Montag, 21. Oktober 2019

Hilferuf an KPMG, PWC, EY, Deloitte Asylanträge statt Bilanzen prüfen

"Es ist für uns ganz selbstverständlich, dass wir das BAMF unterstützen": Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG will dem Flüchtlingsamt bei der Bearbeitung von Asylanträgen helfen. Auch bei anderen Gesellschaften hat das Amt um Hilfe angefragt

56.000 bis 67.000 Euro im Jahr sind für einen Leiharbeiternehmer ein erstaunlich gutes Gehalt. So viel jedenfalls will das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Wirtschaftsprüfern zahlen, die den überlasteten Behörden in Deutschland bei der Bewältigung der Asylverfahren helfen sollen, berichtet das "Handelsblatt".

In seiner Verzweiflung hat sich das BAMF an die vier großen Gesellschaften KPMG, PwC, Deloitte und EY gewandt, schreibt das Blatt unter Berufung auf Branchenkreise. Die Behörde hätte die Anfrage bestätigt.

Die Prüfer sollen für den Job zunächst mehrere Monate freigestellt werden. Voraussetzung sei mindestens ein Jahr Berufserfahrung in der Wirtschaftsprüfung. Nach der Befristung winke ein befristeter Arbeitsvertrag, Teilzeitarbeit soll möglich sein, heißt es.

Der Vorstoß geht auf Frank-Jürgen Weise zurück und scheint bei den "Big Four" auf Zustimmung zu treffen. So suche zum Beispiel KPMG bereits konkret nach Mitarbeitern, die Erfahrungen im Prozess-Management sowie der Verwaltung hätten und interkulturelle Erfahrungen mitbrächten. "Es ist für uns ganz selbstverständlich, dass wir das BAMF in diesem Prozess unterstützen", zitiert die Zeitung einen Bereichsvorstand bei KPMG.

Weise steht unter Druck, braucht dringend Hilfe

Weise steht unter Druck der Politik, das Asylverfahren zu beschleunigen. Denn 400.000 Asylanträge harren ihrer Bearbeitung, 300.000 könnten in Kürze hinzukommen. Das Flüchtlingsamt will seine festen Stellen von 3500 auf 6300 aufstocken. Ganz offensichtlich aber sind die benötigten Kräfte in den eigenen Reihen und auf dem Arbeitsmarkt nicht so schnell zu rekrutieren und auszubilden. Deshalb der Hilferuf.

Dabei unterstützen schon 1800 Kollegen aus anderen Behörden das Flüchtlingsamt. Zudem arbeiten etwa 800 Beamte der ehemaligen Staatsunternehmen Deutsche Telekom und Deutsche Post für die das BAMF.

Wie viele Wirtschaftsprüfer tatsächlich bereit für einen befristeten Einsatz bei der Behörde bereit sind, wollten die Gesellschaften dem Bericht zufolge nicht sagen. Auf jeden Fall sei die Entscheidung freiwillig, niemand werde dazu gedrängt, Asylanträge zu bearbeiten.

Die Prüfungsgesellschaften selbst könnten von der Entsendung ihrer Mitarbeiter profitieren. Denn der angefragte gewünschte Zeitraum passe gut. Beginne die heiße Arbeitsphase der Prüfer mit dem Testieren von Firmenbilanzen doch erst wieder im Spätsommer. Bis dahin seien Teile der Belegschaft nicht voll ausgelastet, berichtet die Zeitung.

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