Dienstag, 23. April 2019

Front gegen Fusion mit Praxair wächst Auch Bund sieht Linde-Fusion kritisch

Die angestrebte Fusion von Linde mit dem US-Wettbewerber Praxair sieht man mittlerweile auch im Bundeswirtschaftsministerium kritisch

Der europäische Betriebsrat von Linde macht gehörig Front gegen eine Fusion mit Praxair. Mittlerweile sieht auch der Bundeswirtschaftsminister den erstrebten Zusammenschluss kritisch.

Der europäische Betriebsrat des Industriegasekonzerns verschärft seine Kritik an der geplanten Fusion mit dem US-Rivalen Praxair. In Gesprächen mit dem Management sei klar geworden, dass "es nach einer Fusion mit Praxair in den einzelnen Ländern der EU zu einem weiteren erheblichen Verlust von Arbeitsplätzen kommen wird", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters aus einem Schreiben des europäischen Betriebsrats an die Mitarbeiter.

Es drohe ein "Kahlschlag, der den Markenkern von Linde zerstören wird", warnten die Arbeitnehmervertreter. "Die europäischen Betriebsräte und Belegschaften werden sich daher vehement der geplanten Fusion mit Praxair widersetzen."

Ein Zusammenschluss sei nicht notwendig. "Linde ist auch als eigenständiges und gesundes Unternehmen sehr gut aufgestellt", wiederholt der europäische Betriebsrat die Position, die auch Gewerkschaften geäußert hatten. Zuvor hatte sich IG-Metall-Chef Jörg Hofmann gegenüber manager magazin kritisch über die geplante Fusion geäußert und damit die Diskussion über den Sinn des geplanten Zusammenschlusses in Gang gebracht.

Bundeswirtschaftsministerium sieht Fusion ebenfalls kritisch

Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sollten gegen den Zusammenschluss stimmen, forderte der europäische Betriebsrat. Berichte über eine Annäherung zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern seien falsch.

Linde und Praxair wollen sich zum weltgrößten Hersteller von Industriegasen zusammenschließen. Bis zur Hauptversammlung im Mai sollen die Verträge für den 60 Milliarden Euro schweren Deal ausgearbeitet sein.

Das SPD-geführte Bundeswirtschaftsministerium sieht die mögliche Fusion ebenfalls kritisch. "Ein solcher geplanter Zusammenschluss braucht die Akzeptanz der Arbeitnehmerseite", sagte Staatssekretär Matthias Machnig dem "Handelsblatt", das zuerst über den Brief des europäischen Betriebsrats berichtet hatte. "Diese ist derzeit offenbar nicht vorhanden."

Was macht Reitzle bei einem Stimmen-Patt im Aufsichtsrat?

Theoretisch könnte Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle bei einem Patt im paritätisch besetzten Linde-Aufsichtsrat sein Doppelstimmrecht nutzen, um die Fusion durchzudrücken. Anfang März antwortete der eigens für die Fusion zurückgeholte Vorstandschef Aldo Belloni auf die Frage, ob er die Pläne notfalls auch gegen den Willen der Gewerkschaften durchdrücken werde: "Nein, das wäre schlecht."

Belastet wird das Fusionvorhaben auch durch eine förmliche Untersuchung wegen des Insiderverdachts gegen aktuelle und ehemalige Linde-Manager. Die Bafin nennt in diesem Zusammenhang keine Namen. Aber unter anderem soll es sich wie der "Spiegel" Mitte Januar berichtete, um Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle handeln. Nach Informationen von manager magazin habe Reitzle dem Aufsichtsrat gegenüber erklärt, er sehe sich rechtlich abgesichert.

Der erste Anlauf der Fusion scheiterte, im Dezember einigten sich die Unternehmen dann doch noch auf Eckpunkte eines Zusammenschlusses. Der Abschluss der Bündnisgespräche, das so genannte Business Combination Agreement, ist für Mai geplant, anschließend hätten die Unternehmen 15 Monate Zeit bis zum endgültigen Closing.

rei mit Reuters

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