Herber Schlag für deutschen Schiffstandort Nr. 1 Maersk schluckt Hamburg Süd - und wohl viele Jobs in Hamburg

Künftig in dänischem Besitz: Die Oetker-Tochter Hamburg Süd soll an die Reedereigruppe Maersk gehen

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Seit Wochen wurde spekuliert, nun ist es offiziell: Die Oetker-Gruppe will ihre Reederei Hamburg Süd an den dänischen Branchenprimus Maersk verkaufen, wie das Unternehmen aus Bielefeld am Donnerstag mitteilte. Damit haben auch die rund 6000 Mitarbeiter - mehr als 1400 zur See und rund 4500 an Land -, die das traditionsreiche deutsche Schifffahrtsunternehmen weltweit beschäftigt, ein Stück mehr Gewissheit. Allein rund 1100 Menschen sind für Hamburg Süd am Hauptsitz in der Elb-Metropole tätig - insbesondere unter ihnen dürfte nun, sofern nicht schon geschehen, das große Zittern beginnen.

Hintergrund ist die seit Jahren währende schwere Krise der weltweiten Handelsschifffahrt, die ihren vorläufigen Tiefpunkt in der Pleite der koreanischen Großreederei Hanjin vor wenigen Monaten fand. Die Frachtraten, zu denen die Reedereien ihre Schiffe vermieten, befinden sich größtenteils schon seit geraumer Zeit auf schmerzhaft niedrigem Niveau. Die Folge sind Verluste für zahlreiche Reedereien sowie eine fortschreitende Branchenkonsolidierung.

Mit dem bevorstehenden Hamburg-Süd-Verkauf ist nun klar: Das Unternehmen ist von beiden Auswirkungen der Krise voll betroffen. Hamburg Süd meldete zuletzt einen Gesamtumsatz von gut sechs Milliarden Euro. Angaben zu Gewinn oder Verlust veröffentlicht die Reederei zwar nicht. Branchenkreisen zufolge ist sie jedoch hochdefizitär. Spekuliert wurde bereits über Verluste von bis zu einer Million Euro pro Tag.

Mitten in der Konsolidierungswelle

Durch den Verkaufsbeschluss der Oetker-Gruppe gerät Hamburg Süd zudem mitten in die Konsolidierungswelle im Schifffahrtsmarkt. Hapag-Lloyd, Hamburgs zweite Linienreederei von Weltrang, tat sich bereits 2014 mit der chilenischen CSAV zusammen. Zudem will Hapag-Lloyd jetzt mit der arabischen UASC zusammengehen, die EU-Kommission hat das Vorhaben gerade erst genehmigt.

Auch weitere Deals hat es bereits gegeben: Vergangenes Jahr erwarb die französische CMA CGM die Neptune Orient Lines aus Singapur für 2,4 Milliarden Dollar. Auch die chinesischen Großreedereien Cosco und CSCL schlossen sich zusammen. Ende Oktober kündigten zudem drei führende japanische Reedereien - Nippon Yusen, Mitsui O.S.K. und Kawasaki Kisen Kaisha - die Fusion ihrer Containergeschäfte an. Auch die israelische Zim Integrated Shipping Services - neben Hamburg Süd so ziemlich die einzige Reederei im Konzert der Großen, die bislang im Konsolidierungskampf untätig blieb - sucht bereits nach Käufern, berichtet das "Wall Street Journal".

Oetker verlangt angeblich bis zu fünf Milliarden Dollar für Hamburg Süd

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Auch Hapag-Lloyd, nach den jüngsten Transaktionen künftig weltweit die Nummer fünf der Branche, und Hamburg Süd, gegenwärtig mit einem Anteil von 3 Prozent an der weltweiten Transportkapazität die Nummer sieben, hatten vor Jahren bereits über eine Fusion gesprochen. Doch daraus wurde nichts.

Dass Hamburg Süd nun wohl ausgerechnet an die dänische Maersk-Gruppe geht, überrascht indes nicht. Die größte Linienreederei der Welt hatte angesichts von weltweiten Überkapazitäten kürzlich bereits angekündigt, ihren Marktanteil künftig mit Vorliebe per Akquisition anderer Firmen ausbauen zu wollen. Damit rückte der Konzern von seiner Linie ab, ständig neue, immer größere Schiffe in Dienst zu nehmen.

Maersk gilt zudem als jene Reederei mit der größten Finanzkraft am Markt und wurde bereits seit einiger Zeit als Favorit für den Hamburg-Süd-Kauf gehandelt. Zwar waren nach Informationen von manager-magazin.de bis zuletzt auch die Konkurrenten Cosco sowie CMA CGM an der Übernahme interessiert.

Branchenkreisen zufolge verlangt die Oetker-Gruppe jedoch einen ambitionierten Preis für ihre Tochter, so dass Maersk offenbar seine Finanzstärke ausspielen konnte. Beide Unternehmen machten zwar keine Angaben zum vereinbarten Preis für Hamburg Süd. Laut Branchendienst "Alphaliner" wollen die Bielefelder für ihren Schifffahrtszweig jedoch beinahe fünf Milliarden Dollar, also etwa 4,7 Milliarden Euro haben.

1,4 Milliarden Dollar, so schätzt der Branchendienst VesselsValue, ist alleine die Flotte der Hamburger wert. "Alphaliner" taxiert die Assets, die das Unternehmen insgesamt in seinen Büchern hat, auf etwa 2,2 Milliarden Dollar. Hamburg Süd sei kaum verschuldet, so der gewöhnlich gut informierte Brancheninformationsdienst. Jeder potenzielle Käufer müsse daher wohl tief in die Tasche greifen.

Das bedeutet allerdings auch, dass der Druck auf Hamburg Süd künftig umso größer sein wird, zumal in der aktuellen Schifffahrtskrise. Zwar passt das Unternehmen einerseits gut zur Strategie der Dänen, die nach Angaben von Lars Jensen, Chef der Kopenhagener Beratungsfirma SeaIntelligence Consulting, im Handel mit Südamerika Potenzial sehen.

In Hamburg könnten 800 Jobs wegfallen

"Hamburg Süds Stärke auf den Nord-Süd-Linien macht das Unternehmen attraktiv für Maersk", sagte Jensen dem "Wall Street Journal". "Maersk erwartet Wachstum bei Kühlfracht wie Fleisch aus Brasilien oder Argentinien sowie Bananen aus Ecuador. Zusammen mit Hamburg Süd würde der Konzern seine Bedeutung in dem Teil der Welt stärken."

Allein mit den Nord-Süd-Diensten werden die 6000 Hamburg-Süd-Mitarbeiter sowie die rund 130 Containerschiffe des Unternehmens aber künftig kaum ausgelastet sein. Noch ist Hamburg Süd auf den Weltmeeren auch auf Ost-West-Strecken unterwegs. Auf den Gewässern zwischen Europa, Asien und Nordamerika enden die Verträge "Alphaliner" zufolge jedoch im Frühjahr 2017. Und was danach kommt, erscheint angesichts der bevorstehenden Übernahme ungewisser als zuvor.

Hinzu kommt: Insbesondere für jene Management- und Verwaltungsjobs, die das Hamburg-Süd-Landpersonal erledigt, dürfte Maersk zum großen Teil bereits eigene Leute haben. An der Stelle greifen dann jene berüchtigten "Synergieeffekte", die einen Zusammenschluss für Unternehmen oftmals überhaupt erst attraktiv erscheinen lassen. Ein vergleichsweise teurer Standort wie Hamburg dürfte da in der Konkurrenz schlecht abschneiden.

Das hat auch der deutsche Reederverband erkannt. "Der Standortwettbewerb wird noch härter", erklärte Geschäftsführer Ralf Nagel angesichts des bevorstehenden Deals. Neue Kapitalgeber aus Europa, den USA und China verglichen Standorte weltweit. "Wir brauchen große zusätzliche gemeinsame Anstrengungen aus Politik und Wirtschaft, um Deutschland als Schifffahrtsstandort dauerhaft im Spitzenfeld zu halten."

Grund genug zum Zittern haben die Hamburg-Süd-Mitarbeiter in der Hansestadt also allemal. Wie manager-magazin.de erfuhr, hat Maersk bereits zahlreiche solcher Back-Office-Funktionen in Billiglohnländer verlegt - gleiches dürfte nun auch für Hamburg Süd bevorstehen. Nach Informationen von manager-magazin.de wird bereits darüber diskutiert, dass alleine in Hamburg rund 800 Stellen wegfallen könnten.

Damit steht das 1871 gegründete Traditionsunternehmen vor einem der wohl schwerwiegendsten Einschnitte seiner Geschichte. Maersk dagegen kann mit der Übernahme seine Führung auf den Weltmeeren ausbauen: Der Marktanteil werde auf ungefähr 18,6 Prozent von derzeit 15,7 Prozent steigen, teilte der Konzern mit. Die Kapazität klettere von bisher 3,1 auf rund 3,8 Millionen Standardcontainer.

Oetker: High Noon in Bielefeld

Insgesamt verfügen die Dänen künftig über eine Flotte von mehr als 700 Frachtern. Zum Vergleich: Die zweitgrößte Reederei der Welt, die Mediterranean Shipping Company (MSC) mit Sitz in der Schweiz, kommt nach Daten von "Alphaliner" mit knapp 500 Schiffen auf einem Marktanteil von 13,6 Prozent.

Den Vertrag mit Maersk will die Oetker-Gruppe voraussichtlich Ende März oder Anfang April kommenden Jahres unterschreiben. Ansonsten müssen nur noch die Kartellbehörden dem Vorhaben zustimmen.