Saudi-Arabiens Prinz "Mr Everything" Dieser 30-Jährige will das Öl-Imperium neu erfinden

Mohammed bin Salman mit typischem Siegerlächeln

Mohammed bin Salman mit typischem Siegerlächeln

Foto: REUTERS

Dieser Mann steuert auf seinen ganz großen Auftritt zu. Am Montag enthüllt Mohammed bin Salman al-Saud seine "Vision für das Königreich Saudi-Arabien". Alles neu, alles anders, so viel ist steht schon fest für die größte Volkswirtschaft des Nahen Ostens. Und die Macht liegt in der Hand eines 30-jährigen jungen Wilden, der noch vor wenigen Jahren am Königshof in Ungnade gefallen war.

Saudi-Arabiens Volkswirtschaft ist zwar nur so groß wie die von Nordrhein-Westfalen und auch als Öllieferant nicht sonderlich bedeutend für Deutschland - dennoch könnte sich weltweit auswirken, was Mohammed bin Salman plant.

Stolz präsentiert die "Bloomberg Businessweek" den Saudi auf dem Titel ihrer aktuellen Ausgabe  , mit einem ausführlichen Porträt nach acht Stunden Interview, in denen er sich auch von seiner persönlichen Seite zeigte - was die bisherigen Auftritte bei "Economist"  und "Financial Times"  zu seinen wirtschaftspolitischen Ansichten schlägt.

Zweiter Kronprinz vor dem Ersten

Porträt von König Salman mit Erstem Kronprinz Mohammed bin Naif (rechts) und Zweitem Kronprinz Mohammed bin Salman in Riad

Porträt von König Salman mit Erstem Kronprinz Mohammed bin Naif (rechts) und Zweitem Kronprinz Mohammed bin Salman in Riad

Foto: Getty Images

Formell ist Mohammed bin Salman nur stellvertretender Kronprinz, seit sein 80-jähriger Vater Salman vor einem Jahr den Thron übernahm. Vor ihm käme noch Innenminister Mohammed bin Naif aus einem anderen Zweig des Herrscherhauses an die Reihe - könnte aber schnell ausgetauscht werden, falls es das dynastische Gleichgewicht zulässt. Sein Vorgänger hielt sich nur wenige Monate.

Westliche Diplomaten haben Mohammed bin Salman jedenfalls den Beinamen "Mr Everything" verliehen und sehen ihn als den eigentlich Mächtigen im Königreich an - und der tut nun alles, um diesen Eindruck zu nähren.

Zu seinem Amt als Verteidigungsminister kamen seit Anfang 2015 noch der Posten als Vorsitzender des königlichen Gerichts, die Kontrolle über den wohl weltgrößten Konzern Saudi Aramco, der Vorsitz des neu geschaffenen Wirtschaftsrats und des noch zu bildenden weltgrößten Staatsfonds hinzu.

Der Zwei-Billionen-Dollar-Schatz

Förderanlage von Saudi Aramco, dem mutmaßlich wertvollsten Konzern der Welt

Förderanlage von Saudi Aramco, dem mutmaßlich wertvollsten Konzern der Welt

Foto: BILAL QABALAN/ AFP

Zwei Billionen Dollar soll der neue Staatsfonds umfassen, mehr als doppelt so viel wie die bisher größten Vertreter des Genres aus dem kleinen Nachbaremirat Abu Dhabi oder dem europäischen Ölstaat Norwegen.

Dafür sorgt schon die Tatsache, dass der Prinz - neben dem ebenfalls gewaltigen Chemieriesen Sabic - den Staatskonzern Saudi Aramco in den Fonds einbringen will, der allein schon mindestens einen Billionenwert auf die Waage bringen soll.

Ob das stimmt, wird sich 2017 oder 2018 überprüfen lassen, wenn nach Mohammed bin Salmans Willen ein Anteil von höchstens 5 Prozent der Aktien an die Börse gebracht wird - in Umkehrung der wenige Jahre vor seiner Geburt abgeschlossenen Nationalisierung des ursprünglich von amerikanischen Multis gegründeten Unternehmens.

Aramco verfügt mit Abstand über die größte Produktionskapazität der Branche und auch die größten günstig zu erschließenden Ölreserven. Trotzdem sieht der Plan des Prinzen vor, Öl nur noch als ein Investment des Fonds unter anderen zu betrachten anstatt als einzige Quelle von Reichtum und Macht. "Ich will das Denken über Öl ändern", erklärt Mohammed bin Salman. In 20 Jahren solle das Land nicht mehr hauptsächlich davon abhängen.

"Der Ölpreis ist uns egal"

Nur noch repräsentativ: Ölminister Ali al-Naimi in der Mitte seiner Kollegen auf dem Opec-Treffen in Katar

Nur noch repräsentativ: Ölminister Ali al-Naimi in der Mitte seiner Kollegen auf dem Opec-Treffen in Katar

Foto: AFP

"30 oder 70 Dollar, der Ölpreis  ist uns egal", prahlt der Prinz. "Das ist nicht meine Schlacht." Kaum zu glauben, steht und fällt doch der Staatshaushalt und damit der soziale Frieden im Land mit den Rohstoffeinnahmen. Nun muss sich das stolze Königreich erstmals seit einer Generation wieder neu verschulden .

Doch seine Argumentation, Saudi-Arabien könne den Ölmarkt ohnehin nicht mehr steuern wie früher, ist durchaus plausibel. Das Exportkartell Opec mit den Saudis als Führungsmacht wird dadurch obsolet.

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Katzenjammer in Houston: Diese Öl-Granden klagen sich gegenseitig ihr Leid

Foto: ? Richard Carson / Reuters/ REUTERS

Dass er es ernst meint, zeigte sich beim jüngsten Opec-Treffen in Katar, wo erstmals seit Jahren ein Beschluss zur kollektiven Produktionskürzung auf dem Tisch lag und sogar der aktuell größte Produzent Russland als Nicht-Mitglied mitmachen wollte. Doch Mohammed bin Salman entschied: Wenn der Erzrivale Iran nicht mitmacht, der nach jahrelangen Sanktionen wieder mehr Öl verkaufen will, tun wir es auch nicht.

Das Signal: Saudi-Arabiens Ölminister Ali al-Naimi, seit 20 Jahren im Amt und die Schlüsselfigur der Opec, ist entmachtet. Das Sagen über Saudi Aramco hatte er zuvor schon an den Omniprinz verloren.

Thatcher auf der Arabischen Halbinsel

FILE - In this Friday, Dec. 11, 2015 photo, Saudi women shop at a mall in Riyadh, Saudi Arabia. The kingdom has announced on Monday, Dec. 28, 2015 a projected budget deficit in 2016 of $87 billion (327 billion riyals), as lower oil prices cut into the governments main source of revenue.(AP Photo/Khalid Mohammed, File)

FILE - In this Friday, Dec. 11, 2015 photo, Saudi women shop at a mall in Riyadh, Saudi Arabia. The kingdom has announced on Monday, Dec. 28, 2015 a projected budget deficit in 2016 of $87 billion (327 billion riyals), as lower oil prices cut into the governments main source of revenue.(AP Photo/Khalid Mohammed, File)

Foto: AP/dpa

Vom Börsengang Aramcos erhofft sich Mohammed bin Salman nicht nur frisches Geld, sondern auch mehr wirtschaftliche Disziplin - der Staatskonzern soll nicht mehr als Quelle für allerlei Subventionen von Bildung bis Küstenschutz dienen.

Auf die Frage des "Economist", ob er eine "thatcheristische Revolution" einleite, antwortete der Prinz: "Auf jeden Fall." Er nennt Steve Jobs und Bill Gates als Vorbilder, umgibt sich mit (einheimischen) Beratern, die von westlichen Eliteunis und Consulting-Firmen wie McKinsey geschult sind - und hält sie noch dazu an, besonders unverblümt die Probleme des Landes anzusprechen.

So lässt er enthüllen, dass Saudi-Arabien entgegen dem Glauben der Außenwelt 2015 auf bestem Weg in die Staatspleite gewesen sei, so schnell schwanden die Devisenreserven. Sein Berater bekennt sich nach Aufforderung dazu, vor einem Jahr "am Rand des Nervenzusammenbruchs" gestanden zu haben (jetzt aber werde alles besser).

Etliche Subventionen ließ der Prinz direkt nach Amtsantritt kräftig kürzen, was die Haushaltspreise für Wasser, Strom, Gas oder Benzin unmittelbar vervielfachte.

Steuern "gibt es nicht", betont der Kronprinz zwar das alte Mantra. Aber er ließ doch eine Mehrwertsteuer zumindest auf nicht lebenswichtige Güter einführen. Zugleich betont er, seine Revolution solle die Volksmassen schonen und den Luxus der Privilegierten einschränken (die "Bloomberg"-Reporter zeigten sich von Salmans eigenen Residenzen und dem Mercedes-Fuhrpark dennoch angemessen beeindruckt). Direkte Einkommenshilfen sollen die steigenden Preise abfedern.

Irgendwas ohne Öl - aber was?

Ziemlich viel Leerstand im König-Abdullah-Finanzbezirk

Ziemlich viel Leerstand im König-Abdullah-Finanzbezirk

Foto: FAISAL AL NASSER/ REUTERS

Die Idee, irgendwas ohne Öl zu machen, um den Wohlstand für kommende Generationen zu sichern, ist nicht neu. Vor allem die kleineren Nachbarstaaten am Golf machen es vor.

In Saudi-Arabien selbst entstanden in den vergangenen Jahren bereits ambitionierte Projekte wie der König-Abdullah-Finanzbezirk in Riad, der jedoch von Leerstand und Baustopps geprägt ist. In der Hafenstadt in Dschidda ist ein kilometerhoher Turm in Bau, Fertigstellung für 2020 geplant. Woher aber soll die wirtschaftliche Dynamik kommen, um all die neuen Räume für eine moderne Wirtschaft zu füllen?

Trotz Massenpanik - noch mehr Pilger nach Mekka

Ungenutztes Potenzial? Andrang muslimischer Pilger zur Hadsch in Mekka im September 2015

Ungenutztes Potenzial? Andrang muslimischer Pilger zur Hadsch in Mekka im September 2015

Foto: Mosa'ab Elshamy/ AP

Etwas überraschend wirkt die Aussage des Prinzen, Saudi-Arabien als Hüter der heiligen Stätten des Islam habe noch "ungenutztes Potenzial für religiösen Tourismus".

In und um Mekka wurde die Infrastruktur in den vergangenen Jahren bereits gewaltig aufgerüstet, zur Hadsch kommen alljährlich um die zwei Millionen Pilger. Im vergangenen September kam es dabei zu einer Massenpanik mit hunderten Toten, das wohl prägendste Ereignis der Amtszeit von König Salman. Und da sollen noch mehr anreisen?

Lasst die Wüste blühen

Weizenanbau in Saudi-Arabien: Die Landwirtschaft als Vorzeigebranche?

Weizenanbau in Saudi-Arabien: Die Landwirtschaft als Vorzeigebranche?

Foto: AFP

Nicht minder überraschend ist Mohammed bin Salmans Verweis auf Landwirtschaft und Molkerei als Erfolgsbeispiele für saudische private Unternehmen. Ausgerechnet eines der wasserärmsten Länder der Erde habe es zum Exporteur von Nahrung gebracht.

Das Beispiel scheint die Ansichten des Prinzen auf den Punkt zu bringen - aus Mangel wie dem an Wasser in Saudi-Arabiens Fall entsteht Kreativität und Unternehmergeist, während Überfluss wie der an Öl zu Dekadenz verführt.

Der größte Triumph

Foto: REUTERS

Der größte Triumph des Kronprinzen ist Wohl sein Posten als Verteidigungsminister, den sein Vater vor dem Aufstieg zum König innehatte. Zeitweise diente der junge Mohammed bin Salman ihm als Berater, bis der damalige Monarch Abdullah den als zu ungestüm und machthungrig empfundenen Nachkommen auf Lebenszeit von den Fluren des Ministeriums verbannte. Angeblich versöhnten sie sich später, einig über die Notwendigkeit der tiefgreifenden Reform des Landes.

Auch in dieser Rolle deckt der Prinz Schwächen auf und lässt sich ganz ähnlich seiner deutschen Kollegin Ursula von der Leyen von professionellen Beratern helfen: "Wir sind der viertgrößte Rüstungskunde weltweit, aber in der Qualität unserer Waffen kommen wir kaum unter die Top 20."

Am meisten Wirkung entfaltet Mohammed bin Salman in diesem Amt jedoch als Kriegstreiber. Er gilt als der führende Kopf hinter den Angriffen auf die Huthi-Rebellen im Jemen, der erste große Krieg der Saudis seit Jahren. Der "Independent" zitiert aus einem Bericht des BND, der warnte, unter dem jungen Prinzen werde die bisher besonnene Außenpolitik der Saudis "impulsiv". Naiv und arrogant, fügt die Zeitung noch als Attribute hinzu.

Frauen ans Steuer ...

Großmufti Scheich Abdulaziz al-Scheich: Gegenspieler des Modernisierers

Großmufti Scheich Abdulaziz al-Scheich: Gegenspieler des Modernisierers

Foto: AP

Gegenüber den westlichen Journalisten präsentiert sich der Kronprinz auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht als Modernisierer. Seine Generation - die meisten seiner Landsleute sind sogar jünger - sei mit Computern und Videospielen aufgewachsen, und: "Wir haben es nicht mehr so mit der Polygamie." Ihm selbst genüge eine Ehefrau völlig, um noch mehr könne er sich auch gar nicht kümmern.

Mohammed bin Salman zeigt sich auch offen für die Idee, Frauen Autos fahren zu lassen oder überhaupt mehr Raum im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben zu geben. Damit legt er sich mit den konservativen Religionsführern an, deren Allianz mit dem Königshaus in den vergangenen Jahrzehnten Saudi-Arabien zur Schutzmacht der Fundamentalisten gemacht hat. Einige Reformen in dieser Richtung scheint es tatsächlich zu geben. Die Kompetenzen der Religionspolizei wurden jüngst eingeschränkt.

... aber zum Henker mit der Opposition

Keine Rücksicht: Protest im Irak gegen die Hinrichtung des schiitischen Predigers Nimr al-Nimr

Keine Rücksicht: Protest im Irak gegen die Hinrichtung des schiitischen Predigers Nimr al-Nimr

Foto: AFP

Unversöhnlich zeigt sich Mr Everything jedoch als oberster Richter. An den hunderten von Hinrichtungen wie der des prominenten schiitischen Predigers Nimr al-Nimr im Januar gebe es nichts auszusetzen, das seien nun einmal die Entscheidungen der Gerichte - Eskalation in der Region und insbesondere gegenüber dem Iran hin oder her.

Das neue Saudi-Arabien betont zwar die alten Allianzen mit Türkei, Ägypten, Israel und vor allem den USA (deren Präsident Barack Obama in dieser Woche König Salman besuchte). Doch diese Verhältnisse sind angesichts der verflossenen Ölmacht brüchig geworden. Vor allem gegenüber den Amerikanern mischen sich zwischen die Treuebekundungen aus Riad auch Drohungen.

Wenn das Parlament in Washington ein Gesetz durchbringt, das Klagen von Opfern der Terroranschläge des 9. September 2001 gegen das Königreich zuließe, könnte Saudi-Arabien im Gegenzug 750 Milliarden Dollar an US-Vermögenswerten abstoßen, berichtete die "New York Times". Damit würde das Land zwar erhebliche Verluste riskieren. Aber die sind in der Welt von Mohammed bin Salman eben durchzuhalten.


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