Digitale Hauptversammlung Lufthansa-Aktionäre stimmen für Staatseinstieg

Die Lufthansa kann mit deutscher Staatshilfe weiterfliegen. Auf der virtuellen Hauptversammlung stimmten die Aktionäre dem Hilfspaket zu.

Die Lufthansa kann mit deutscher Staatshilfe weiterfliegen. Auf der virtuellen Hauptversammlung stimmten die Aktionäre dem Hilfspaket zu.

Foto: Oliver Roesler/Lufthansa/dpa

Nach einer wochenlangen Zitterpartie ist die staatliche Rettung der Lufthansa  vor einer durch die Corona-Krise verursachten Pleite beschlossene Sache. Die Aktionäre gaben am Donnerstag auf einer außerordentlichen Hauptversammlung grünes Licht für das bis zu neun Milliarden Euro schwere Finanzpaket des Bundes. Sie stimmten mit einer Mehrheit von 98,04 Prozent für eine Kapitalerhöhung, mit der der Bund mit 20 Prozent bei der Fluggesellschaft einsteigt, wie Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley sagte.

Die Bundesregierung zeigte sich erleichtert über die Entscheidung der Lufthansa-Aktionäre. Nun habe der Konzern eine Perspektive "die gegenwärtig schwerste Herausforderung ihrer Geschichte zu bestehen zu und zu überstehen", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) am Donnerstag in Berlin. Die Lufthansa habe eine Chance, daraus gestärkt hervorzugehen. Die Beteiligung werde "keinen Tag länger" bestehen als notwendig. Der Bund mische sich nicht ins operative Geschäft ein.

Finanzminister Olaf Scholz (SPD) sagte, das sei eine gute Nachricht für das Unternehmen selbst, die Beschäftigten und den Wirtschaftsstandort Deutschland. "Mit den Finanzhilfen stabilisiert die Bundesregierung ein großes deutsches Unternehmen, das kerngesund war und durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie in schwere Turbulenzen geraten ist."

"Wir haben kein Geld mehr."

Vor der Abstimmung am Donnerstagnachmittag hatte die Lufthansa-Spitze bei den Aktionären auf der außerordentlichen Hauptversammlung eindringlich für das staatliche Rettungspaket geworben. Kley erklärte: "Wenn Sie zustimmen, kann die Lufthansa  an frühere Erfolge anknüpfen, es wird dann keine Insolvenz geben". Ohne Unterstützung drohe der Airline in den nächsten Tagen die Pleite, bekräftigte Kley in der virtuell abgehaltenen Versammlung. "Wir haben kein Geld mehr."

Vorstandschef Carsten Spohr kündigte an, die Lufthansa müsse effizienter und agiler werden. "Auch schmerzhafte Personalmaßnahmen werden wir umsetzen müssen." Die Zustimmung zum staatlichen Rettungspaket über bis zu neun Milliarden Euro sei wegweisend. "Es ist ohne Zweifel ein historischer Moment für unser Unternehmen."


Fataler Deal: Wie die Lufthansa unter der Staatshilfe leidet 


Lufthansa hatte rechtzeitig vor der Hauptversammlung die größten Hürden für eine Rettung aus dem Weg geräumt. Großaktionär Heinz Hermann Thiele signalisierte in einem Interview kurz vor der Hauptversammlung, dass er das mit der Bundesregierung ausgehandelte Sanierungspaket trotz anfänglicher Bedenken nicht blockieren werde. "Ich werde für die Beschlussvorlage stimmen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das trieb die Lufthansa-Aktie bereits bis zeitweise um rund zwölf Prozent nach oben, zum Börsenschluss notierte das Papier mit über sechs Prozent im Plus.

Zudem gaben die EU-Wettbewerbshüter am Donnerstag grünes Licht für die Staatshilfen. Mit der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO verständigte sich die Lufthansa auf ein Sparpaket, das bis Ende 2023 ein Einsparpotenzial von mehr als 500 Millionen Euro hat - etwa durch einen Verzicht auf Lohnerhöhungen und reduzierte Flugstunden. Damit könnten betriebsbedingte Kündigungen für die 22.000 Kabinenmitarbeiter für den Zeitraum der Krise vermieden werden, erklärte die Lufthansa.

Lufthansa-Mitarbeiter demonstrierten am Donnerstag in Frankfurt

Lufthansa-Mitarbeiter demonstrierten am Donnerstag in Frankfurt

Foto: Arne Dedert/dpa

"Lukratives Geschäft für den Staat"

Die Corona-Krise mit ihren Einreiseverboten hat den Flugbetrieb der Lufthansa fast zum Stillstand gebracht und für einen drastischen Umsatzeinbruch gesorgt. "Wir werden den Restart nicht aus eigener Kraft erfolgreich fortsetzen können", sagte Spohr. "Das Stabilisierungspaket ist kein Geschenk." Die Airline werde für die Rückzahlung hart arbeiten müssen. Auch Aufsichtsratschef Kley sprach von einer erheblichen Belastung für die Airline. "Für den Staat ist es ein lukratives Geschäft. Das freut uns für den Steuerzahler." Nur durch das Paket aus Kredit, Stillen Einlagen und dem Einstieg des Staates sei die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Die Airline werde die Krise aber meistern. "Wir packen das", betonte Kley.

Einige Aktionäre stellten die Frage, ob die Lufthansa als Alternative zur Staatshilfe nicht über den Kapitalmarkt oder private Geldgeber genug Mittel hätte aufnehmen können. Der Liquiditätsbedarf der Lufthansa übersteige mit neun Milliarden Euro deutlich die Marktkapitalisierung, erklärte Spohr. "Eine ausschließliche Finanzierung der Lufthansa über Fremdkapital hätte zu einer sehr hohen Verschuldung geführt." Dank der Stillen Einlage werde die Verschuldung deutlich geringer.


Lesen Sie auch:
Ryanair legt Klage wegen Lufthansa-Staatshilfen ein
Lufthansa und Flugbegleiter-Gewerkschaft einigen sich auf Krisenpaket
Der Unerbittliche - so tickt Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele


Aktionäre kritisierten auch den niedrigen Einstiegspreis des Bundes von 2,56 Euro je Aktie. Vorstand Michael Niggemann erklärte, dies spiegle das Verhandlungsergebnis mit der Regierung wider. Zu bedenken sei, dass bei der ohne Rettung drohenden Insolvenz über ein Schutzschirmverfahren den Aktionären ein Totalverlust ihrer Anlagen gedroht hätte. Auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz warb in Berlin für eine Zustimmung. "Es liegt ein gutes Angebot auf dem Tisch, die Lufthansa-Aktionäre sollten es annehmen."

Milliardär stellt Dutzende juristisch ausgefeilte Fragen

Der 79-jährige Milliardär Thiele hatte sich in den vergangenen Monaten mehr als 15 Prozent an der Lufthansa zusammengekauft. Damit hätte er die nötige Zweidrittelmehrheit für die Kapitalmaßnahmen torpedieren können, weil sich nur 38 Prozent der Aktionäre für die Hauptversammlung angemeldet haben. Thiele befürchtete, dass die Politik bei der Lufthansa eine notwendige Sanierung erschweren würde. Auch nach einem Gespräch mit Finanzminister Scholz war offengeblieben, ob er seinen Widerstand aufgeben würde.

Auf der Hauptversammlung stellte er Dutzende juristisch ausgefeilter Fragen, die sich etwa darum drehten, ob die Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Pandemie verhältnismäßig waren und von der Lufthansa daraufhin geprüft wurden. Zudem versuchte er, alle Details der Verhandlungen über das Rettungspaket auszuleuchten - zum Beispiel, ob das Bundesfinanzministerium federführend war, obwohl das Bundeswirtschaftsministerium zuständig ist. Spohr verneinte das.

Lufthansa muss noch eine Milliarde Euro an Kunden erstatten

Kunden der Lufthansa warten immer noch auf rund eine Milliarde Euro als Erstattung für abgesagte Flüge in der Corona-Krise. Diese Summe nannte Personal- und Rechtsvorstand Michael Niggemann bei der Hauptversammlung. Man habe die Teams zur Bearbeitung der Anfragen verstärkt und bereits rund eine Milliarde Euro ausgezahlt.

Lufthansa-Chef Spohr erklärte, dass der Stau in sechs Wochen abgearbeitet sein soll. Dafür werden im kommenden Quartal erhebliche Barmittel abfließen. Voraussetzung dafür ist allerdings die Annahme des staatlichen Rettungspakets durch die Aktionäre, die am Nachmittag noch ausstand. Nach EU-Recht sind Fluggesellschaften bei von ihnen stornierten Flügen zu einer Rückzahlung des Ticketpreises innerhalb von sieben Tagen verpflichtet.

luk / akn / Reuters, dpa-afx
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.