Kursrutsch Wie eine gute Nachricht das Börsen-Sommermärchen beendete

Die Krisen in der Ukraine und in Gaza brachten Anleger wochenlang nicht aus der Ruhe. Nun hat ausgerechnet eine gute Konjunktur-Nachricht das Sommermärchen beendet.
Von Arne Gottschalck
Abwärts: Der Dax hat binnen vier Wochen rund 8 Prozent an Wert verloren

Abwärts: Der Dax hat binnen vier Wochen rund 8 Prozent an Wert verloren

Foto: PAWEL KOPCZYNSKI/ REUTERS

Gute Nachrichten können schlechte Nachrichten sein - zumindest an der Börse. Mit stoischer Gelassenheit haben Anleger die Nachrichten von immer neuer Gewalt in der Ukraine und im Gaza-Streifen hingenommen. Selbst der Staatsbankrott Argentiniens konnte die Indizes weltweit zunächst nicht erschüttern.

Wachsende politische Risiken rund um den Globus - na und?

Erst eine überraschend gute Nachricht ließ die Nervosität an den Finanzmärkten dann deutlich steigen: Am Mittwoch meldete das US-Handelsministerium, dass die US-Wirtschaft im zweiten Quartal um 4 Prozent gewachsen ist - und damit stärker als erwartet. Selbst die US-Notenbank Fed sprach von einer "grundlegenden Stärke" der US-Wirtschaft - und prompt kommen an der Börse Ängste wieder hoch, die Zinsen in den USA könnten nun doch früher steigen als angenommen.

Eine wachsende Wahrscheinlichkeit steigender Zinsen - um Gottes willen.

Die Sommermärchenstimmung ist seit Mittwoch an der Börse verflogen. Dabei las sich die Geschichte lange Zeit tatsächlich märchenhaft: Es war einmal … eine Welt, die sich von wirtschaftlichem Siechtum erholte. Die Menschen fanden wieder in Arbeit, das weltweite Wirtschaftswachstum zog wieder an ... und die Zentralbanken versorgten die Unternehmen dauerhaft mit billigem Geld, um diese zarte Erholung zu stützen. Zarte Erholung, niedrige Zinsen und billiges Geld in beliebiger Menge - für Börsianer ist das die beste aller Welten, das sogenannte Goldilock-Szenario.

Schluss mit dem wattierten Umfeld

Anleger weltweit haben sich an dieses durch Geld wattierte Umfeld gewöhnt. Sie waren sogar bereits, die nahende Argentinienpleite, das unberechenbare Auftreten Russlands und die Ausbreitung des Ebola-Virus in Afrika wochenlang zu ignorieren. Nicht aber die gute Nachricht, dass das US-Wachstum stärker als erwartet - den ein solcher Wachstumssprung beendet das Goldilock-Szenario.

"Die US-Wirtschaft ist auf einem robusten Erholungskurs", schreibt JP Morgan Asset Management. Starkes Wachstum, mehr Jobs, steigender Wohlstand sind eigentlich erfreuliche Entwicklungen - doch für Anleger bedeuten sie ein "ungewisses Ende", sagt Daniel Zindstein, Dachfondsmanager bei Gecam. War es doch vor allem das billige Geld, das die Börsen in den vergangenen Wochen trotz weltweiter Krisen auf immer neue Höhen peitschte.

Nun rutscht der Dax  - und ein solcher Abschwung vollzieht sich meist rascher als der Aufschwung vorher. Denn es gibt inzwischen sehr viele Anleger, die nicht binnen weniger Tage ihre Gewinne der vergangenen Monate verspielen wollen. Sie haben nun Grund, rasch zu verkaufen und ihre Gewinne in Sicherheit zu bringen - was zusätzlich auf die Kurse drückt.

Klare Worte, kalte Dusche

Hinzu kommt, dass der Börsenrücksetzer aus dieser Woche wie eine kalte Dusche wirkt. Ernüchtert schauen Investoren auf das vor ihnen liegende Fahrwasser. Und sehen nun auch die eigentlich längst bekannten Untiefen. Die Ukraine führt eine Kriegssteuer ein, Russland droht dem Westen mit höheren Energiepreisen - das würde auch Deutschlands Wirtschaft treffen.

Argentiniens Staatspleite wiederum führt allen vor Augen, dass die Weltpolitik noch immer keine Insolvenzordnung für Staaten geschaffen hat, die eine geordnete Abwicklung gewährleisten würde. Und in Teilen Afrikas breitet sich das Ebola-Virus aus, was den Handel mit der Region aus der Angst vor Ansteckung einfrieren könnte.

Es ist ein neuer Blick auf längst reale Risiken: Investoren ist klar geworden, dass das Goldilock-Szenario die realen Risiken in Europa und der Welt lange überdeckte. Was zum Beispiel geschieht in Euro-Land? "Keine wirklichen Reformen in den Kernländern Italien und Frankreich, stattdessen Lippenbekenntnisse zur eigenen Stärke und frischer Mut nach der Europawahl neue Verschuldungsorgien zu fordern, vorzugsweise zu Lasten Deutschlands", sagt Fondsmanager Zindstein.

Auch Geldprofis werden vorsichtig

Zudem sind Aktien nun schon sehr lange gut gelaufen. Kann das noch lange gut gehen? "Günstig sind Aktien nicht mehr", sagt Markus Weis von Goldman Sachs Asset Management gegenüber manager magazin. "Die Bewertungen liegen im langfristigen Schnitt. Investoren sollten heute eine klare Überzeugung haben, dass es mit den Unternehmensgewinnen weiterhin bergauf geht." Und genau das ist im Licht der jüngsten Ereignisse eben fraglich.

"Ein Absinken des Dax auf 8400 Punkte ist möglich, da neben der schlechten technischen Situation auch die geopolitischen Krisen erheblich belasten", schlussfolgert Lothar Koch, Portfoliomanager GSAM + Spee Asset Management. Eine exklusive Umfrage von manager magazin und V-Bank unter Deutschlands Vermögensverwaltern zeigt, wie unsicher auch Anlageprofis inzwischen sind - gut die Hälfte der Befragten war skeptisch für die nahe Zukunft des Dax. Die Wackelbörse dürfte also weitergehen - und wackeln dürfte auch die 9000-Punkte-Marke im Dax.

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