Montag, 24. Februar 2020

Kundenbeiträge steigen um mehr als 11 Prozent Lebensversicherer sammeln viel mehr Geld ein - warum nur?

Lebensversicherung ein Auslaufmodell? Von wegen - Kunden vertrauten den Anbietern deutlich mehr frisches Geld an
Uwe Zucchi/ DPA
Lebensversicherung ein Auslaufmodell? Von wegen - Kunden vertrauten den Anbietern deutlich mehr frisches Geld an

Wohin nur mit dem Geld, wenn es auf dem Konto keine Zinsen mehr gibt? Aktien sind da nicht gerade der Anlagefavorit der Deutschen. Selbst großzügig gerechnet besitzt nur jeder Sechste hierzulande Aktien. Lediglich 16 Prozent ihres Geldvermögens haben die privaten Haushalte direkt oder indirekt in Aktien und Investmentfonds investiert. Etwa 41 Prozent des Geldvermögens schlummern in schlecht verzinsten Bankguthaben und rund 37 Prozent in Versicherungen, weist der Datenlieferant "Statista" aus.

Obwohl die Lebensversicherer seit Jahren die Verzinsung ihrer Policen senken, ist den Unternehmen zuletzt gleichwohl überraschend viel Geld zugeflossen. In der wichtigsten Sparte der Versicherungswirtschaft wuchsen die Beiträge im vergangenen Jahr um 11,3 Prozent auf 102 Milliarden Euro, teilte der Gesamtverband Deutsche Versicherungswirtschaft (GDV) am Mittwoch mit.

Dazu trugen auch deutlich gewachsene Einmalbeiträge bei - zum Beispiel dann, wenn Menschen größere Geldbeträge etwa aus einer auslaufenden Lebensversicherung neu in eine Police investieren. Die Einmalbeiträge kletterten den Angaben zufolge um mehr als 37 Prozent auf 38,2 Milliarden Euro. Das Geschäft gegen laufenden Beitrag - in der Regel die weit verbreitete monatliche Einzahlung - stagnierte dagegen und belief sich 64,3 Milliarden Euro.

Policen gegen Einmalbeitrag gleichen im Grunde einer reinen Geldanlage. Dass dieses Geschäft zuletzt deutlich anzog, zeigt, dass Lebensversicherer in Zeiten von Strafzinsen auf hohe Bankeinlagen Kunden auf ihre Seite ziehen können.

Branche interpretiert Zuwächse als "klaren Vertrauensbeweis"

GDV-Präsident Wolfgang Weiler interpretierte die gestiegenen Zuflüsse bei Lebensversicherern dann auch als "klaren Vertrauensbeweis der Kunden". So recht aber scheint die Branche der jüngsten Entwicklung nicht zu trauen: Für das laufende Jahr erwarten die Lebensversicherer einen Beitragszuwachs von lediglich 1 Prozent.

Die bescheidene Prognose könnte auch darin begründet liegen, dass Neukunden mit einer weiter fallenden Verzinsung rechnen müssen. Zum einen, weil Lebensversicherer für das laufende Jahr die Überschussbeteiligung gesenkt haben. Zum anderen weil die Mathematiker der Versicherer dem Bundesfinanzminister empfehlen, ab 2021 den Garantiezins von 0,9 Prozent auf 0,5 Prozent zu senken. In guten Zeiten lag dieser bei 4 Prozent.

Branche unter Druck: Lebensversicherer-Pleiten kaum noch abzuwenden

Ein weiter fallender Garantiezins dürfte die Lebensversicherer nicht sonderlich entlasten. Umgekehrt aber dürfte er das endgültige Aus der klassischen Police mit lebenslanger Garantie beschleunigen, glaubt Axel Kleinlein, Mathematiker und Chef des Bundes der Versicherten (BdV). Denn mit einem deutlich abgesenkten Garantiezins auf den Sparanteil wird es für einen Lebensversicherer immer schwieriger, die zum Vertragsende eingezahlten Beiträge zu verdienen.

Nur das Geschäft gegen Einmalbeitrag wächst

Viele Lebensversicherer haben sich deshalb bereits aus dem Geschäft mit lebenslangen Garantien zurückgezogen. Von daher wundert es nicht, dass stark am Kapitalmarkt orientierte Policen und Verträge mit abgespeckten Zusagen in der Lebensversicherung mittlerweile gut 60 Prozent des gesamten Neugeschäfts ausmachen (Vorjahr: rund 57 Prozent). Bei diesen Produkten locken die Anbieter mit potenziell höheren Renditen - garantiert sind diese freilich nicht.

Insgesamt stiegen die Beiträge der Versicherungswirtschaft um 6,7 Prozent auf den Rekordwert von 216 Milliarden Euro. Dies sei erfreulich aber kein Grund zur Euphorie, bremste GDV-Präsident Weiler. Das Marktumfeld bleibe angesichts der Nullzinspolitik der EZB "extrem herausfordernd" für die Versicherer.

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