Montag, 19. August 2019

Angehörige der Germanwings-Opfer kämpfen immer noch um Entschädigung Wieviel Geld ist der Lufthansa ein Menschenleben wert?

Schwierige Zeiten: Lufthansa-Chef Carsten Spohr (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Mayrhuber gedenken im April 2015 gut einen Monat nach dem Absturz der Germanwings-Maschine der Opfer. Der Streit ums Geld für Angehörige und Hinterbliebene der Opfer ist nach viereinhalb Jahren immer noch nicht zu Ende.

Ist es möglich, die Angst von Menschen nachzuempfinden oder zu klassifizieren, die in einem Flugzeug sitzen, das immer weiter sinkt, obwohl der Zielflughafen noch weit entfernt ist? Kann man diese Angst glaubhaft negieren und behaupten, die Passagiere des Todesfluges 4U9525 von Germanwings hätten nichts von dem nahenden Absturz mitbekommen und daher auch keine (Todes-)Angst ausstehen müssen?

Die Lufthansa ist genau davon überzeugt und hat diese Einschätzung so in einer Stellungnahme an das Landgericht Essen formuliert, wie ein Sprecher der Muttergesellschaft im Gespräch mit manager-magazin.de bestätigt. Das Unternehmen beruft sich dabei auf den Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörden vom März 2016.

Vor dem Gericht in Essen kämpfen Hinterbliebene um ein höheres Schmerzensgeld. Die Höhe des Schmerzensgeldes kann auch davon abhängen, wie lange die Opfer zuvor gelitten haben. Fährt die Lufthansa womöglich eine Strategie, "um die Höhe des Schmerzensgeldes zu senken?", fragt die "Bild", die zuerst darüber berichtete (€).

Lufthansa-Sprecher Helmut Tolksdorf weicht im Gespräch einer Antwort dieser Frage aus, referiert lieber, wieviel der Konzern Angehörigen pauschal bereits gezahlt habe. Das Ausweichen wundert nicht. Muss so eine Strategie, soweit die Lufthansa sie tatsächlich verfolgte, auf Außenstehende doch höchst unmoralisch und zynisch wirken.

Auch käme darüber schnell die Frage auf, wieviel einem Konzern ein Menschenleben wert ist, dessen angestellter und offensichtlich psychisch kranker Pilot am 24. März 2015 150 Menschen in den französischen Alpen in den Tod gerissen hat. Aus so einem noch öffentlich geführten Streit kann ein Unternehmen - zumindest moralisch - wohl nur als Verlierer hervorgehen. Zumal hierzulande sich Schadenersatzzahlungen und Schmerzensgelder, die vor Gerichten erstritten werden, nur auf einen Bruchteil dessen belaufen, was zum Beispiel Kläger in den USA erreichen.


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Bemerkenswert ist, dass der Lufthansa-Sprecher zur Untermauerung der These zunächst auf einen Artikel in den "Aachener Nachrichten" verweist: Dort hätten Angehörige von Aussagen berichtet, "die für sie beruhigend gewirkt hätten". Denn: "Der Autopilot war nach den Erkenntnissen so eingestellt, 'dass die Passagiere das als normalen Sinkflug empfinden mussten' ".

Die Autoren des Artikels scheinen den Bericht der französischen Untersuchungsbehörde (hier deutsche Übersetzung) nicht gelesen zu haben. Denn die zitierte Formulierung findet sich dort nicht, aber der Hinweis auf den vom Co-Piloten eingeleiteten Sinkflug, den die Behörde mit Daten aus dem Flugschreiber und den Aufzeichnungen des Funkverkehrs in Ausschnitten minutengenau rekonstruiert hat.

Demzufolge hat die Unglücksmaschine bei teils variierenden Geschwindigkeiten bis zu 5000 Fuß pro Minute verloren - also umgerechnet bis zu 1700 Meter pro Minute. Auch ist in dem Bericht von ständig wiederkehrenden Klopfgeräuschen "ähnlich dem starken Schlagen gegen die Cockpittür" die Rede und von "Stimmen" - die ein Öffnen der Cockpittür verlangen.

Und davon sollen Passagiere nichts mitbekommen haben und deshalb quasi angstfrei in ihren Tod gestürzt sein?

In dem "Bild"-Bericht zweifeln eine Hinterbliebe und ein Klägeranwalt das angesichts des heftigen Schlagens und Rufens des ausgesperrten Kapitäns stark an. Außerdem könne nach Ansicht des Anwalts, Professor Elmar Giemulla, von einem normalen Sinkflug nicht die Rede sein: "Zeitweise sank das Flugzeug mit gut 90km/h, im Landeanflug sind 24km/h normal. Das ist ein deutlich merkbarer Unterschied", zitiert die Zeitung den Juristen und Luftfahrtexperten.

Wieviel Schmerzensgeld der Verlust eines Angehörigen und womöglich auch des Haupternährers einer Familie wert ist - dieser schwierigen Frage wollen sich die Richter voraussichtlich im Herbst in einer mündlichen Verhandlung nähern.

Die Lufthansa hat sich nach Aussagen des Sprechers mit "einem Großteil" der Angehörigen der Absturzopfer geeinigt. Wieviel Klagen von Angehörigen bei Gericht noch anhängig sind, sagte er nicht. Einigung und Vergleich liefen in der Vergangenheit aber keineswegs konfliktfrei ab: So zeigten sich Hinterbliebene schon 2015 in öffentlich gewordenen "Wutbriefen" an die Lufthansa über die Höhe der angebotenen Entschädigung "zutiefst beleidigt". Und noch im vergangenen Jahr warfen Angehörige der Opfer dem Konzern öffentlich eine "Strategie des Mürbemachens" vor oder gar "Erpressung" vor. Die Lufthansa wies die Anschuldigungen stets zurück.

Nach Angaben des Sprechers habe die Lufthansa bislang

  • pauschal pro Opfer 50.000 Euro Soforthilfe,
  • pro Opfer weitere 25.000 Euro vererbbares Schmerzensgeld
  • sowie 10.000 Euro Schmerzensgeld pro nahestehendem Angehörigen
  • und "individuellen Schadensersatz" gezahlt.

Letzteren beziffert das Unternehmen gegenüber manager-magazin.de ebenso wenig wie die bislang insgesamt geleistete Zahlungen oder womöglich weitere Rückstellungen für die Katastrophe in den französischen Alpen.

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