Mittwoch, 8. April 2020

Staatshilfe oder nicht? Die Corona-Krise ändert die Spielregeln aller Airlines - und führt die Lufthansa in einen Zwiespalt

Lufthansa-Chef Carsten Spohr will Staatshilfen (noch) nicht annehmen. Er sollte es aber mit Rücksicht auf die Wettbewerbslage besser tun.
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Lufthansa-Chef Carsten Spohr will Staatshilfen (noch) nicht annehmen. Er sollte es aber mit Rücksicht auf die Wettbewerbslage besser tun.

Die Hauptsache interessierte niemanden mehr. Eigentlich hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr heute in Frankfurt die Bilanz des vergangenen Jahres vorstellen wollen, das immerhin den drittgrößten Gewinn der Firmengeschichte brachte. Stattdessen ging es in seinem Videoauftritt praktisch ausschließlich um die Coronakrise. Sie verändert für die Luftfahrt alles.

Spohr - gewohnt kämpferisch im Auftritt und trotzdem sichtlich strapaziert - machte ohne Umschweife deutlich, dass sein Unternehmen und die ganze Branche existenziell getroffen sind und eine historische Zäsur erleben. Eben noch als ewige Gewinner der Globalisierung und des Trends zur Mobilität gefeiert, stehen die Fluggesellschaften praktisch still und blicken dem kollektiven Bankrott ins Auge. Der Lufthansa-Lenker vermittelte die Dramatik anschaulich, indem er aus dem Kopf den verbliebenen Flugplan des Konzerns aufsagte; es gibt noch Frachtflüge und ein paar Rückholfaktionen für Urlauber - ansonsten stehen nahezu alle Maschinen am Boden.


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Wie lange die Not andauern wird, weiß niemand, und auch die krisenerfahrene Lufthansa wagt keine Prognose. Vorstandschef Spohr gab aber mit vielen Bemerkungen zu verstehen, dass der Virus auch nach einem Abebben der Pandemie auf die Branche einwirken und sie grundlegend verändern wird.

Tatsächlich geht für die Luftfahrt eine Ära zu Ende, die vor 40 Jahren mit der weitgehenden Privatisierung der zuvor in der Regel staatlichen Fluglinien begann. Seither verstand sich die Fliegerei als ganz normales Business - Fluglinien als gewöhnliche Firmen wie Autobauer oder Keksfabrikanten. Das Kalkül ging sogar auf: die Branche erblühte. die Tickets wurden erschwinglich, es gab ständig neue Passagierrekorde und bei diversen Airlines stattliche Gewinne. Nur an einem änderte sich nichts: der Anfälligkeit der Luftfahrt für externe Schocks wie jetzt ultimativ die Corona-Krise. Und gegen die helfen am Ende wohl doch wieder nur der Staat.

Viele Fluggesellschaften bekommen schon Staatshilfen oder wurden gar verstaatlicht wie Alitalia. Carsten Spohr will zunächst die Reserven des Konzerns nutzen, um das Unternehmen am Leben zu erhalten. Gleichwohl kann er nicht ausschließen, dass auch die Lufthansa Staatshilfen benötigen wird, wenn der Notstand noch viele Monate andauert. Und er muss aufpassen, dass seine honorige Haltung für die Lufthansa nicht zum Bumerang wird.

Lufthansa will kein Staatsgeld, sollte es aber besser annehmen

Wenn die Lufthansa, die in der Vergangenheit solide gewirtschaftet hat, jetzt ihr Vermögen aufzehrt, während vorher schon wacklige Wettbewerber ungeniert von Staatsgeldern leben, werden Gerechtigkeit und Leistungsprinzip mit Füßen getreten. Spohr weiß das zweifellos und sprach bei seinem heutigen Auftritt ahnungsvoll von "Fairness", auf die er bei der Neuaufstellung des Markts baue. Am Ende könnte es auf einen Zwiespalt zwischen Stolz und praktischer Vernunft hinauslaufen - die Lufthansa will eigentlich kein Staatsgeld, sollte es aber mit Rücksicht auf die Wettbewerbslage besser annehmen.

Der für die Lufthanseaten schlimmste Ausgang - der deutsche Staat steigt wieder als Aktionär bei der Kranich-Linie ein - ist trotz aller Dramatik unwahrscheinlich. Sicher hingegen ist, dass sich die Spielregeln der Branche ändern werden, und zwar wenig zur Freude des Kapitalmarkts.

Mit windigen Geschäftsmodellen - Investoren (und auch mancher Staat) blasen mit Flugzeugen auf Pump monströse Airlines auf - ist es vermutlich für Jahrzehnte vorbei. An Fluggesellschaften werden die Kapitalgeber insgesamt geringere Erwartungen hinsichlich Profit und Wachstum stellen müssen. Gewagte Übernahmen scheiden auf Sicht aus.

Die Lufthansa und ihr Kapitän können mit dieser Perspektive grundsätzlich gut leben. Spohr fordert schon länger "qualitatives Wachstum" in der Luftfahrt anstatt blinder Expansion. Bitter nur, dass selbst die Vorstellung moderaten Wachstums für alle Airline-Chefs aktuell wie eine Utopie klingt.

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