Mittwoch, 13. November 2019

Experiment in Japan Microsoft testet Vier-Tage-Woche - und ist begeistert

Microsoft-Logo in Paris: Die Produktivität der Mitarbeiter stieg um fast 40 Prozent
Michel Euler/ AP
Microsoft-Logo in Paris: Die Produktivität der Mitarbeiter stieg um fast 40 Prozent

Der Softwarekonzern Microsoft Börsen-Chart zeigen hat seinen Mitarbeitern Freizeit verordnet - und damit einen unerwarteten Erfolg gelandet. Nur noch vier Tage die Woche arbeiteten die 2300 Angestellten an den japanischen Standorten des Unternehmens im August dieses Jahres, dann hatten sie drei Tage Wochenende. Ihr Gehalt veränderte sich nicht.

Nach einem Monat wertete Microsoft aus, wie sich das auf die Produktivität auswirkte. Und stellte fest: Die erbrachte Leistung pro Mitarbeiter steigerte sich im Versuchszeitraum um knapp 40 Prozent, wie das Unternehmen auf seiner japanischen Website mitteilte. Als Vergleich dienten Werte aus dem August 2018. Wie genau das Unternehmen die Produktivität misst, geht aus dem Schreiben nicht hervor.

Wie kann das sein?

Zum einen lässt sich dieses Ergebnis durch Einsparungen erklären. Microsoft verkündete in seinem Bericht, dass etwa die Energiekosten um ein knappes Viertel gesunken seien, weil Mitarbeiter seltener im Büro saßen. Außerdem druckten diese fast 60 Prozent weniger Seiten aus. Der Test verlief so gut, dass Microsoft einen weiteren Probelauf angekündigt hat.

Das Unternehmen änderte aber auch einiges an den internen Abläufen: So wurden Konferenzen auf 30 Minuten beschränkt und häufiger per Videoschalte durchgeführt - Mitarbeiter hatten also mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben.

Ein psychologischer Effekt lässt sich ebenfalls nicht ausschließen. Wer seine Arbeit plötzlich in kürzerer Zeit erledigen muss, strengt sich mehr an - auch um zu beweisen, dass das Experiment funktioniert.

Auch in Deutschland testen Unternehmen unterschiedliche Modelle, um Arbeit anders zu strukturieren - sie kommen zum Beispiel ohne Chefs aus, gewähren Mitarbeitern unbegrenzten Urlaub oder bieten Mitarbeitern an, im Home Office zu arbeiten. Die Unternehmen versprechen sich dadurch eine höhere Motivation der Mitarbeiter und hoffen, besonders kompetente Arbeitnehmer anzusprechen - ein Vorteil im Zeitalter des Fachkräftemangels. Arbeiten Mitarbeiter von zu Hause aus, kann ein Unternehmen auch dadurch Geld sparen: Es muss weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

Warum gerade Japan?

Japanische Arbeitnehmer machen im internationalen Vergleich mit die meisten Überstunden, auch weil ungeschriebene Gesetze den Arbeitsalltag bestimmen: Üblich ist etwa, vor dem Chef zur Arbeit zu kommen - und erst nach ihm wieder zu gehen. Auch deshalb ist es interessant, dass Microsoft ausgerechnet Japan als Versuchsort auswählte.

2017 machte der Fall der Journalistin Miwa Sado Schlagzeilen. Die 31-Jährige war an Herzversagen gestorben, nachdem sie in einem Monat 159 Überstunden angesammelt hatte. In einem anderen Fall erkannten die Behörden Überarbeitung als Grund für Suizid an: Ein 23-Jähriger Bauarbeiter war tot aufgefunden worden, nachdem er bis zu 200 Überstunden im Monat geleistet hatte. Der Tod durch zu viel Arbeit hat in Japan sogar einen eigenen Namen: Karoshi.

Funktioniert das auch langfristig?

Nicht immer müssen die Folgen von Überarbeitung so drastisch sein. Australische Forscher berichteten schon vor einigen Jahren, dass unsere kognitiven Fähigkeiten bereits ab 25 Stunden Arbeit pro Woche nachlassen. Die Forscher machten vor allem Stress dafür verantwortlich, dass die Leistung der Mitarbeiter bei höherer Stundenzahl abnahm. Sechs Stunden Arbeit pro Tag würden demnach völlig ausreichen.

Einige Firmen haben den Ansatz bereits umgesetzt. So etwa das neuseeländische Fondsunternehmen "Perpetual Guardian", bei dem Mitarbeiter selbst entscheiden dürfen, welchen Tag in der Woche sie frei haben. Nach einer zweimonatigen Testphase verkündete die Geschäftsleitung im November 2018, das Konzept dauerhaft umzusetzen. Bisher könne er keinen Nachteil erkennen, sagte Geschäftsgründer Andrew Barnes der Nachrichtenseite "Fast Company" im August dieses Jahres. "Tatsächlich performt unser Unternehmen besser als im letzten Jahr", sagte Barnes.


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Wie Microsoft mit dem positiven Ergebnis des Probelaufs umgeht, ist noch unklar. Die Mitarbeiter würden eine Fortsetzung wohl begrüßen: 92 Prozent gaben laut des Unternehmens in einer Befragung an, dass ihnen die Viertagewoche gefalle.

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