Mögliches Schneeballsystem Die fragwürdigen Geldströme im Container-Reich von Magellan

9000 Investoren bangen beim insolventen Container-Unternehmen Magellan aus Hamburg um 350 Millionen Euro. Jetzt zeigen Recherchen: Womöglich waren die Investments der Anleger von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Container im Hafen Hamburg: Investoren von Magellan hatten kein Glück mit dem Investment

Container im Hafen Hamburg: Investoren von Magellan hatten kein Glück mit dem Investment

Foto: Christian Charisius/ dpa

Basierte das Geschäftsmodell der insolventen Containerfirma Magellan, bei der zurzeit 9000 Anleger um 350 Millionen Euro bangen, auf einem Schneeballsystem? Recherchen von manager magazin online zeigen: Die Frage ist durchaus berechtigt, denn einiges deutet inzwischen darauf hin, dass den Magellan-Aktivitäten ein kaum tragfähiges Geschäftsmodell zugrunde lag. Für Geldanleger, die sich angesichts niedriger Zinsen und wackliger Börsen anderswo am Kapitalanlagemarkt nach lukrativen Investments umschauen, wird der Fall spätestens dadurch mehr und mehr zum abschreckenden Beispiel.

Was ist geschehen? Vor einigen Monaten stellte die Hamburger Magellan Maritime Services einen Insolvenzantrag. Das Geschäftsmodell, wie das Unternehmen es selbst beschrieb: Die Anleger hatten Container erworben, die durch Magellan an Reedereien weltweit vermittelt wurden, und sollten dafür regelmäßige Mietzahlungen kassieren. Am Ende einer Vertragslaufzeit von wenigen Jahren wollte Magellan die Container vom Investor zurückkaufen. Für diese Geldanlage hatte das Hamburger Unternehmen Renditen von mehr als 6 Prozent in Aussicht gestellt.

Auf diesen Schnitt werden die Tausende betroffenen Containerbesitzer nun aber wohl kaum kommen. Schritt für Schritt erhielten sie in den vergangenen Wochen Informationen vom Insolvenzverwalter, dem Hamburger Anwalt Peter-Alexander Borchardt von der Kanzlei Reymer Rechtsanwälte, die ihre Rückflüsse in immer weitere Ferne zu rücken scheinen.

Zuletzt teilte Borchardt den Investoren in der vergangenen Woche mit, er werde deren Mieterverträge nicht übernehmen beziehungsweise kündigen. Um an ihr Geld zu kommen, so Borchardt, müssten die Container-Eigentümer nun Schadensersatzforderungen zur Insolvenztabelle anmelden.

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Keine schöne Nachricht also, auf den ersten Blick. Besonders spannend ist allerdings die Begründung, mit der Borchardt die Übernahme der Mietverträge verweigert: Ein Grund sei die Tatsache, so schreibt er, dass die von den Reedereien vereinnahmten Containermieten geringer seien, als die Mieten, die den Investoren gegenüber garantiert wurden.

Klartext in einem vertraulichen Papier

Das lässt aufhorchen. Sollte Magellan seinen Kunden tatsächlich Auszahlungen versprochen haben, die nicht durch die entsprechenden Einnahmen gedeckt waren? War das Unternehmen dauerhaft auf weitere Erträge angewiesen, um seine Verpflichtungen gegenüber den Investoren erfüllen zu können? Musste Magellan zu dem Zweck vielleicht sogar auf die Gelder neuer Anleger zurückgreifen?

Spätestens, wenn letzteres der Fall wäre, wäre der Tatbestand des sogenannten Schneeballsystems wohl erfüllt. Dabei handelt es sich um eine Form des Kapitalanlagebetrugs, bei dem bestehende Investoren ihre Ausschüttungen aus den Einzahlungen neuer Investoren erhalten. Das kann langfristig nur funktionieren, wenn immer mehr neue Anleger gewonnen werden, was in der Realität auf Dauer allerdings kaum möglich ist.

Das Schreiben von Insolvenzverwalter Borchardt deutet nun also zumindest in diese Richtung. Einen Hinweis auf die Schieflage zwischen Einnahmen und Ausgaben bei Magellan hatte Borchardt zudem bereits in einem anderen Schreiben an die Anleger im August gegeben. Darin hieß es ebenfalls, dass die Containermieten, die gegenüber den Reedereien abgerechnet werden, "deutlich unter den Garantiezahlungen liegen", die den Investoren von Magellan zugesagt worden waren.

Kaufpreis enthält Mietanteil

Damit ist der Verdacht also in der Welt - und erhärtet wird er durch zwei weitere Dokumente, die manager magazin online vorliegen, und die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind. Zum einen handelt es sich dabei um ein Gutachten, das die Anwaltskanzlei CMS Hasche Sigle für Insolvenzverwalter Borchardt erstellt hat. Gegenstand des Gutachtens ist die Frage, wie die Mietzahlungen im Falle Magellan rechtlich einzuordnen sind, und inwiefern die Anleger direkten Anspruch darauf haben.

Im Rahmen der juristischen Ausarbeitung hat CMS Hasche Sigle aber offenbar auch das Geschäftsmodell von Magellan unter die Lupe genommen - und ist dabei zu einem bemerkenswerten Ergebnis gekommen.

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So schreiben die Juristen: Der den Investoren zugesagte Tagesmietsatz liege "typischerweise oberhalb der von den Reedereien an Magellan bezahlten Miete". Und besonders pikant: "Die Differenz zum vereinbarten Tagesmietsatz gleicht Magellan über den von den Investoren gezahlten Kaufpreis aus."

Insolvenzverwalter schließt Schneeballsystem nicht aus

Das heißt im Klartext: Ein Teil der Ausschüttungen an die Magellan-Kunden ist offenbar regelmäßig nicht mit der Vermietung der Container erwirtschaftet worden. Vielmehr betritt das Unternehmen - ohne dies transparent zu machen - offensichtlich systematisch Auszahlungen auch aus jenen Geldern, die Investoren für den Kauf der Container an Magellan überwiesen hatten.

Carsten Jans, der bis zur Insolvenz die Geschäfte von Magellan geführt hat, beantwortete eine Anfrage von manager magazin online zu dem Thema nicht. Insolvenzverwalter Borchardt hatte das CMS-Gutachten wochenlang unter Verschluss gehalten, nicht einmal mit dem Fall befasst Anlegeranwälte bekamen Einsicht. Zudem hatte Borchardt auf eine Anfrage zu einem möglichen Schneeballsystem bei Magellan noch Anfang September abwiegelnd reagiert.

Aktuell mit der Passage aus dem CMS-Gutachten konfrontiert, klingt Borchardts Einschätzung dagegen deutlich weniger entschieden. Magellan habe die Lücke zwischen eingehenden und versprochenen Mieten über die Marge aus der Veräußerung der Container an die Investoren sowie aus sonstigen Überschüssen finanziert, bestätigt er. Ein Vorgehen, so der Jurist, dass in einem Insolvenzverfahren unzulässig wäre, da es einzelne Gläubigergruppen gegenüber anderen bevorteile.

Anlegerschutzgesetz bringt Magellan zu Fall

Vor allem aber prüft Borchardt eigenen Angaben zufolge gegenwärtig noch, ob Mietforderungen der Investoren möglicherweise zumindest teilweise aus Neugeschäft beglichen wurden. Sprich: Noch schließt auch der Insolvenzverwalter nicht aus, dass es sich bei Magellan um ein Schneeballsystem gehandelt haben könnte.

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Kein Wunder, denn an anderer Stelle gibt Borchardt selbst noch einen deutlichen Hinweis in diese Richtung. In dem Eröffnungsgutachten zum Insolvenzverfahren, das der Jurist verfasst hat, und das manager magazin online ebenfalls vorliegt, äußert er sich auch zu den Gründen, die zur Magellan-Pleite geführt haben. Dort stellt Borchardt unter anderem einen Zusammenhang her zwischen dem Kleinanlegerschutzgesetz, das 2015 in Kraft trat und inzwischen auch für Container-Investments gilt, und der Magellan-Pleite.

Aufschlussreiche Worte im Eröffnungsgutachten

Weil wegen des Gesetzes umfangreichere Verkaufsunterlagen erforderlich waren und Magellan diese offenbar nicht rechtzeitig fertig hatte, so das Gutachten, habe das Neugeschäft Anfang 2016 brach gelegen. Und dann wörtlich:

(...) Den Umsatzausfall (...) im Januar und Februar 2016 beziffert die Schuldnerin auf Grundlage der Vorjahreszahlen auf rund EUR 12 Mio. Die Ende April 2016 fällig gewordenen Zahlungen an die Investoren für das I. Quartal 2016 konnten mangels liquider Mittel nicht mehr vollständig ausgezahlt und Rückkäufe nicht mehr durchgeführt werden. Der Insolvenzantrag wurde damit unausweichlich. (...)

Keine Auszahlungen wegen ausbleibenden Neugeschäfts? Spätestens an dieser Stelle dürften bei Kennern der Branche die Alarmglocken klingeln. Anlegeranwälte jedenfalls sind bereits in Aufruhr.

"Die vorliegenden Informationen lassen klar erkennen, dass es sich bei Magellan um kein tragfähiges Geschäftsmodell gehandelt hat", sagt beispielsweise Marc Gericke von der Kanzlei Göddecke in Siegburg. "Ob es sich um ein modifiziertes Schneeballsystem handelte, kann ich nicht beurteilen. Magellan hat jedenfalls die Investoren über die tatsächlichen Zahlungsflüsse nicht aufgeklärt. Das ist mit Sicherheit zivilrechtlich, möglicherweise sogar strafrechtlich relevant."

Ähnlich sieht es Rechtsanwalt Peter Mattil aus München. "Meiner Meinung nach geht das in Richtung Schneeballsystem", sagt er. Der Jurist moniert vor allem, dass Magellan die Zahlungsströme nicht entsprechend der bestehenden Verträge klar getrennt habe. Und er kritisiert, dass Insolvenzverwalter Borchardt, indem er die bestehenden Mietzahlungen nicht an die Investoren weiterreiche, nun diese Vermögensvermischung fortsetze.

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