Montag, 23. September 2019

Lehren aus der EM: ein Lob der Internationalität Warum England scheitert und Deutschland nicht

Viele Spieler auch der deutschen Nationalmannschaft haben Wurzeln, die nicht in Deutschland liegen
imago/Laci Perenyi
Viele Spieler auch der deutschen Nationalmannschaft haben Wurzeln, die nicht in Deutschland liegen

Internationale Teams sind einfach erfolgreicher - das beweist nicht zuletzt die deutsche Mannschaft bei der EM.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Alles Legionäre! So schimpfen die Nationalisten, weil zehn Mitglieder der deutschen Nationalmannschaft hauptberuflich bei ausländischen Vereinen spielen, darunter Marc-Andre ter Stegen (FC Barcelona), Emre Can (FC Liverpool), Shkodran Mustafi (FC Valencia), Antonio Rüdiger (AS Rom), Sami Khedira (Juventus), Toni Kroos (Real Madrid), Mesut Özil (FC Arsenal), Lukas Podolski (Galatasaray Istanbul), Bastian Schweinsteiger (Manchester United Börsen-Chart zeigen) und Mario Gomez (Besiktas Istanbul).

Und erst die Namen der Leute! Der deutsche Fußball ist gar nicht mehr deutsch, mit so vielen Spielern, die aus Immigrationsfamilien stammen. Dasselbe bei den Engländern! Deren Fußballer sind auch nicht mehr britisch. Bamidele Allis Familie stammt aus Nigeria, Daniel Sturridge, Danny Rose und Raheem Sterling haben jamaikanisches Blut und Danny Welbecks ethnische Wurzeln liegen in Ghana.

Aber stimmt wirklich, was der optische Eindruck suggeriert?

Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" verdanken wir eine eindrucksvolle Untersuchung: Weniger als 10 Prozent der 552 Spieler dieser Europameisterschaft sind außerhalb der Grenzen der Länder geboren, für die sie antreten. Manche allerdings (wegen politisch bedingter Verschiebungen einiger Landesgrenzen lässt sich die Zahl nicht ganz genau angeben, so die FAZ) wurden in ehemaligen portugiesischen, französischen oder belgischen Kolonien geboren. So haben in Deutschland zwar neun Spieler Migrationshintergrund - sind aber mit Ausnahme von Lukas Podolski alle in Deutschland zur Welt gekommen. Und der wanderte schon als Kind von Polen nach Deutschland aus. Von wegen Ausländer!

Nun hat diese im Land verwurzelte, aber nichtsdestotrotz weltgewandte deutsche Nationalelf die Slowakei geschlagen, also die Truppe, gegen die die Engländer nichts ausrichten konnten. Überhaupt gewinnen die Engländer trotz ethnisch breit besetztem Team höchst selten internationale Turniere - den bislang letzten Titel haben sie vor 50 Jahren bei einer Heim-WM geholt - dabei stellen sie mit der Premier League global die bekannteste und auch bestbezahlte Fußballplattform der Welt.

Woran liegt's? Britische Fußballspieler mögen zwar aus aller Welt stammen, spielen aber am liebsten in England, schließlich lockt da der meiste Mammon. Nur in Ausnahmefällen geht mal einer ins europäische Ausland... um dann meist schnell wieder ins Königreich zurückzukehren. Im Ergebnis wissen englische Spieler zwar, wie eigene Kicker bei Arsenal, Chelsea oder Liverpool drauf sind, haben aber wenig Erfahrung damit, wie Franzosen, Italiener, Deutsche oder Belgier antreten. Bei der Performance rächt sich das.

Ein wesentlicher Teil der deutschen Mannschaft hingegen spielt auch in anderen Ländern - hat also internationale Erfahrung und kapiert, dass der Ball zwar überall rund ist - der Umgang mit ihm aber durchaus auch kulturell und regional geprägt. Das hilft, wenn es darum geht, den Gegner erfolgreich in die Mangel zu nehmen - wie der deutsche Auftritt bei der EM bislang eindrucksvoll beweist. Von wegen Legionäre!

Die Botschaft für das Management - und nicht nur das von Fußballmannschaften - ist klar. Internationalität ist ein Muss. Dabei kommt es nicht darauf an, welchen ethnischen und persönlichen Hintergrund einer hat oder wo er geboren ist, sondern vielmehr ist ausschlaggebend, dass er genug von der Welt gesehen hat, um zu verstehen, dass Artenreichtum ein Plus ist. Die Welt ist voller Ansätze und Ideen - und die besten entstehen nicht notwendigerweise immer im eigenen Sumpf. Die Mischung macht's - nicht nur bei Cocktails, sondern auch wenn es darum geht, schlagkräftige Teams zu bilden.

Wenn die Briten nun also den Brexit fordern und die nächste Generation der Freizügigkeit innerhalb der Gemeinschaft berauben, die Deutschen an den Wahlurnen mit der AfD liebäugeln, halb Europa sich vor Emigranten fürchtet und US-Präsidentschaftskandidaten Mauern bauen und Muslimen die Einreise verweigern wollen, wird die Welt nicht nur kälter, sondern auch ärmer. In den Köpfen und den Geldbeuteln. Denn was Joachim Löw geschafft hat, gilt auch in anderem Kontext: Gut gemanagt funktionieren internationale Teams einfach besser. Ob in Fußball, Politik oder Business: Weltoffenheit, Integration und die Betonung des Gemeinsamen machen Punkte; Nationalismus, Ausgrenzung und Nabelschau produzieren Stagnation.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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