Freitag, 19. Juli 2019

Tarifkonflikt Bitter für Pendler und Reisende - Lokführer streiken vier Tage

Kein Vorankommen auf deutschen Bahnhöfen: Die meisten Bahnfahrer in Deutschland werden dieses Wochenende auf den Bus umsteigen oder ihren Termin absagen müssen

Deutschlands Lokführer legen erneut die Republik lahm - sie streiken von Mittwoch bis Montag. Die 96-stündige Arbeitsniederlegung sei "Gift" für den Standort Deutschland, warnt ein Verband. Eine Branche bereitet sich jedoch auf einen Kundenansturm vor.

Frankfurt/Main - Die Lokführergewerkschaft GDL hat zu einem insgesamt mehr als viertägigen Streik bei der Deutschen Bahn aufgerufen. Der bundesweite Ausstand soll im Personenverkehr am Donnerstag um 2 Uhr beginnen, im Güterverkehr bereits am Mittwoch um 15 Uhr. Das Ende des Streiks ist für Montag, den 10. November, um 4 Uhr geplant.

Es ist der inzwischen sechste Streik im laufenden Tarifkonflikt und der längste seit Gründung der Deutschen Bahn AG im Jahr 1994.

Die Wirtschaft fürchtet deswegen um den Standort Deutschland. Die Busunternehmen rechnen hingegen wegen des 98-stündigen Streiks im Personenverkehr mit einem Zusatzgeschäft in Millionenhöhe.

"Wir wollen und müssen im Auftrag unserer Mitglieder verhandeln, egal ob diese als Lokführer, Zugbegleiter, Bordgastronomen, Disponenten, Ausbilder, Instruktoren oder Lokrangierführer in den Eisenbahnverkehrsunternehmen der DB arbeiten", sagte GDL-Chef Claus Weselsky. "Dieses Grundrecht ist in Gefahr und damit die Funktion von Gewerkschaften an sich."

"Das ist Gift für den Standort Deutschland"

Vordergründig geht es um die GDL-Forderung von fünf Prozent mehr Lohn im Jahr bei kürzeren Arbeitszeiten. Kern des Konflikts ist aber, dass die GDL dies nicht mehr allein für die 20.000 Lokführer fordert, sondern auch für rund 17.000 Zugbegleiter und Rangierführer. Die Vertretung dieser Gruppe beansprucht die größere Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) für sich. Konkurrierende Gehaltsabschlüsse lehnt die Bahn ab.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertages (DIHK) kritisierte die Entscheidung der GDL. "Was derzeit bei der Bahn passiert, ist Gift für den Standort Deutschland", sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Achim Dercks der Nachrichtenagentur Reuters. "Neben dem Ärgernis für Urlauber führen Streiks im Güterverkehr bereits nach wenigen Tagen zu Produktionsstörungen, weil Bahntransporte oft nicht kurzfristig auf Straßen oder Schiffe verlagert werden können."

In Schlüsselbranchen wie der Automobilindustrie sei die Produktionskette komplett auf Just-in-time-Produktion ausgerichtet, bei der Zuliefer- und Produktionstermine genau aufeinander abgestimmt seien. "Warenlager helfen nur die ersten Tage, dann stockt die Fertigung", sagte Dercks.

Busunternehmen erwarten Millionengeschäft

Die deutschen Fernbus-Anbieter rechnen dagegen mit brummenden Geschäften. "Kommt es zu einem Streik in dieser Länge, wird es einen Umsatzzuwachs von mehreren Millionen Euro für die Branche geben", sagte der Sprecher des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer, Matthias Schröter, zu Reuters. "Wir sind für den Marathon-Streik gerüstet." Die vorangegangenen Streiks der GDL hätten auf manchen Strecken zu einer Verdoppelung des Fahrgastaufkommens bei den Fernbusunternehmen geführt.

"Wir bereiten uns auf einen wahren Ansturm vor", sagte Schröter. "Wir werden in den nächsten 100 Stunden neue Kunden gewinnen können." Seit der Liberalisierung 2013 expandiert der Linienfernverkehr mit Bussen ohnehin stark: Im vergangenen Jahr wurden 8,2 Millionen Fahrgäste befördert, fast 180 Prozent mehr als 2012. Die Bahn gehört mit BerlinLinienBus und IC Bus zu den drei größten Anbietern neben MeinFernbus und Flixbus.

wed/rei/dpa/rtr

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