Investitionsklemme trotz Niedrigzins Das Geld wird faul - warum Unternehmer nichts mit geschenktem Geld anfangen können

Billiges Geld: Die Notenbanken drucken Geld und setzen die Zinsen auf Null - doch das heißt nicht, dass Unternehmen auch investieren

Billiges Geld: Die Notenbanken drucken Geld und setzen die Zinsen auf Null - doch das heißt nicht, dass Unternehmen auch investieren

Foto: REUTERS

Die Unternehmen in Deutschland verdienen so viel wie nie. Und die Banken würden ihnen liebend gern noch mehr Geld hinterherwerfen. Nur: Sie wissen kaum etwas damit anzufangen, die Investitionen bleiben weit hinter den Möglichkeiten zurück.

Kreditklemme? Keine Spur. "Eine Kreditfinanzierung wird für deutsche Unternehmen immer einfacher", stellt der scheidende Präsident des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, fest. Die vom Ifo gemessene Kredithürde sank im Januar auf einen "neuen historischen Tiefstand": Nur noch 14,3 Prozent der Unternehmen geben Probleme mit der Kreditvergabe an. In den ersten Jahren der Erhebung bis 2005 waren es noch mehr als die Hälfte.

Auf der anderen Seite sind die Bruttoinvestitionen in den ersten neun Monaten 2015 um 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr geschrumpft. Die Story der Wiederbelebung der deutschen Binnenkonjunktur lebt bisher fast völlig vom privaten und staatlichen Konsum.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) diagnostiziert eine "strukturelle Investitionslücke" seit dem Jahr 2000 von zeitweise mindestens 80 Milliarden Euro jährlich. Da wäre also ziemlich viel aufzuholen, um nicht nur die Substanz zu erhalten, sondern auch zukünftiges Wachstum der Wirtschaft zu ermöglichen. Was also hält die Firmen davon ab, mehr Geld in Fabriken, Maschinen und Fuhrparks zu stecken?

Grund 1: So schlimm ist es doch gar nicht

Die Frage, ob Deutschland unter seinen Möglichkeiten bleibt oder gar die künftigen Möglichkeiten verspielt, hat längst eine ökonomische Debatte ausgelöst. Wie immer in solchen Debatten, lassen sich Zahlen so auswählen oder deuten, dass sie die eine oder die andere Aussage stützen. Christoph Schmidt vom Sachverständigenrat der Bundesregierung, der für eine eher konservative Politik und gegen Investitionsprogramme plädiert, hält die Rede von der Lücke für übertrieben.

Die vergleichsweise schwachen Bauinvestitionen müsse man im Vergleich zu dem Vereinigungsboom der 90er Jahre sehen, das sei "nichts Auffälliges, das ist eine Korrektur". Aktuell zieht der Wohnbau auch wieder an. Die Nichtwohnbauten - also beispielsweise Gewerbebauten, aber auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Krankenhäuser - dagegen sind im Minus.

Bei den Ausrüstungsinvestitionen hingegen "stehen wir recht gut da", findet Schmidt. Auch das ist relativ. Insgesamt liegt die Investitionsquote der deutschen Wirtschaft seit 2002 unter 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Grund 2 und 3: Demografischer Wandel, Lahmender technischer Fortschritt

Eine alternde Gesellschaft lässt nicht nur Investitionen weniger lohnend erscheinen, weil die Nachfrage nach aus neuen Anlagen hergestellten Gütern tendenziell zurückgeht. Sie lichtet auch die Reihen der Unternehmer, die überhaupt als Investoren infrage kämen.

"Der demografische Wandlungsprozess hinterlässt seine Spuren in den mittelständischen Unternehmen", heißt es im aktuellen Mittelstandspanel der staatlichen Förderbank KfW. "Die Neigung zu investieren sinkt mit dem Alter des Inhaber."

So lasse sich auch erklären, dass die kleinen und mittleren Firmen sich zwar m Vergleich zu Großunternehmen, die in der Summe seit Jahren von der Substanz zehren, zeigen sich die kleinen und mittleren Firmen zwar im Vergleich zu Großunternehmen, die in der Summe seit Jahren von der Substanz zehren, noch ausnehmend investitionsfreudig zeigten. Dazu trägt jedoch ein immer kleinerer Teil von ihnen bei, zuletzt gerade noch 42 Prozent. "Ältere Unternehmen fahren häufiger auf Verschleiß", erklärt die KfW.

Grund 3: Der technische Fortschritt lahmt

Selbst wenn die Firmenperspektive über den Tod des Inhabers hinausreicht - auch sonst können die von der KfW befragten Unternehmen oft keinen Grund entdecken, Ressourcen für Neues aufzuwenden, solange das alte Geschäft läuft. Frei nach dem Motto: Warum etwas Neues riskieren, solange sich die vorhandenen Produkte gut verkaufen?

Ein Motiv dafür wäre die Einführung neuer Produkte oder Dienstleistungen, um das Geschäft wirklich zukunftsfest zu machen. "Zu hoffen ist daher auch auf ein Ende der Durststrecke bei den Innovationen im Mittelstand", urteilen die Banker. Die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistung sei bei den kleinen und mittleren Unternehmen in den letzten drei Jahre in Folge zurückgegangen.

Grund 4 und 5: Angst vor Schulden, teure Energie

Nicht zuletzt kennzeichnet die Stimmung im Mittelstand laut KfW ein "Hang zu finanzieller Unabhängigkeit und begrenzte Wachstumsambitionen". Mögen die Banken einem Unternehmer auch Kredite hinterherwerfen - spätestens seit der Finanzkrise hat sich in weiten Kreisen des Mittelstands eine regelrechte Aversion dagegen breitgemacht, betriebswirtschaftliche Logik hin oder her.

Fast ein Drittel derjenigen Unternehmen, die ihre Investitionen senken, nannten als Ursache, dass keine weitere Verschuldung gewünscht sei - "und das im Licht des gegenwärtig historisch niedrigen Zinsniveaus", wie die KfW halb erstaunt, halb entsetzt anmerkt.

Denn neben der volkswirtschaftlichen bremse diese Haltung auch die Unternehmensentwicklung. Aber es ist eben eine Frage der Prioritäten. Nicht nur Solo-Selbständige "gewichten den Fortbestand des Unternehmens höher als Expansion".

Grund 5: Zu teure Energie

Fragt man die Unternehmensverbände nach Investitionshindernissen, werden vor allem politische Faktoren auf der Angebotsseite genannt - auch, weil die Verbände ihre Mitglieder oft nur nach solchen Faktoren fragen.

Der DIHK beispielsweise betont nach den Daueraufregern Steuern und Abgaben sowie dem Arbeits- und Tarifrecht, dass "gerade energieintensive Branchen in den letzten Jahren eine schwache Investitionsentwicklung aufweisen". Diese hätten ihre Abschreibungen seit 2001 nicht wieder komplett neu investiert, also das Anlagekapital vermindert.

Die vergleichsweise teuren Energiekosten in Deutschland erscheinen somit als Grund zur Zurückhaltung. Die Tendenz könnte allerdings auch Ausdruck eines allgemeinen Strukturwandels sein - Branchen, die auf dem Rückzug sind, investieren nicht. Bei Metallerzeugern fehlen 11 Prozent an nicht wieder reinvestierten Abschreibungen, in der Chemieindustrie sind es 12 Prozent. Deutlich dramatischer jedoch ist das Minus der Papierhersteller mit 17 und der Glasindustrie mit 29 Prozent.

Grund 6: It's the Nachfrage, stupid!

Die offenen Fragen des KfW-Panels führen die Unternehmen dagegen zumeist zu Antworten auf der Nachfrageseite. Investieren ist "schlicht nicht notwendig", wenn die vorhandene Kapazität gerade zu 85 Prozent ausgelastet ist und keine neuen, riesigen Absatzmärkte locken.

"Wachsen die Umsätze, investiert der Mittelstand", bringt es die KfW auf eine einfache Formel. Damit zeige sich wiederholt die Bedeutung des privaten Konsums. "Ist die Inlandsnachfrage auf Kurs, folgen Zuversicht und Investitionen der kleinen und mittleren Unternehmen."

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Foto: Federico Gambarini/ dpa

Das ist die gute Nachricht: Hier war angesichts der guten Lage am Arbeitsmarkt und so stark steigender Reallöhne wie seit den frühen 90er Jahren nicht mehr zuletzt ein Jahresplus von 2,7 Prozent drin. Immerhin - ein Boom ist das nicht, aber solides Wachstum. Wenn die Firmen ihr angehäuftes Kapital demnach jetzt wieder stärker investieren, könnten sie damit das Fundament für weiter gute Perspektiven der deutschen Wirtschaft legen. Die anderen Bedenken müssten sie dafür aber hintanstellen.


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