United Internet schluckt Drillisch Dommermuth will vierte Mobilfunk-Macht schmieden

Der Internet- und Telekomkonzern United Internet will weitere 50 Prozent der Anteile am Mobilfunker Drillisch übernehmen. Zusammen kämen sie auf gut 12 Millionen private Telefon- und Mobilfunkkunden. Die Börse feiert die ganze Branche.
Ralph Dommermuth: Der Chef von United Internet will den Wettbewerber Drillisch großteils übernehmen und damit einen weiteren Player neben Deutsche Telekom, Vodafone und Telefonica Deutschland schmieden

Ralph Dommermuth: Der Chef von United Internet will den Wettbewerber Drillisch großteils übernehmen und damit einen weiteren Player neben Deutsche Telekom, Vodafone und Telefonica Deutschland schmieden

Foto: picture alliance / dpa

United Internet will den kleineren Mobilfunkanbieter Drillisch zu einem Großteil übernehmen und damit den drei großen deutschen Telefongesellschaften Paroli bieten. Der Internet-Konzern bringt dazu die Mobilfunk- und Festznetz-Tochter 1&1 Telecommunication für 5,85 Milliarden Euro bei Drillisch ein und übernimmt im Gegenzug in zwei Schritten die Mehrheit an dem Unternehmen bei Frankfurt.

Daraus solle neben der Telekom, Vodafone und Telefonica "eine starke vierte Kraft im deutschen Telekommunikationsmarkt" entstehen, teilten United Internet und Drillisch am Freitag mit. Zu Drillisch gehören Marken wie smartmobil.de, yourfone und simply.

An der Börse und unter Analysten kam der angekündigte Deal überwiegend positiv an. Aktien des Tec-Dax-Schwergewichts United Internet schnellten am Vormittag in der Spitze 11,8 Prozent auf 47,78 Euro in die Höhe. Die Papiere von Drillisch rückten um knapp 9 Prozent auf 52,74 Euro vor.

United Internet  ist an der Börse derzeit inklusive des Kurssprungs vom Freitag knapp 9,6 Milliarden Euro wert - und damit deutlich mehr als zum Beispiel der Dax-Konzern Deutsche Lufthansa. Dommermuth selbst gehören 40 Prozent der Anteile.

"Der Deal macht absolut Sinn", urteilte ein Händler. "Damit entsteht ein neuer großer Spieler am Markt."

Der Zusammenschluss habe einen langfristig positiven Effekt für die ganze Branche, erklärten die Analysten von Bernstein. Er sei der logische nächste Schritt für die Konsolidierung der überlaufenen deutschen Mobilfunkbranche. Auch die Experten der britischen Bank Barclays werten die angestrebte Fusion als positiven Schritt für den deutschen Telekommarkt, weil dadurch der scharfe Wettbewerb im unteren Preissegment gemildert werden dürfte.

Warum Telefonica Deutschland von dem Deal profitieren dürfte

Auch die Aktien von Telefonica Deutschland kletterte um rund 3 Prozent. Ein Händler kommentierte, die Münchener könnten die wahren Nutznießer des Deals werden, weil sich United Internet und Drillisch im unteren Preissegment bisher einen starken Wettbewerb mit hohem Druck auf die Preise geliefert haben. Davon ist Telefonica mit seinen günstigeren Marken wie Blau ebenfalls betroffen.

Und: Der Großteil der neuen Vertragskunden, die Telefonica im deutschen Netz gewinnt, kommen von United Internet und Drillisch. Telefonica Deutschland wolle mit den beiden langjährigen Partnern auch weiter gut zusammenarbeiten, sagte ein Sprecher.

"1&1 verfügt über eine starke Marke, einen riesigen Kundenstamm und enorme Vertriebskraft. Drillisch ist ein schnell wachsender Mobilfunkanbieter mit einem attraktiven Produktportfolio", sagte Dommermuth.

Drillisch hat exklusiven Zugang zu Telefonica-Netz

Der Mitgründer und größte Aktionär von United Internet hatte Übernahmeabsichten in den vergangenen Jahren mit Verweis auf den stark gestiegenen Aktienkurs von Drillisch kleinzureden versucht. Drillisch ist aber vor allem deshalb attraktiv, weil das Unternehmen mit Telefonica Deutschland einen Deal zur Netzmiete eingegangen ist. Drillisch kann demnach bis zu 20 Prozent der Netzkapazitäten des Münchener O2-Betreibers nutzen - und hat eine Option auf weitere 10 Prozent bis 2020.

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Unter anderem dadurch erwartet United Internet Synergieeffekte von 150 Millionen Euro bis 2020. Fünf Jahre später sollen diese sogar auf 250 Millionen Euro steigen. Die Integration soll zunächst aber rund 50 Millionen Euro kosten. Die Netzmiete war eine Voraussetzung der Aufseher für die milliardenschwere E-Plus-Übernahme durch Telefonica 2014.

Dommermuth will 73 Prozent und die neue Gesellschaft führen

United Internet war vor mehr als einem Jahr mit 20,1 Prozent bei Drillisch eingestiegen. Nun soll die Beteiligung über zwei Kapitalerhöhungen auf 72,7 Prozent steigen. Geld soll bei dem Deal nicht fließen. Eine vollständige Übernahme sei nicht das Ziel von United, betonte CEO Ralph Dommermuth in einer Telefonkonferenz.

Die Aktionäre von Drillisch erhalten ein Übernahmeangebot über 50 Euro je Aktie, das nur 3 Prozent über dem Schlusskurs vom Donnerstag liegt. Drillisch solle aber an der Börse notiert bleiben.

Die Führung der künftigen Tochtergesellschaft will Dommermuth selbst übernehmen, der bisherige Drillisch-Chef Vlasios Choulidis wechselt in den Aufsichtsrat.

Mit dem Zusammenschluss wird auch die Konkurrenz für Freenet größer, das ebenfalls ohne eigenes Netz Vorleistungen von Netzbetreibern kauft und weitervermietet.

Abwicklung der Fusion durchaus komplex

Technisch ist die Abwicklung der Fusion komplex. Im ersten Schritt stockt United Internet seinen Drillisch-Anteil auf gut 30 Prozent auf. Für den größten Teil der Transaktion braucht Drillisch die Zustimmung von 75 Prozent der Aktionäre. Sie sollen am 25. Juli auf einer Hauptversammlung eine Verdreifachung des Kapitals beschließen. Die neuen Aktien gehen an United Internet, die im Gegenzug ihre Telekommunikations-Tochter komplett bei Drillisch einbringt.

Dommermuths Reich wächst - Fusioniert mehr als 12 Millionen Telefon- und Mobilfunk-Kunden

United Internet und Drillisch haben zusammen mehr als zwölf Millionen Telefon- und Mobilfunk-Kunden und kommen auf einen Umsatz von mehr als 3,2 Milliarden Euro. 1&1 hat dabei 8,7 Millionen Telefon- und Mobilfunk-Kunden unter Vertrag, Drillisch steuert 3,62 Millionen Handy-Kunden bei. Das Großkunden-Geschäft von 1&1 bleibt dabei außen vor.

1&1, GMX und Web.de - Dommermuths Beteiligungsgeflecht

United Internet mit Marken wie 1&1, GMX und Web.de ist eines der wenigen übriggebliebenen deutschen Unternehmen aus der Zeit des Internetbooms an den Börsen rund um die Jahrtausendwende. Dommermuth gilt als begnadeter Verkäufer, aber auch als strategischer Kopf. In jüngster Zeit fädelte er einige Deals ein, die sein Unternehmen auch in Zukunft wachsen lassen sollen. Damit hat er sich ein Geflecht an Beteiligungen in der Telekombranche aufgebaut.

Zum einen ist United Internet europäischer Marktführer im sogenannten Webhosting, dem Speichern von Webseiten und Daten auf Servern im Internet. Erst jüngst kaufte Dommermuth der Telekom deren Anbieter Strato ab.

Daneben ist United Internet mit 8 Prozent am Start-up-Brutkasten Rocket Internet beteiligt, dessen drastischen Kursverluste Dommermuth allerdings nicht so viel Freude bereitet haben dürften. Schließlich ist United Internet mit einem Viertel Großaktionär am Kabelnetzbetreiber Tele Columbus. United Internet steckt auch hinter dem Glasfasernetzanbieter Versatel.

Die Sparte mit Internetanwendungen für Geschäftskunden will Dommermuth auf mittlere Sicht an die Börse bringen, um weiter zukaufen zu können. Dazu hat er sich den Finanzinvestor Warburg Pincus an Bord geholt, bei dem Ex-Telekom-Chef Rene Obermann die Fäden zieht.

Eingedenk des Geschäfts "Applications" mit den Bereichen Hosting, Cloud und E-Business umfasst, zählte die United Internet AG Ende 2016 laut Geschäftsbericht  insgesamt 16,97 Millionen Kundenverträge mit einem Umsatz von rund 3,9 Euro.

rei mit Nachrichtenagenturen
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