So verbessern wir unsere Industrie Holt die Gamer an die Maschinen!

Der deutsche Maschinenbau hat ein Problem. Von der Funktionalität sind viele Produkte ähnlich gut. In Zukunft werden die Bedienung und die Nutzererfahrung über die Wettbewerbsfähigkeit von Werkzeugmaschinen entscheiden. Damit kennen sich Spielentwickler am besten aus. Also worauf warten wir?
Von Robert Weber
Heimische Spieleumgebunge: Mehr Spaß in den Produktionsstraßen der deutschen Industrie kann nicht schaden

Heimische Spieleumgebunge: Mehr Spaß in den Produktionsstraßen der deutschen Industrie kann nicht schaden

Foto: Oliver Berg/ dpa

Nach den Privathaushalten und Büros hat Steve Jobs auch die Messehallen erobert. Kaum ein Industrieunternehmen kommt noch ohne iPhone- oder iPad-Steuerung am Stand aus. Die Produktmanager wischen über ihre Displays und präsentieren ihren Kunden direkt am Stand maßgeschneiderte Lösungen.

Auch vor den Fabriken macht die Smartphone-Technologie nicht halt: Bedienpanels reihen sich aneinander, die Bedienung der Maschinen rückt in den Mittelpunkt. Klobige Knöpfe weichen dem sanften Fingertipp. Maschinen und Menschen sollen in Zukunft harmonischer zusammenarbeiten - die neue Usability, die Lehre von der Bedienung, macht es möglich.

Dabei spielen die Smartphones in der Consumerwelt eine entscheidende Rolle. Die Manager gehörten zu den ersten Nutzern dieser neuen Alltagshelfer. "Können wir so etwas nicht auch für unsere Steuerung machen?", war die Frage an die Konstrukteure. Usability-Berater und Designbüros gewinnen seitdem an Bedeutung, und die Designvorgaben aus dem Silicon Valley erobern die Fabriken. Auch deshalb, weil viele Mitarbeiter im Alltag längst an die Oberflächen von Apple , Google , Android und Co. gewöhnt sind und sich die Einfachheit der Bedienung auch im Arbeitsalltag wünschen - oder mit anderen Systemen gar nicht mehr arbeiten können.

Robert Weber
Foto: Vogel Business Media

Robert Weber ist Chefredakteur des Fachmagazins Elektrotechnik Automatisierung.

Der Benutzer rückt bei den Unternehmen wieder in den Mittelpunkt. In der Vergangenheit war es bei vielen Unternehmen oft so, dass die Designabteilung nach den Kollegen von der Funktionalität antreten durfte. Heute ist Usability bei vielen Unternehmen fester Bestandteil der Produktentwicklung und Vermarktung. Usability ist der erste Schritt, ist Teil der Ergonomie der Benutzeroberfläche. "User Experience (UX), die Nutzungserfahrung, ist angereichert mit Emotionen", definiert Industriedesigner Tom Cadera von Cadera Design aus Würzburg den neuen Trend. Der Anwender soll sich auf die Maschine freuen, soll durch eine gute UX motiviert, seine Erwartung erfüllt und das Vertrauen zum Hersteller aufgebaut oder weiter gestärkt werden. Kurz: Es soll Spaß machen, eine Industrie-Anlage zu bedienen. Konservative Vertreter sprechen lieber von Freude an der Bedienung.

Ob Spaß oder Freude: Die UX setzt schon bei der Auswahl und der Konfiguration der Maschine an. Webplattformen mit Visualisierung unterstützen den Käufer bei der Auswahl. Nach der Konfiguration des Firmenwagens surft der Kunde heute zum Werkzeugmaschinen-Konfigurator, dreht die Maschine, schaut sich das Innenleben an, fragt CAD-Daten ab und überlegt, unterstützt von der Technik, ob das Produkt zu seinen Prozessen oder seiner Architektur passt.

Usability und User Experience werden in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen, denn durch die Digitalisierung der Fabriken fallen immer mehr Daten an, die interpretiert und visualisiert werden müssen. Aber dem Maschinenbediener müssen andere Informationen bereitgestellt werden, als dem Produktionsleiter oder dem Geschäftsführer. Gute Usability trennt Daten, liefert zu richtigen Zeit an den richtigen Ort die gewünschte Information und trennt den Datenmüll davon. Doch durch die Mülltrennung in den Daten vergrößert sich die Komplexität. "Userrollen müssen genau definiert werden", sagt Cadera. Damit ein Condition-Monitoring-Programm einfacher für den Anwender wird, erhöht sich der Aufwand für den Einrichter. Das Ziel der UX-Designer ist eine Bedienunterstützung beispielsweise durch Handlungsempfehlungen am Bedienpanel oder auf dem Tablet. Allerdings, Studien belegen auch: Viele Unternehmen scheuen noch Big-Data-Projekte oder Industrie 4.0-Szenarien. Das könnte sich rächen.

Zauberwort: Gamification

Aber die OEMs forcieren das Tempo. Der Maschinenbauer als Zulieferer muss nachziehen, auch deshalb, weil in Zukunft Maschinen von Anwender geteilt oder von unterschiedlichen Werkern bedient werden. Lange Einarbeitungszeiten können sich die Unternehmen nicht leisten. Deshalb muss die Steuerung, das Bedienpanel selbsterklärend sein - und motivierend.

Gamification ist das Zauberwort. Die Entwickler wie Centigrade bedienen sich spielerischer Gestaltungselemente, um beispielsweise die Nutzerzufriedenheit oder Prozesseffizienz zu steigern. Zu den Referenzen zählen SEW, Trumpf oder SMA. In der industriellen Fertigung ist die Prozessstruktur an Maschinen orientiert. Um einen optimalen Durchsatz, eine hohe Qualität und möglichst geringe Ausfallzeiten zu erreichen, kommt es jedoch auf das Mitwirken der Bediener und Wartungsmitarbeiter an. Neben der Mitarbeitermotivation durch Belohnungssysteme spielen auch die Förderung der Team-Arbeit sowie klare Feedback-Prozesse und eindeutige Zielformulierungen eine besondere Rolle bei der Einführung spielerischer Elemente.

Die Entwickler setzen beispielsweise auf Punktekonten. Jeder Arbeitsschritt zahlt auf ein Teamkonto ein - erinnert an die Token, soll aber noch mehr liefern. Qualität und Effizienz und soziale Interaktion werden analysiert und gutgeschrieben. Das soll die Motivation erhöhen. Gleichzeitig kann in den Produktionsstraßen mit "Leben" wie aus Super Mario World gespielt werden. Produziert die Mannschaft beispielsweise Ausschuss verliert sie ein "Leben". Dazu kommt die Visualisierung von Aufgaben und Ergebnissen auf einem Display.

Statische Informationen regen Mitarbeiter weniger an, als wenn der Nutzer sich an seine heimische Spielumgebung erinnert fühlt und als Wartungsingenieur schon einmal virtuell durch die Räume geführt wird - Levelvorschau á la World of Warcraft, ein Massively-Multiplayer-Online-Role-Playing-Game, das auch im Team gespielt wird. Doch Gamification ist nicht nur eine Bedien- und Motivationsmethode für junge Mitarbeiter, die im heimischen Wohnzimmer zocken. Auch ältere Kollegen schätzen den Ansatz. Allerdings: In Deutschland ist das Thema noch schwer zu vermarkten.

Doch die kommende Generation an Werkern, Produktionsleitern und Maschinenbediener spielt in der Freizeit und wird Gamification-Ansätze als Teil einer Bedienstrategie übernehmen oder sogar einfordern.

Doch der Knopf an der Maschine dient nicht aus. Warum auch? Mit 3D-Touch von Apple lässt sich sicher auch dafür eine Lösung finden.

Robert Weber ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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