Keine Corona-Hilfen bei Restrukturierung Das fatale Loch im Rettungsschirm

Von Robert Brech
Von Robert Brech
Kredite von der KfW: Wer investiert und restrukturiert, verliert

Kredite von der KfW: Wer investiert und restrukturiert, verliert

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

An Versprechungen mangelte es nicht, als die Bundesregierung aufgrund der Corona-Pandemie das öffentliche und wirtschaftliche Leben herunterfuhr. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen könnten sich auf finanzielle Unterstützung der Bundesregierung verlassen, beteuerte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). "Wir lassen niemanden allein", versicherte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU). Es dürfe und es werde "keine Solidaritätslücke" geben.

Robert Brech
Foto: RBC

Robert Brech ist Turnaround-Experte und geschäftsführender Gesellschafter der Restrukturierungsberatung RBC in Hattersheim bei Frankfurt. Der ehemalige Kaufhof-Manager begleitete zahlreiche Unternehmen bei der Sanierung, darunter die Textilkette SinnLeffers und den Warenhausbetreiber Woolworth. Sein aktuelles Mandat ist der Bürobedarfshändler Kaut-Bullinger in München.

Wirklich nicht? Trotz mancher Nachbesserungen am Corona-Rettungsschirm, etwa für Start-ups oder bei der Staatshaftung für KfW-Kredite, fällt eine Gruppe von Unternehmen bei fast allen staatlichen Hilfsmaßnahmen gnadenlos durchs Raster: Firmen, die in einer Restrukturierung stecken oder diese erst vor Kurzem abgeschlossen haben.

Scholz zufolge kommen nämlich nur Unternehmen in den Genuss von Unterstützungsleistungen, die schon im Vorjahr wirtschaftlich tätig waren - und die in den vergangenen drei Jahren Gewinn gemacht haben. All jene, die aufgrund von Investitionen oder auch Restrukturierungen zuletzt keine positiven Ergebnisse vorweisen konnten, sind damit automatisch ausgeschlossen. Was für eine fatale Fehlentscheidung!

Wer investiert, verliert

Eine vor der Corona-Pandemie bereits begonnene Restrukturierung darf bei der Vergabe von Notfallkrediten keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Gerade Unternehmen, die massiv in den Umbau und damit ihre Zukunft investiert haben, haben nahezu keine finanziellen Puffer, um die aktuell wegbrechenden Aufträge abzufangen.

Fehlende Tageseinnahmen bringen sofort die Liquidität in Gefahr und erhöhen das Risiko, über Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung in der Insolvenz zu landen. Die sicher gut gemeinten Sofortmaßnahmen zur Liquiditätssicherung greifen für viele nicht. Oder reichen bei Weitem nicht aus. Und wie verlockend sind in Aussicht gestellte Steuerentlastungen für Firmen, die während einer Restrukturierungsphase ohnehin kaum Steuern zahlen?

Viele Unternehmen stellen derzeit Vergleichsrechnungen an, ob es sich überhaupt lohnt, einen Antrag auf Staatshilfe zu stellen - oder ob eine geordnete Insolvenz nicht der bessere Weg ist, siehe Karstadt Kaufhof. Viele Firmen, die momentan in dieser Lage stecken, sind Mittelständler, denen trotz aller gegenteiligen Beteuerungen aus Berlin nach der aktuellen Gesetzeslage nicht geholfen wird. Ihnen wird einfach keine Bedeutung beigemessen. Der Rettungsschirm hat nach wie vor gewaltige Löcher -und der Mittelstand rutscht durch.

Die Corona- Krise dürfte den stärksten wirtschaftlichen Einbruch seit Kriegsende auslösen, erste Hochrechnungen gehen während des Shutdowns von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 50 Milliarden Euro aus - pro Woche! Der deutsche Textilhandel registriert schon jetzt einen Umsatzeinbruch von mehr als 80 Prozent. Folgerichtig haben Deutschlands Mittelständler alle Kosten verursachenden Positionen nahezu komatös heruntergefahren. Dieser Zustand ist nicht mehr lange durchzuhalten. Kunden zahlen ihre Rechnungen nicht, lehnen die Annahme bestellter Waren ab oder senden diese einfach zurück. In den Lagerhallen stapeln sich die Retouren, Valutaanträge werden rigoros abgelehnt. Große Teile der mittelständischen Wirtschaft vegetieren in Kurzarbeit von bis zu 80 Prozent, im völlig geschlossenen Einzelhandel sind es 100 Prozent. Und selbst wenn die Einschränkungen aufgrund der Pandemie in absehbarer Zeit langsam zurückgenommen werden, wird das die Umsatzkrise nicht beenden: In Asien liegen die Erlöse im stationären Einzelhandel nach der Pandemie bei nur bei etwa 35 Prozent des Niveaus der Vor-Corona-Zeit.

Die Politik lässt den Mittelstand im Stich

Doch der deutsche Mittelstand wäre nicht jahrzehntelang so erfolgreich gewesen, wenn er nicht erkannt hätte, dass in Krisen immer auch Chancen liegen. So auch diesmal. Mittelständler reagieren schneller als schwerfällige Großkonzerne, ihre Wege aus der Krise heißen Sofortmaßnahmen und Kreativität: Aufnahme neuer Produkte ins Portfolio, Fokussierung auf Online-Vertriebskanäle, frühzeitige Planung der Zeit nach Corona. Wer jetzt konventionell und konservativ denkt, riskiert, dass der aktuelle Lockdown in einer Jahrhundertkatastrohe endet.

Wer nicht untergehen will, muss kämpfen lernen. Bisher vermittelt die Politik den Eindruck, dass sie sich wie so oft vorrangig um die Großkonzerne kümmert, den Mittelstand aber im Stich lässt. Dazu darf es nicht kommen, es wäre ein nicht wieder gut zu machendes politisches Großversagen. Ich empfehle jedem Berufspolitiker, den Kontakt zu Unternehmen in seiner Region aufzunehmen, um sich über die Auswirkungen der politischen Maßnahmen vor Ort inhaltlich zu informieren. Insbesondere bei den Firmen, die gerade massiv investiert oder restrukturiert haben - und die nun um die Früchte ihrer Arbeit gebracht werden.

Robert Brech ist Turnaround-Experte und geschäftsführender Gesellschafter der Restrukturierungsberatung RBC in Hattersheim bei Frankfurt.