Wie Männer wirklich sind - Teil 5 Männer, macht euer Ding!

Leistungsträger, Super-Papa - es gibt unzählige Vorstellungen, wie moderne Männer zu sein haben. In seinem Buch "Männer" räumt Björn Süfke mit der Idee eines neuen Männerbildes auf. Im fünften und letzten Teil erklärt der Autor, wie Männer der Falle ständig wachsender Erwartungen entkommen können. Und schreibt einen Wunschzettel.
Von Björn Süfke
Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Die traditionelle Männlichkeit steht - ebenso wie die traditionelle Weiblichkeit - im Dienste einer Geschlechterspaltung, die einen biologischen Ursprung und natürlich auch einen biologischen Sinn hatte. Aber nur weil etwas einen biologischen Ursprung hat, müssen wir als Gesellschaft es nicht grundsätzlich aufrechterhalten. Es gibt auch einen biologischen Hintergrund für die Tatsache, dass Männer öfter und lieber im Stehen pinkeln als Frauen. Wenn sich die Gesellschaft aber entscheidet, abgeschlossene Räume mit meistens einer einzigen universellen Vorrichtung für sämtliche Ausscheidungsaktivitäten beider Geschlechter einzurichten, dann kann man auf den biologischen Unterschied getrost … also, ich meine, dann braucht es eben eine Regelung, die der gesellschaftlichen Entwicklung Tribut zollt.

Ebenso hat sich auch der biologische Sinn der weiblichen Vormachtstellung bei der Kinderbetreuung mittlerweile weitgehend erledigt, da heute beide Geschlechter bei der Ernährung und Versorgung von Kindern ähnliche, im Falle des Nicht-Stillens sogar identische Möglichkeiten haben.

Björn Süfke
Foto: Süfke

Björn Süfke ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Psychotherapeut mit Männern aller Altersstufen. Er lebt mit seiner Familie bei Bielefeld. Zuletzt erschienen von ihm "Männerseelen. Ein psychologischer Reiseführer" (Patmos, 2010), "Die Ritter des Möhrenbreis. Geschichten von Vater und Sohn" (Walter, 2010). Weitere Informationen unter www.maenner-therapie.de. 

Was bleibt, ist der zweite, eher willkürliche, aber nichtsdestotrotz funktionale Sinn einer Geschlechterspaltung: die Erleichterung der Organisation sowohl der Gesellschaft als auch der Familie. Aber: Leichter ist nicht immer schöner! Gesellschaftliche und private Verhandlungsprozesse zwischen den Geschlechtern sind zumutbar. Sie müssen es auch sein, denn die Gesellschaft wird nun einmal immer komplexer und pluralistischer, so dass die relativ simple Aufspaltung nach Geschlecht ohnehin nicht ewig zu halten ist. Die Traditionelle Männlichkeit wird schon deswegen zerfallen, weil ganz einfach in zunehmendem Maße die Bereitschaft von Männern und Frauen schwindet, geschlechtstypische Einschränkungen hinzunehmen.

Vergesst den neuen, modernen Mann

Wenn das Alte, das Traditionelle also nicht mehr haltbar ist, was liegt da näher, als etwas Neues zu suchen? Ein neuer Entwurf von Männlichkeit muss her! Ein Update, das auf der Höhe der Zeit ist. (…) Wie sollte er denn nun sein, der neue, der moderne Mann? (…) Ich mag schon das "sollte" in der Frage nicht, das "modern" sowieso nicht. Darüber hinaus weiß ich keine Antwort auf die Frage und last but not least ist mir die Antwort auch egal.

Wenn er denn etwas "sollte", der Mann von heute, von gestern und von morgen, dann wäre es dies: sich von alten und von neuen Männlichkeitsbildern emanzipieren. Daher möchte ich hier auch keinesfalls ein neues Konzept von Männlichkeit vorgeben. Sicherlich, ich mochte die Traditionelle Männlichkeit nicht, ich bin froh, dass sie bröckelt. Aber ich will auch keinen neuen Entwurf vorstellen, der nur wieder neue Vorgaben beinhaltet und damit neue Einschränkungen bereithält. […]

Was also dann: Demokratie? Das würde ja bedeuten, dass wir uns per Mehrheitsbeschluss auf ein neues Männerbild einigen. Organisatorisch wäre das eine gewisse Herausforderung, aber das Ergebnis hätte vermutlich deutlich mehr mit dem zu tun, wie wir Männer tatsächlich sind und sein möchten, als es bei der oktroyierten Traditionellen Männlichkeit der Fall war. Auch finde ich die Grundidee der Demokratie sehr ansprechend, denn bei Themen, von denen viele Menschen gemeinsam betroffen sind, muss man sich eben einigen, um die größtmögliche Zufriedenheit herzustellen.

Ich glaube aber (…), dass es nicht unbedingt nötig ist, sich zu einigen. Es schadet den anderen Männern nämlich nicht, wenn ich "mein Ding" mache, wenn ich es anders mache als die Männer rechts und links neben mir. Insofern wäre es eher Anarchie: Jeder sollte selbst, für sich selbst und nur für sich selbst auswählen können. Und eventuell nicht nur aus Bestehendem auswählen, sondern selbst gestalten. Ein jeder Mann sollte seine eigene Männlichkeit neu erfinden (dürfen).

Vergesst den Supermarkt der Möglichkeiten

Natürlich nicht beliebig, wie in einem postmodernen Supermarkt der Möglichkeiten. Ich kann mir keine beliebige Männlichkeit aussuchen oder zusammenstellen und das Ganze dann mit der dazugehörigen App herunterladen. Genau diese Illusion allerdings wird häufig von den modernen Hochglanz-Lifestyle-Magazinen vermittelt, die einem entsprechende Botschaften entgegenwerfen: Du kannst ein lockerer Beach-Typ sein wie unser Cover-Boy, Du kannst so frei und ungezwungen sein wie Du willst, Du kannst ein von Frauen angeschmachteter, kinderwagenschiebender Senkrechtstarter sein. Und auch der moderne Shopping-Kapitalismus macht sich diesen Trugschluss zunutze: Jede Identität ist möglich, wenn man nur die richtigen Dinge konsumiert. Die Treckingjacke macht mich zum Outdoor-Typen, die Hornbrille zum Intellektuellen.

Aber das stimmt eben alles nicht. Man kann sich noch so viele Outdoor-Sachen kaufen, dadurch wird man nicht der kernige Naturbursche. Auch wenn man es eben gern wäre - etwa weil man die Nase voll hat vom Smartphone-Leben. Man kann anderen und vielleicht auch sich selbst gegenüber diese Illusion eine Zeitlang aufrechterhalten. Aber wenn dann draußen in der Wildnis die fehlenden Toiletten zu Verstopfung führen, wenn einen die harten Luftmatratzen beständig plagen und die Regengüsse mehr nerven als es der Stadtverkehr je getan hat, dann ist man eben wohl kein Outdoor-Typ. […]

Ich selbst etwa könnte nicht der sportliche Gesundheitstyp sein, auch nicht der traditionelle Erfolgsmann, ebenso wenig der esoterisch-donjuanistische Freie-Liebe-Typ. Zu all diesen Facetten von Männlichkeit fehlen mir individuelle Voraussetzungen: körperliche und psychische, sexuelle Präferenzen und persönliche Bedürfnislagen, die ich allesamt nicht einfach konstruieren kann, selbst wenn ich es wollte.

Oder auch tief verankerte Affinitäten, die ich nicht einfach dekonstruieren kann. Ich könnte natürlich meine Fußballbegeisterung abspalten und sagen: "Fußball ist traditionell männlich, so ein traditionell orientierter Mann will ich nicht sein!" Aber das wäre wieder eine Orientierung an einem spezifischen, scheinbar "richtigen" Männerbild. Es wäre nicht emanzipiert. Und es wäre gelogen. Ich bin nicht der Traum-Ehemann, der beim mühsam freigeschaufelten Hochzeitstag-Candlelight-Dinner sein Smartphone ausschaltet, obwohl sein Lieblingsverein in einem wichtigen Spiel um den Klassenerhalt kämpft. Schlimmer noch: Ich stelle sogar die "Kicker"-Benachrichtigungsfunktion ein. Natürlich könnte ich so tun, als wäre ich so ein Mann, dem das Spielergebnis in einem Moment der trauten Zweisamkeit egal ist. Aber ich kann nicht so ein Mann sein. Und ich strebe es auch nicht an. […]

Ein Wunschzettel für Männer

Das eigene Mann-Sein (…) bewohnt man alleine. Wir müssen keinen gesellschaftlichen Konsens darüber finden, wie das Mann-Sein am besten geht oder wie es gemacht werden muss. Zumal es auch niemanden gibt, der für alle Männer dieser Welt sagen könnte, wie es für sie gut wäre. (…) Und auch wenn das Fehlen einer Leitlinie oft schwer zu ertragen ist: Meistens ist es doch besser, erst einmal nicht zu wissen, was man tun soll, als etwas völlig Verqueres zu tun. Davon abgesehen brauchen wir Männer auch gar keine "richtige Männlichkeit" als handlungsweisende Leitlinie, sofern wir einen guten Zugang zu den eigenen Gefühlen haben. Denn diese Gefühle, Impulse, Bedürfnisse sind Leitlinie genug für mein persönliches Handeln.

Wir Männer müssen also die Definition männlicher Identität, unserer ganz persönlichen männlichen Identität, selbst in die Hände nehmen. Vielmehr: Wir dürfen es endlich. Nicht jede Identität, nicht jede Männlichkeit ist für mich persönlich möglich. (…) Nun gut, ich gebe es zu: Auch wenn ich keine Vorgaben machen will und kann, ein paar Wünsche an uns Männer habe ich dann doch:

1. Keine Abwertung

Wenn alle Einzelaspekte der Traditionellen Männlichkeit verteufelt werden und dann vielleicht noch alle Aspekte der sogenannten "neuen Männlichkeit" lächerlich gemacht werden, entsteht der Zwang, möglichst viele Dinge nicht zu sein. Das führt dann wieder zu einer Identifikation der Abgrenzung - so wie bei der Traditionellen Männlichkeit, die sich so radikal von Weiblichkeit abgrenzt. Identifikationen der Abgrenzung sind aber immer Identifikationen mit Verboten. Das ist problematisch, denn dann darf ich so vieles von dem, was ich nun einmal bin, nicht sein. So verstelle ich mir nicht nur den Blick auf meine eigene Geschlechtsidentität, da sie massiven Beschränkungen unterworfen ist. Ich verhindere generell eine realistische Betrachtung meiner eigenen Person.

2. Anything goes

Ich wünsche mir, dass nichts verboten ist. Natürlich muss es sich auf dem Boden der Legalität abspielen, das ist klar, das gilt aber für alle Entwürfe, die meiner geschlechtlichen, meiner sexuellen oder meiner beruflichen Identität. (…)

3. Ein Mann darf Vieles sein

Wenn nichts grundsätzlich verboten ist, müsste es auch möglich sein können, dass ein Mann nicht einer spezifischen Rollenzuschreibung entspricht. Dann wären wir nicht nur frei, jede erdenkliche Form von Männlichkeit leben zu können, ohne abgewertet zu werden. Wir wären auch befreit davon, ein Typ sein zu müssen. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, vielleicht bin ich auch einfach in meiner Entwicklung auf Pubertätsniveau hängengeblieben, aber wann immer ich auf einen bestimmten Typus festgelegt werden soll, habe ich das dringende Gefühl, mich wehren zu müssen. (…)

4. Ein Mann darf widersprüchlich sein

Damit wären wir an der Spitze der Unerträglichkeitspyramide angelangt - zumindest was unser westliches Denkschema betrifft. Die Vorstellung nämlich, dass jemand in seiner Person scheinbar widersprüchliche Eigenschaften vereint, bereitet uns große Schwierigkeiten. So sehr übrigens, dass dieses Phänomen gerne in der Literatur oder im Film aufgegriffen wird, wo dann Katz und Maus mit unseren Erwartungen gespielt wird. Auf Männer bezogen ist beispielsweise eine sehr beliebte Darstellung die des sensiblen, hochbegabten, scheuen, zu Kindern und Frauen liebevollen Mannes, der dann plötzlich bei einer Provokation den Angreifer in besinnungsloser Wut zu Tode prügelt. Oder andersherum: Der kaltblütige Auftragskiller, der sich dann rührend um das verwaiste Nachbarsmädchen kümmert. Je nach Zielgruppe und künstlerischem Anspruch wird dieser Widerspruch am Ende entweder aufgelöst (Protagonist war eigentlich schon immer "gut" oder ist es zumindest jetzt!) oder aber aufrechterhalten. Im letzteren Fall kann man als Zuschauer die ganze Nacht nicht schlafen, weil der Kopf weiterhin nach einer - widerspruchsfreien - Auflösung sucht.

Das Akzeptieren scheinbarer Widersprüche, die Fachwelt spricht von Ambiguitätstoleranz, fällt uns als Gesellschaft also grundsätzlich schwer. Insofern ist die Forderung nach einer höheren Ambiguitätstoleranz, was die Geschlechtsidentitäten betrifft, relativ vermessen.

Aber schön wäre es schon. Wenn man zum Beispiel als knallharter Geschäftsmann bei RTL 2-Liebesfilmen weinen dürfte, wenn man schon während der Fußballprofi-Karriere schwul sein dürfte und nicht erst hinterher, wenn man als pazifistischer Männertherapeut blutrünstige, muskelbepackte Actionfilme gucken dürfte, sobald die Frau abends ausgeht, wenn man streng und liebevoll, bedürftig nach Nähe und autark oder einfach bisexuell sein dürfte.

Nun sind wir endgültig im Land der Sehnsüchte angekommen - meinem Lieblingsland, privat und als Therapeut. Lassen wir uns doch hier nieder und wünschen uns noch mehr! Und zwar von allen!

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