Montag, 30. März 2020

Zur Bilanzvorlage Wie die Lufthansa durch die Corona-Krise fliegen will

Die Lufthansa am Boden: Durch die Corona-Krise ist die Zahl der Passagiere drastisch eingebrochen
Silas Stein/DPA
Die Lufthansa am Boden: Durch die Corona-Krise ist die Zahl der Passagiere drastisch eingebrochen

Mitten in der wohl schwersten Krise der Luftfahrtbranche legt die Lufthansa an diesem Donnerstag ihre Zahlen für das vergangene Jahr vor. Der Dax-Konzern kämpft mit dem Fast-Zusammenbruch des internationalen Luftverkehrs in Folge der Covid-19-Pandemie. Ein Überblick über die gegenwärtige Situation der Airline und der Aktie.

DER STAND DER DINGE:

Nach einem schwierigen Jahr mit Preisschlacht und Gewinnwarnung droht es für Lufthansa Börsen-Chart zeigen 2020 noch viel schlimmer zu kommen. Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus bringt den Flugverkehr größtenteils zum Erliegen. Wie andere Fluggesellschaften hat die Lufthansa das Flugangebot auf ein Minimum zusammengestrichen. Waren erst vor allem die Flüge nach China passé, fällt jetzt auch der Großteil der Verbindungen in die USA sowie innerhalb Europas weg.

Vorerst finde nur noch etwa jeder zehnte Fernflug und nur noch etwa jeder fünfte Mittelstreckenflug statt, teilte die Lufthansa am Montag mit. Die Konzerntöchter Brussels und Austrian Airlines stellen den Betrieb vorerst komplett ein. Konkurrenten wie die British-Airways-Mutter IAG Börsen-Chart zeigen kündigten Flugstreichungen in ähnlicher Dimension sogar schon für April und Mai an. Ryanair Börsen-Chart zeigen streicht ab 24. März nun sogar alle oder fast alle Flüge.

Am Dienstagabend beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union zudem ein weitgehendes Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger - für 30 Tage und ab sofort. Die Lufthansa, der Ferienflieger Condor und die Tui-Tochter Tuifly sollen nun in einer koordinierten Aktion mit der Bundesregierung zehntausende Deutsche aus dem Ausland zurückholen.

Frachtflugverkehr soll ausgebaut werden

Unterdessen arbeitet die Lufthansa daran, die Frachtflüge auszubauen, um die Versorgung Deutschlands zu sichern. Dazu will Vorstandschef Carsten Spohr möglicherweise auch große Passagierjets vom Typ Boeing 747-8 einsetzen. Grundsätzlich sei mit einem steigenden Transportbedarf zu rechnen, um die Produktionsketten aufrechtzuerhalten, sagte ein Konzernsprecher. Auch Verbrauchsgüter für die Bevölkerung könnten per Flugzeug transportiert werden.

Unterdessen versucht der Vorstand, das Geld zusammenzuhalten, damit das Unternehmen die Krise übersteht. So sollen die Aktionäre auf die Dividende für 2019 verzichten. Das Unternehmen hat sich auch neue Kredite in Höhe von 600 Millionen Euro gesichert. Damit verfüge der Konzern über flüssige Mittel von rund 4,3 Milliarden Euro, hieß es. Hinzu kämen ungenutzte Kreditlinien von rund 800 Millionen Euro.

Um die Kasse noch weiter zu füllen, will der Konzern auch Flugzeugfinanzierungen nutzen. 86 Prozent der rund 780 Flugzeuge starken Flotte befänden sich im Eigentum der Lufthansa, davon seien knapp 90 Prozent unbelastet von Krediten, hieß es. Das entspreche einem Buchwert von 10 Milliarden Euro.

Staatshilfe nicht ausgeschlossen

Für den schlimmsten Fall lotet Lufthansa sogar Staatshilfe aus. Der Vorstand habe sich angesichts "dieser bisher unbekannten Herausforderung daher entschieden, mit den Regierungen unserer Heimatländer nicht nur wie bisher über den Abbau von Belastungen zu sprechen, sondern auch über aktive Unterstützungen, sobald diese notwendig werden", sagte Spohr. Von einer Staatsbeteiligung will man in Lufthansa-Kreisen angesichts der hohen Liquiditätsreserven nichts wissen. Dass mögliche Hilfen unterhalb einer Beteiligung über die Frankfurter Staatsbank KfW organisiert werden könnten, blieb aber zumindest unwidersprochen.

Unterdessen kürzt der Konzern seine laufenden Ausgaben und versucht Investitionen zu verschieben. Für einen Teil der Belegschaft soll Kurzarbeit beantragt werden. Spohr rief die Mitarbeiter zu Solidarität und Verzicht auf, "um die Zukunft der Lufthansa-Gruppe zu sichern". Ziel sei, möglichst alle Beschäftigten an Bord zu halten.

Schon 2019 brach das Ergebnis des Dax-Konzerns nach vorläufigen Zahlen um fast 29 Prozent auf 2,03 Milliarden Euro ein. Damit erreichte Lufthansa gerade noch die eigene Prognose, die im vergangenen Juni auf 2,0 bis 2,4 Milliarden Euro gekappt worden war.

DAS ERWARTET DAS UNTERNEHMEN:

Vorstandschef Spohr zeigte sich vergangenen Freitag sicher, dass die Lufthansa die schwierige Situation finanziell "auf jeden Fall länger" durchstehen könnte als andere Airlines. Eine Prognose für 2020 traute er sich angesichts der sich täglich verschärfenden Lage aber nicht zu. Allerdings rechnet das Management damit, dass das operative Ergebnis (bereinigtes Ebit) des Konzerns im laufenden Jahr "deutlich" sinken wird.

DAS ERWARTEN ANALYSTEN:

Was Branchenexperten in den vergangenen Wochen für die Entwicklung der Lufthansa ausgerechnet haben, wird derzeit täglich von der aktuellen Entwicklung überholt. War die Zahl der Passagiere am Frankfurter Fraport-Flughafen in der letzten Februar-Woche noch um 14,5 Prozent niedriger ausgefallen als ein Jahr zuvor, betrug der Rückgang knapp zwei Wochen später rund 45 Prozent. Das Einreiseverbot für Nicht-EU-Bürger und der Wegfall eines Großteils der Flüge dürfte bald für weitgehende Leere in den Terminals sorgen.

Wann es wieder aufwärts geht, ist derzeit noch nicht absehbar. Die Experten der Rating-Agentur Standard & Poor's erwarten, dass die Zahl der Passagiere im weltweiten Luftverkehr in diesem Jahr um 20 bis 30 Prozent sinkt. Eine Erholung auf das Niveau vor der Krise sei erst für im Jahr 2022 oder 2023 zu erwarten, sagt S&P-Analystin Julyana Yokota.

Der renommierte Luftfahrt-Experte Daniel Roeska vom Analysehaus Bernstein teilt derweil die Einschätzung von Lufthansa-Chef Carsten Spohr, dass der deutsche Luftfahrt-Konzern eine solche Krise länger durchstehen könnte als andere Airlines. So sei die finanzielle Situation des Konzerns deutlich besser. Die gestrichene Dividende ist für ihn angesichts der jüngsten Entwicklung keine Überraschung.

SO LIEF DIE AKTIE ZULETZT:

Schon in den zwei Jahren vor der Corona-Krise hatten die Anteilseigner der Lufthansa wenig Spaß an ihren Papieren. Nach der Pleite der heimischen Konkurrentin Air Berlin stieg der Aktienkurs immer weiter bis auf ein Rekordhoch von 31,26 Euro Anfang 2018. Seither ging es praktisch nur noch abwärts - und seit Mitte Februar besonders steil. Seit dem Jahreswechsel ist der Kurs nun um fast die Hälfte gesunken, zeitweise sackte er bis auf 8,02 Euro ab. Zuletzt wurde das Papier nur wenig höher gehandelt.

Insgesamt ist die Lufthansa an der Börse nur noch rund 4,3 Milliarden Euro wert, nicht einmal ein Drittel so viel wie zu ihren besten Zeiten vor gut zwei Jahren.

mg/dpa-afx

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