Mittwoch, 27. Mai 2020

Kompetentes Surfen auf den Wellen von Krisen Die Kunst des Polynesischen Segelns

Blick auf französisch Polynesien: Betroffene sollten versuchen, in der Krise auch positive Aspekte zu erkennen.

Unsere Welt ist infiziert. Aktuell erleben wir eine Welt-erschütternde Pandemie. Grundrechte beschnitten, Fabriken gestoppt, Lieferketten unterbrochen, Ausgangsbeschränkungen verhängt, Geschäfte geschlossen, Ansammlungen von mehr als zwei verboten, Homeoffice boomt. Die Folgen von Corona werden gravierend sein, das komplette Ausmaß allerdings bleibt noch unbekannt. Wie kommen wir da wieder raus?

"Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann", so Antonio Gramsci, italienischer Schriftsteller und Philosoph. Ein Krisenerleben wie zum Beispiel das aktuelle bedeutet für viele Betroffene: sie fühlen sich ausgeliefert, hoffnungslos und haben jede Wahlmöglichkeit verloren. Sie erleben sich gefangen und müssten aus diesem Zustand heraus. Genau das aber können sie nicht und finden sich damit ab.

Günther Höhfeld
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    Janine Guldener
    Günther Höhfeld ist Psychologe, Theologe, Management-coach und Autor. Seit er 1999 selbst eine lebensbedrohliche Tumorerkrankung überwunden hat, berät und begleitet er Führungskräfte und Organisationen nach kritischen Ereignissen. Sein Buch "Der Cardio-Coach. Wie Führungskräfte an Herzerkrankungen wachsen" ist 2016 im Campus-Verlag erschienen.

So ergeht es auch Michael A. (Name anonymisiert), Inhaber eines Modelabels. Typisch für seine akute Krise ist: Er hat keine Ahnung, wie es werden wird. Zwar gibt es für ihn und sein Unternehmen bestimmte Situationsbedingungen, doch wie die ganze Sache ausgehen wird, ist ungewiss. Wenn er sich jetzt Ziele setzt, die er unbedingt erreichen muss, dann ist er von vorneherein schon geschwächt. Nicht dass Michael ziellos wäre. Der Unternehmer hat gelernt zu planen. Doch im akuten Krisenerleben sollte sein Blick weg vom Ziel und hin zu dem gehen, das er gestalten kann. Und gestalten kann Michael nur im Hier und Heute, nicht im Morgen. Darin liegt die Kunst beim Polynesischen Segeln.

Polynesisches Segeln - Kurs halten bei ungewissem Ausgang

Polynesisches Segeln ist die Kunst, in ungewissen Zeiten Gestaltungsmöglichkeiten aufzubauen und Krisen so optimal zu meistern. Klare Ziele vor Augen haben, sich nicht vom Ergebnis abhängig machen und gleichzeitig auf Kurs bleiben - darum geht es beim Polynesischen Segeln. In seinem Klassiker "We. The Navigators" beschreibt Lewis, Segler, Autor und Gelehrter, wie die Polynesier auf die Inseln gekommen sind. Ohne nautische Instrumente legen sie auf offener See tausende von Kilometern zurück. Und das auf einem riesigen Ozean, ohne GPS und völlig ahnungslos, ob da überhaupt Inseln sind. Sie tun das in der Gewissheit, ihr Ziel zu erreichen ohne ihr Ziel zu kennen.

Trotzdem segeln die Polynesier weiter. Dort, wo sie einen Zipfel Land sehen, segeln sie hin. Unterwegs achten sie wach auf alle Anzeichen, die für ihren Weg relevant sind: Stand der Gestirne, Winde, Strömungen, Untiefen, Meerestiere. Erfahrung, Intuition und Vertrauen. Zufälle werden integriert, Innenschau, sich mit dem reichen untrüglichen Erfahrungswissen verbinden.

Die Polynesier kommen an. Sie tun das in der Haltung, nicht das Ziel erreichen zu müssen. Denn die Funktion des Zieles ist nicht, es zu erreichen. Die Funktion des Zieles ist, in Bewegung zu kommen. Und am Besten in einer Weise, wie das der tschechische Schriftsteller und Politiker Václav Havel für das Prinzip Hoffnung gesagt hat: "Hoffnung ist nicht die Gewissheit, dass das, was man will, eintritt. Sondern die innere Gewissheit, dass das, was man tut, Sinn macht."

Völlig unabhängig davon, wie das Ergebnis ist: Was Betroffene in Krisen brauchen, ist eine Ergebnis unabhängige Strategie, obwohl sie sich so nach dem Ergebnis sehnen. In Krisensituationen wie der aktuellen können sie nur entscheiden unter bleibenden, nicht auflösbaren Unsicherheitsbedingungen. Soll das Ergebnis aber das Sicherheit gebende sein, sind sie sofort eine ausgelieferte Opfermarionette. Denn das Ergebnis können sie nicht sicherstellen. Was sie aber tun können, ist wie die Polynesier zu segeln und zu schauen, wie sie auf diesem Wege optimal vorankommen können.

Prinzipien von Polynesischem Segeln

"Eine Krise besteht darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann." Das Hauptprinzip im Polynesischen Segeln ist das Besinnen auf die eigenen Ressourcen und Gestaltungsbereiche. Es geht darum, den eigenen Möglichkeitsraum zu erweitern. Basis für das eigene Handeln ist dabei die Orientierung an den persönlichen Ressourcen. Ihre jeweils verfügbaren Fähig- und Fertigkeiten bestimmen, welche veränderlichen Ziele sie anstreben. Und nicht umgekehrt. Dazu zählen wer sie sind, was sie wissen, wen sie kennen und was sie tun.

Fragen Sie sich doch einmal selbst:

  • Wer bin ich? - Wie kann ich mich unterstützen, liebevoll tröstend, mit der bleibenden Unsicherheit auf diesem mutigen Weg durch die Corona-Krise? Was ist mir ein sinnhafter Wert? Für was will ich da sein?
  • Was weiß beziehungsweise kann ich? - Welche Krisen habe ich in meinem Leben schon bewältigt? Wie kann ich mich da hinein imaginieren? Wie kann ich mich in die Zeit hineinversetzen, in der ich die Krise gerade bewältigt habe? Wie kann ich mich in Kontakt mit diesen Handlungsstrategien versetzen?
  • Wen kenne ich? - Was habe ich für Netzwerke? Mit wem kann ich mich verbünden? Was wäre der gerade noch vertretbare Verlust, den ich tolerieren kann?
  • Was kann ich dann tun? - Wie gestalte ich meine Interaktionen mit anderen Menschen? Welche Vereinbarungen treffe ich?

Polynesisches Segeln in der Praxis

Was sie in Krisen dringend benötigen, sind Wahlmöglichkeiten. Dabei sind die Kompetenzen zur Krisenbewältigung alle vorhanden. Sie tragen sie in sich. In ihnen gibt es ein unbestechliches intuitives Wissen, ein riesiges Repertoire an Kraftreserven, die sie anzapfen können. Fähigkeiten, die ihnen Kraft geben und helfen, die Krise zu bewältigen. Doch zum Zeitpunkt des Krisenerlebens sind sie nicht mehr zugänglich. Entscheidend ist, eine Erlebnisposition aufzubauen, aus der heraus sie die Phänomene anders anschauen können. Das heißt eine Position mit Abstand zu allem, mit Überblick und Weite, mit Kraft, Kompetenz und sicherem Schutz. Mit folgenden Übungen lade ich sie ein, die Prinzipien vom Polynesischen Segeln in ihrem Alltag zu realisieren.

Übung: Eine steuernde Beobachterhaltung aufbauen

In Krisen ist eine sichere Beobachterposition notwendig, aus der heraus sie steuern können. Eine Möglichkeit bietet die so genannte Selbstdistanzierungsmethode. Fragen sie sich doch einmal: 'Wie finde ich mich jetzt denn selbst in der Krise? Wie geht es mir?' Aussagen wie: 'Ich arme Sau' oder: 'So etwas darf mir nicht passieren' oder: 'Du dumme Nuss' sind gängige Praxis. Diese Selbstabwertungen haben alle eins gemeinsam: Sie intensivieren ihr Krisenerleben und lassen sie hilflos, schutzlos oder sogar ohnmächtig daneben stehen. Gleichzeitig rauben sie ihnen Energie und schwächen ihre Handlungsmöglichkeiten. Eine steuernde Beobachterposition weitet ihren Blick. Sie bekommen Wahlmöglichkeiten und erhalten Zugang zu Ihren Potenzialen. Das tut gut und befreit.

Die zweite Möglichkeit, eine steuernde Beobachterperspektive aufzubauen, ist das so genannte Seitenmodell. Wir Menschen haben wertvolle Vielschichtigkeiten in uns. Die machen wir uns hier zunutze. Stellen sie sich einmal vor, dass das, was sie da krisenhaft erleiden, gar nicht ihre ganze Person ist. Lediglich eine Seite von ihnen ist in einer Krise. Und die ist gerade sehr schlimm dran, keine Frage. Aber die braucht jetzt ihre volle Unterstützung. Sie will gehört werden und benötigt jetzt ihre liebevolle, wertschätzende und würdigende Zuwendung. Mit Hilfe dieser Beobachterposition schieben sie ihr Krisenerleben auf Abstand. Das befreit und erleichtert.

Übrigens: Mode-Inhaber Michael A. segelt weiter polynesisch. Sein Credo: "Wo auch immer meine Reise hingeht, es ist nie zu spät, zum Kap der Guten Hoffnung aufzubrechen."

Günther Höhfeld ist Psychologe, Theologe, Coach-Ausbilder, Experte für Resilienz und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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