vollzogenen und noch möglichen Fusionen: Dow mit Dupont, Chemchina mit Syngenta, Bayer vielleicht mit Monsanto - das könnte eines Tages ein Szenario sein, in dem die BASF selbst zu einem Übernahmeziel wird.

Frankenfood: Die ganz speziellen Probleme von Monsanto

Bei Bayer in Leverkusen wie auch bei BASF in Ludwigshafen denken deshalb viele Manager und M&A-Spezialisten darüber nach, wie man sich angesichts der raschen Konsolidierung in der Branche stärken kann. Monsanto aber sei derzeit kein schmackhafter Übernahmekandidat, heißt es in der Branche: Wegen seiner sehr eigenwilligen Unternehmenskultur sei der US-Riese schwer zu integrieren.

Monsanto gegen den Rest der Welt: Die Konzernzentrale liegt mitten in Missouri, umgeben von riesigen Mais- und Sojafeldern, wo auch die US-Gesetzgeber keine Probleme mit genetisch veränderten Pflanzen haben. Von dort aus wollte Monsanto im Sturm die Welt erobern, mit harten Vorgaben und straffen Hierarchien - und stellte überrascht fest, dass der Rest der Welt doch etwas anders tickt.

Er werde noch einmal "verrückt" wegen dieser zermürbenden Debatte über genetisch veränderte Pflanzen, hatte Monsanto-CEO Hugh Grant vor wenigen Wochen gegenüber CNN eingestanden. (Grant: "That drives me a little bit nuts") Dabei ginge es doch nur darum, die Menschheit (mithilfe von Monsanto-Saat und des Breitband-Pestizids Roundup) endlich satt zu bekommen.

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BASF und Bayer unter Zugzwang: Übernahmefieber in der Chemiebranche

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Dass die Verlängerung der Zulassung des Wirkstoffes Glyphosat in der EU aktuell wieder auf der Kippe steht (auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat sich jetzt dagegen ausgesprochen), wusste Grant zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch an den genetisch getunten Mais- und Soja-Pflanzen haben nicht nur Europäer, sondern auch afrikanische Farmer etwas auszusetzen: Warum sollten sie hohe Lizenzgebühren für Monsanto-Saatgut bezahlen, wenn ihre Hauptabnehmer, die Europäer, so etwas gar nicht essen?

Und nun auch noch Ärger in der Heimat. Die US-Restaurantkette Chipotle hat angekündigt, künftig auf "Frankenfood", wie gentechnisch veränderte Nahrungsmittel von ihren Gegnern genannt werden, zu verzichten.

Monsanto-Chef Grant weiß: Er muss Verbündete finden, Kritiker mit Hilfe von Lobbyarbeit umstimmen. Auf diesem Feld hat Monsanto sehr viel Erfahrung. Doch diesmal muss der Konzern nicht nur Kunden überzeugen, sondern auch mögliche Partner oder Käufer auf dem Kapitalmarkt. Und für die bleibt Monsanto schwere Kost.