Montag, 21. Oktober 2019

Sechs Tipps, wie die Konjunkturdelle zur Chance wird Wildwasserfahrer gesucht!

Es wird ungemütlich: Der lange, stete Konjunkturaufschwung ist unterbrochen. Manager nicht nur in Deutschland stehen mit ihren Unternehmen vor einer herausfordernden Fahrt.

Stellen wir uns vor, dass wir gemeinsam in einem Kajak auf einem Fluss in der Wildnis paddeln. Viele Kilometer haben wir auf friedlichem Wasser zurückgelegt, kurze Engstellen durch passende Manöver bewältigt, an Tempo zugelegt. Jetzt aber sehen wir einen Strudel vor uns, der größer ist als gewohnt, das Wasser schäumt. Was tun? Wir atmen kurz durch, besinnen uns auf die Technik und fahren hinein.

Robert Jacobi
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    Robert Jacobi ist Gründer und Partner der Digital-Beratung The Nunatak Group, die Dax-Konzerne und Mittelständler zu ihren Kunden zählt. Der frühere Journalist und Buchautor hat in München und Harvard studiert und später mehrere Start-ups mit aufgebaut. Zudem ist er aktiver Business Angel.

So ähnlich geht es gerade vielen Managern in Deutschland, Europa und der Welt. Der längste gleichmäßige Aufschwung der Nachkriegsgeschichte ist unterbrochen, die Fahrt wird herausfordernd. Bleibt die Frage: Wer kommt am besten durch die Stromschnelle? Derjenige, der ängstlich klagt, oder derjenige, der in ruhigeren Zeiten sein Kajak flott gemacht und seine Paddeltechnik optimiert hat?

Ausrüstung und Technik sind entscheidend, denn doppelte Kräfte wirken: Der Digitalisierungsdruck hört nicht auf, nur weil das wirtschaftliche Umfeld unsicherer wird. Die Mischung aus beidem bedeutet: Wildwasserfahren wird in vielen Branchen und Industrien zum Normalfall - und dafür sind Mut, schnelle Reaktionen, neues Wissen gefragt.

Jetzt zu bremsen vergrößert den Abstand

Längst nicht alle Unternehmen in Deutschland haben ihre Hausaufgaben gemacht: 60 Prozent schreiben dem Thema künstliche Intelligenz laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom eine große Bedeutung für ihre künftige Wettbewerbsfähigkeit zu. Aber nur zwölf Prozent nutzen, planen oder diskutieren deren Einsatzmöglichkeiten bereits. Bei Big Data und dem Internet der Dinge sieht es ähnlich aus.

Die Konjunktur bringt manche Steuermänner jetzt erst recht auf den Gedanken: Kräfte sparen, aufs Kerngeschäft konzentrieren, Innovation und Veränderung auf später verschieben. Aber das ist gefährlich! Fast jeder zweite Manager räumt ein, dass Konkurrenten aus der eigenen Branche, die frühzeitig auf digitalen Wandel gesetzt haben, vorne liegen. Jetzt aus Sorge vor einer Delle zu bremsen, macht den Abstand nur noch größer.

Doch was ist die Alternative? Wie halten Manager Kurs, und nehmen sogar Tempo auf? Sechs Tipps, wie sich die Krise als Chance nutzen lässt.

1. Priorisieren statt streichen

Wer jetzt Zukunftsprojekte weitgehend einstellt oder pausiert, um sich fahrtüchtig zu machen, liegt falsch. Es gibt einen klügeren Weg, Spardruck zu begegnen: die planvolle Überprüfung der eigenen Innovations-Initiativen und Projekte. Welche zahlen auf die Gesamtstrategie ein, welche nicht? Sind sie sinnvoll vernetzt und ergeben sie ein großes Ganzes? Werden Erfolge auf das klassische Geschäft übertragen? Isolierte digitale Initiativen helfen ohnehin kaum, wenn die gesamte Wertschöpfung zu optimieren ist.

2. Mehr Talente einstellen

Die Stellenangebote für Digitalberufe und in den MINT-Berufen waren in Deutschland im zweiten Quartal 2019 erstmals seit Jahren rückläufig. Das ist kein gutes Zeichen. Wer von seinem Geschäftsmodell überzeugt ist, sollte gegen den Trend handeln und in Talente investieren - erst recht, wenn das Gehaltsniveau etwas zurück geht. Unternehmen, die auf ruhigeres Fahrwasser warten, werden sich wundern: Im Strudel zwischen branchenfremden, neuen Wettbewerbern und höheren Ansprüchen der Kunden lässt sich auch dann kein Gleichgewicht mehr finden.

3. Neue Beiboote bauen

Die Bewertungen von jüngeren Firmen und Tech-Playern, ob börsennotiert oder nicht, wachsen nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. Die Gelegenheit, jetzt Beiboote zu ergänzen, die Know-how, Teams und Märkte mitbringen, sollte genutzt werden. Entscheidend dabei ist, noch genauer hinzuschauen als sonst: Akquisitionen sollten nicht für die Egos der Manager oder um positiver Schlagzeilen Willen betrieben werden, sondern sehr selektiv - und mit einem detaillierten Plan für die Zeit danach.

4. Eine Datenstrategie (endlich) umsetzen

Wer seine Kunden kennt und versteht, gewinnt. Ohne maßgeschneiderte Datenstrategie geht das heute nicht mehr. In geeignete Software, Datenbanken und darauf spezialisierte Experten zu investieren, ist ein Erfolgsfaktor, der keinen Aufschub verzeiht. Im Gegenteil: In keinem anderen Bereich ist es anspruchsvoller, vorne zu bleiben. Sonst zieht die Konkurrenz an einem vorbei.

5. Haltung bewahren und klar kommunizieren

Auch wenn fast jedem Firmenlenker die überragende Bedeutung des Digitalen für künftige Erfolge klar ist: In konjunkturell schwierigen Zeiten kann der Überblick auch mal verloren gehen, und mit ihm die Haltung. Massiver Jobabbau sollte nicht mit Digitalisierung gerechtfertigt werden, wie zuletzt mehrfach geschehen. Wer einmal so argumentiert, braucht Jahre, bis die Scherben dieser negativen Konnotation wieder aufgekehrt sind - und das wichtige Thema ist verbrannt.

6. Auf kurzfristige Rendite verzichten

Nicht nur das Management, auch die Shareholder sollten ihre Perspektive ändern: Ein Unternehmen, das jetzt weiter investiert - insbesondere in Forschung und Entwicklung, bewusst auch auf Kosten der kurzfristigen Rendite -, sollte langfristig an Wert zulegen, statt abgestraft zu werden. Wer nur die Zahlen unterm Strich optimiert, erhält allenfalls kurzfristig Auftrieb und wird mittelfristig stranden.

Klingt anstrengend? Ist es auch. Aber die Alternative, die Strömung zu verändern und den Veränderungsdruck abzustellen, besteht im Wirtschaftsleben genauso wenig wie in der Natur. Und es winkt sogar eine Belohnung: Stromschnellen zu durchfahren machen dem trainierten Kajakfahrer keine Angst mehr, sondern sogar Spaß. Erst recht, wenn er mit einem Vorsprung aus ihnen wieder hinausfährt.

Robert Jacobi ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt sein Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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