Generationswechsel im Mittelstand "Der Mittelstand zieht Gründer und Digital Natives an"

Die Marktbedingungen für Unternehmen verändern sich rasant - und ebenso rasch vollzieht sich derzeit ein Generationswechsel bei deutschen Firmen. Dieser doppelte Wandel bietet viele Chancen, sagt Commerzbank-Vorstand Michael Reuther. Doch nicht jeder nutzt sie - und einige "Hidden Champions" riskieren ihre Zukunft.
Deutscher Mittelstand: "Zwei Drittel der Unternehmen werden bis 2020 eine neue Führung haben. Zugleich verändern sich Produktion, Vertrieb und Märkte rasant"

Deutscher Mittelstand: "Zwei Drittel der Unternehmen werden bis 2020 eine neue Führung haben. Zugleich verändern sich Produktion, Vertrieb und Märkte rasant"

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mm.de: Herr Reuther, es gibt derzeit kaum eine Studie über den deutschen Mittelstand, in der nicht die Schlagworte "Umbruch", "Disruption" oder "strategische Neuausrichtung" vorkommen. Warum ist "Neues Denken" eigentlich so wichtig? Bislang waren die meisten deutschen Mittelständler doch auch mit ihren erprobten Rezepten höchst erfolgreich.

Michael Reuther
Foto: Commerzbank

Michael Reuther ist Vorstand bei der Commerzbank. Er ist für das Business Segment Firmenkunden und damit für das Mittelstandsgeschäft zuständig.

Michael Reuther: Den Erfolg der "Hidden Champions" aus dem deutschen Mittelstand will niemand in Frage stellen. Dennoch haben wir derzeit eine doppelte Umbruchsituation, die sich parallel auf zwei Ebenen vollzieht. Zum einen verändern sich Märkte in ihrer Struktur: Produktionsprozesse, Vertriebsmodelle und Handel ändern sich durch die Digitalisierung rasant. Zugleich gibt es einen Umbruch auf personeller Ebene - 39 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland stehen vor einem Führungswechsel, und bis 2020 werden 2 von 3 Mittelständlern eine neue Unternehmensführung haben. Dieser Wechsel auf die neue Generation bietet den Unternehmen die Chance, den Erfolg der vergangenen Jahre auch für die Zukunft zu sichern: Durch mehr Gründermentalität, neues Denken und neue Strukturen im Betrieb.

mm.de: Dennoch ist ein Ergebnis der Studie "Next Generation", dass die Chance für grundlegende Veränderungen häufig nicht genutzt wird. Nur eine Minderheit hat sich auf neue Geschäftsfelder oder an neue Technologien gewagt. Sind deutsche Mittelständler zu vorsichtig?

Reuther: Es geht ja nicht darum, über Nacht sein Geschäftsmodell auf den Kopf zu stellen, weil in den kommenden Jahren starke Veränderungen erwartet werden. Es geht darum, ein erfolgreiches Modell im besten konservativen Sinn neu auszurichten und zu entwickeln, um den Erfolg für die Zukunft zu bewahren. Wer wie der deutsche Mittelstand auf bewährte und erfolgreiche Strukturen aufbauen kann, der muss nicht wie ein Start-up im Silicon Valley die Welt neu erfinden. Aber er sollte sich schon bewusst sein, dass sich Geschäftsfelder verändern und neue Konkurrenten entstehen. Ein Großteil des Mittelstandes sieht ja diese Chance laut der Studie bereits . Jetzt geht es darum, sie zu nutzen.

mm.de: Was muss ein Unternehmer konkret tun?

Reuther: Er sollte bereit sein, die alten Erfolgsrezepte in Frage zu stellen. Zum Beispiel prüfen, ob ein Rückzug aus einigen bestehenden Geschäftsfeldern sinnvoll ist, um sich neue zu erschließen und neue Kompetenzbereiche zu schaffen. Er sollte offen für neue Partnerschaften und neue strategische Kooperationen sein. Immerhin rechnen 50 Prozent der in der Studie befragten Unternehmer mit einer umfassenden Digitalisierung ihrer Geschäftsbereiche. Das erfordert einfach die Bereitschaft, neu zu denken, sich weiterzuentwickeln und in Technik und Know-how zu investieren.

mm.de: Mehr Gründermentalität sowie die Bereitschaft, die Unternehmenskultur wie auch die Produktionsprozesse zu verändern - wie soll der deutsche Mittelstand die dafür nötigen Fach- und Führungskräfte gewinnen?

Reuther: Darüber mache ich mir keine Sorgen. Mittelständische Unternehmen sind als Arbeitgeber sowohl für Gründer wie auch für hoch qualifizierte junge Führungskräfte sehr attraktiv. Fachkräfte müssen auch nicht immer von außen kommen. Zwei von drei Unternehmen haben die Weiterqualifizierung der eigenen Belegschaft im Blick.

Champions in der Provinz - mit jungen Führungskräften, die Erfolgsmodelle auch in Frage stellen

mm.de: Aber mittelständische Unternehmen gehen Wandel eher vorsichtig an und operieren meist von der Provinz aus. Der Puls der Veränderung schlägt anderswo schneller.

Reuther: Die mittelständischen Unternehmen profitieren ja gerade von ihrer Mittelstellung zwischen Start-up und Konzernen. Sie sind finanziell handlungsfähiger als Start-ups, haben bereits ein bewährtes Kundennetzwerk und können neue Ideen rascher umsetzen. Gleichzeitig sind sie flexibler und schneller als große Konzerne. Diese Mischung aus Innovationskraft und Erfahrung macht den Mittelstand höchst attraktiv für Digital Natives und für junge Fachkräfte, die nicht nur neue Ideen entwickeln, sondern auch neue Produkte und Prozesse schaffen wollen.

mm.de: Aber warum sollte ein Hidden Champion, der in einem reifen Markt noch immer gute Geschäfte macht, sich neu erfinden? Geht der Anspruch der "Digital Natives", stets flexibel und offen für grundlegende Veränderungen zu sein, für diese Unternehmen zu weit?

Reuther: Flexibel und offen waren die meisten mittelständischen Unternehmen schon immer. Viele der älteren Unternehmen sind seit mehr als 30 Jahren erfolgreich, weil sie flexibel und offen sind und konsequent auf Veränderungen des Marktes reagieren. Die rasante Veränderung durch die Digitalisierung ist für mittelständische Unternehmen also kein neues Phänomen - allerdings nimmt durch das rasante Tempo der Digitalisierung auch der Handlungsdruck bei den Unternehmen zu.

mm.de: Welche Rolle spielen dabei Angreifer wie Amazon  oder Tesla  ?

Reuther: Die meisten der befragten Unternehmen sehen genau, dass die Herausforderungen zunehmen. Gut 40 Prozent haben schon selbst solche disruptiven Wettbewerber in ihrem Marktsegment erlebt. Der Einzelhandel ist durch Online-Handel grundlegend verändert worden, und in der Autobranche gilt der Verbrennungsmotor für viele als Auslaufmodell. Das alles spricht dafür, sich das Knowhow der Digital Natives auch in die Geschäftsführerebene hereinzuholen und ihnen auch Freiräume zu geben. In diesem Prozess können Banken übrigens dabei helfen, Skepsis abzubauen und Potenziale aufzuzeigen. Sie sind dann eher in der Rolle eines strategischen Beraters - weil sie durch ihre Vernetzung selbst einen Überblick über Veränderungen in einem Markt haben.

mm.de: Bei dem Projekt "Next Generation" geht es also um eine Wachablösung im deutschen Mittelstand?

Reuther: Es geht eher um einen guten und erfolgreichen Mix aus Jung und Alt, bewährt und neu. Junge Führungskräfte und erfahrene Neueinsteiger sorgen in solch einem Unternehmen für neues Denken. Erfahrenere Führungskräfte treiben zugleich die Produktinnovationen voran. Jung und Alt sind offen füreinander und arbeiten miteinander - und das sehr erfolgreich.

mm.de: Wie kann ein Unternehmen den Generationswechsel erfolgreich gestalten?

Reuther: Die neue Führung sollte Antworten haben, wie man auf den Veränderungsdruck reagiert. Zudem sollte sie Mitarbeiter gewinnen, die disruptiv denken - also nicht nur weiterführen, sondern auch in Frage stellen können. Statt nur auf Branchenerfahrung sollten Unternehmen eher auf ihre Innovationsfähigkeit setzen. An Risiko- und Innovationsbereitschaft hat es mittelständischen Unternehmern nie gemangelt - und diese ist auch jetzt gefragt.

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