Lürssen übernimmt Blohm + Voss Wie Kreuzfahrten und Mega-Yachten deutsche Schiffbauer retten

"Queen Mary 2" in Hamburg: Deutsche Werften verdienen gut an Kreuzfahrtschiffen, Yachten und Co.

"Queen Mary 2" in Hamburg: Deutsche Werften verdienen gut an Kreuzfahrtschiffen, Yachten und Co.

Foto: A3576 Maurizio Gambarini/ dpa/dpaweb

Bei dieser Übernahme dürfte nicht nur in der maritimen Wirtschaft Norddeutschlands so manche Augenbraue zucken: Die Bremer Lürssen-Werft kauft die Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss und wächst dadurch auf einen Schlag um beinahe 1000 Mitarbeiter zu einem Schiffbaubetrieb mit knapp 3000 Leuten und Standorten in allen norddeutschen Küstenländern.

Der Deal, über dessen Volumen sich die Beteiligten nicht äußern wollten, rückt die deutsche Werftenindustrie in den Fokus, die vor Jahren noch tief in der Krise steckte. Davon hat sie sich inzwischen längst erholt.

Rückblende: In die Krise gerieten hiesige Werften bereits in den 1970er Jahren, als insbesondere die Konkurrenz aus Fernost immer stärker wurde. Werften in Japan, Südkorea und China bauten Containerschiffe, Tanker und Massengutfrachter - auch mit staatlicher Hilfe - zu deutlich niedrigeren Preisen. So zogen die asiatischen Schiffbaubetriebe über die Jahre Milliardenaufträge an Land, während hierzulande das große Sterben begann. Als Beispiele für Unternehmen, die im Laufe dieser Zeit auf der Strecke blieben, seien nur genannt: Die Rolandwerft in Bremen, die Bremer Vulkan-Werft sowie die Elbewerft in Boizenburg.

Werften schaffen wieder neue Jobs

Lange ist es her. Inzwischen haben sich die deutschen Werften erholt und auf neue Stärken besonnen: Anstelle von standardisierten Handelsschiffen, die kaum Know-how erfordern, konzentrieren sie sich auf Spezialanfertigungen wie Yachten, Fähren, Marine- oder Ölförderschiffe. Dort haben die Betriebe dank deutscher Ingenieurskunst und hoher Qualität gegenüber vielen Wettbewerbern die Nase vorn.

Die erfreuliche Lage der Branche spiegelt sich auch in Zahlen wider, die jüngst von der IG Metall veröffentlicht wurden. Demnach arbeiten gegenwärtig wieder fast 15.900 Arbeiter bei den Schiffbaubetrieben im Norden. Das sind 1,9 Prozent mehr als noch vor einem Jahr - Tendenz weiter steigend.

Beispiel Lürssen-Werft: Die Bremer genießen bei Superreichen weltweit einen Ruf als führender Fabrikant exklusiver Mega-Yachten. Nach einem Ranking des Fachmagazins "Boote Exclusiv" wurden 76 der 200 längsten Luxusjachten weltweit in Deutschland gebaut, davon gut die Hälfte von Lürssen. Das Familienunternehmen von der Weser hat auch die längste Yacht der Welt gebaut, die 180 Meter lange "Azzam". Sie gehört angeblich einem arabischen Scheich.

Erstmals mehr als 500.000 Betten auf Kreuzfahrtschiffen - hält das Wachstum?

Auch Blohm + Voss hofft, in dieser Nische bald wieder Aufträge für Neubauten verkünden zu können. Zwar liegt der letzte Bau einer Großyacht bei den Hamburgern schon einige Jahre zurück. Der russische Milliardär Roman Abramowitsch etwa ließ sich seine mehr als 160 Meter lange "Eclipse" 2009 in der Hansestadt bauen. Mit einem neuartigen Design für eine 128-Meter-Yacht, das eigens von der irakischen Stararchitektin Zaha Hadid entworfen wurde, will das traditionsreiche Unternehmen künftig jedoch wieder Kunden gewinnen.

Besonders viel Freude bereitet den deutschen Werften seit einiger Zeit zudem das rasante Wachstum der Kreuzfahrtbranche. Das mobile Urlauben kommt rund um den Globus mehr und mehr in Mode, und die Reedereien bauen ihre Flotten aus.

Folge: Weil die Handelsschifffahrt in der Krise steckt und kaum noch neue Frachter ordert, machen Investments in Luxusliner laut britischem Fachinformationsdienst Clarksons gegenwärtig etwa die Hälfte aller weltweiten Investitionen in Schiffsneubauten aus.

Damit nimmt das Wachstum der Flotte fahrt auf: Etwa 300 Kreuzfahrtschiffe fahren momentan auf den Weltmeeren. Gemessen am Stand der Bestellungen kommen in nächster Zeit Jahr für Jahr mehr als zehn Neubauten hinzu. Laut Clarksons, hat die Zahl der Betten auf Kreuzfahrtschiffen in diesem Jahr erstmals die halbe Million überschritten.

Hoffen auf Asien

"Die deutschen Werften profitieren seit Jahren erheblich vom Kreuzfahrt-Boom", sagt Schifffahrtsexperte Helge Grammerstorf vom Beratungsunternehmen SeaConsult. "So wie es aussieht, wird dieser Trend in nächster Zeit auch anhalten."

Vor allem die Meyer Werft in Papenburg ist bekannt für den Bau moderner Kreuzfahrtliner, die regelmäßig in mühevoller Millimeterarbeit die Ems entlang aufs offene Mehr manövriert werden müssen. Die Niedersachsen haben inzwischen sogar schon bis nach Finnland expandiert, wo unter dem Label Meyer Turku Oy besonders große Vergnügungsdampfer gebaut werden.

Zudem stecken die Meyer-Gruppe sowie der malaysische Genting-Konzern Millionen in den Schiffbau Mecklenburg-Vorpommerns. Für mehr als 185 Millionen Euro wollen beide Unternehmen in den kommenden Jahren die Werften in Rostock und Wismar aufrüsten, berichtet etwa die "Ostsee-Zeitung". Genting, so heißt es, will dort "große Hochsee-Kreuzliner" sowie mittlere Kreuzfahrtschiffe für den asiatischen Markt zusammenschweißen.

Beim Stichwort Asien ist allerdings ein kritischer Punkt erreicht: Vor allem auf dem Passagierwachstum in Fernost basieren die Expansionspläne der Kreuzfahrtreedereien - und damit auch die Aussichten auf weitere lukrative Aufträge für Deutschlands Werften.

50-Millionen-Euro-Rechnung an die Reederei der "Queen Mary 2"

Derzeit wächst der Markt nirgends so stark wie in Asien. Zahlen des Branchenverbandes CLIA zufolge stieg die Zahl der Passagiere dort im vergangenen Jahr um sage und schreibe 24 Prozent auf erstmals knapp mehr als zwei Millionen. Etwa eine Million dieser Kreuzfahrtfreunde kommen allein aus China.

Und das soll erst der Anfang sein: Beobachtern zufolge sollen aus dem Reich der Mitte schon 2020 drei bis vier Millionen Passagiere pro Jahr Urlaub auf schwimmenden Hotels machen. Zum Vergleich: Weltweit führend sind gegenwärtig die USA mit etwa zwölf Millionen Passagieren pro Jahr vor Deutschland und Großbritannien mit jeweils etwa zwei Millionen.

Immer mehr Reedereien setzen vor dem Hintergrund ihre Luxusliner in asiatischen Gewässern ein. Die Krux ist jedoch: Bleibt das erwartete Wachstum in China aus, so könnten plötzlich viele der gegenwärtig gut beschäftigten Schiffe ein Auslastungsproblem bekommen. Oder wie es Branchenexperte Arnulf Hader formuliert, der seit Jahren für das Bremer Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) den Markt beobachtet: "Wenn die Quellmärkte hinter ihren Erwartungen zurückbleiben, drohen der Kreuzfahrtbranche Überkapazitäten." Dass das auch Ungemach für die deutsche Werftindustrie bedeuten würde, liegt auf der Hand.

Davon ist der Markt allerdings noch weit entfernt. Auch Blohm + Voss in Hamburg lebt momentan noch gut vom Boom der Kreuzfahrerei. Kaum eine Woche verstrich in letzter Zeit, in der Touristen beim Blick von den Landungsbrücken in St. Pauli über die Elbe nicht vis-a-vis im Dock der Werft eines der großen Kreuzfahrtschiffe hätten sehen können.

Regelmäßig kommt beispielsweise die "Queen Mary 2" zu den Hanseaten nach Hamburg. Dann geht es nicht nur um einen neuen Anstrich oder die Auswechslung von ein paar Verschleißteilen. In diesem Frühjahr etwa war das Schiff gleich für mehr als drei Wochen bei Blohm + Voss zu Gast. Mehr als 3000 Arbeiter waren zeitweise im Einsatz, um 15 neue Außenkabinen zu bauen und andere umzugestalten. Zudem wurde der Hotel-, Unterhaltungs- und Gastronomiebereich modernisiert.

Die Rechnung an die Reederei soll sich anschließend auf rund 50 Millionen Euro belaufen haben. Auch das war vermutlich ein Grund, der die Lürssen-Werft zum Kauf von Blohm + Voss bewegt hat.

Luxusgipfel auf dem Ozean: Die neuen Kreuzfahrtschiffe 2017 Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hatten wir die Meyer Werft fälschlicherweise von der Ems an den Nord-Ostsee-Kanal verlegt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

Mit Material von Nachrichtenagenturen