Kommunizieren im Executive Modus Warum Manager nicht schlagfertig sein sollten

Von Stefan Wachtel
Stefan Wachtel
Foto: Etienne Fuchs

Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Autor von fünf Büchern, zuletzt "Executive Modus" bei Hanser . Außerdem ist der promovierte Sprechwissenschaftler gefragter TV-Experte, u.a. bei Bundestagswahlen.
www.expertexecutive.de 

Ein Wissenschaftler hat ein Buch geschrieben, irgendwas mit Hirnforschung, er taucht in Talkshows auf, er ist originell, das macht ihn bekannt. Er schreibt das zweite Buch, über Glück, alsbald ein drittes über Gott, die Flughöhe steigt. Aber das Beste ist er selbst: Er weiß auf jede Kritik eine kluge Replik, seine Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen; jeder Talk mit ihm: ein Genuss.

Schlagfertigen Menschen fliegen schnell die Herzen zu. Sie werden als eloquent wahrgenommen, als klug, souverän und sympathisch. Wer in einem kleinen Streitgespräch die finale Pointe setzen kann, wunderbar. Wer sein Gegenüber mit einer treffenden Bemerkung verblüfft, ganz großartig!

Gehört Schlagfertigkeit deshalb nicht dringend in das Curriculum für gute Führungskommunikation? Sollte sie nicht Teil des Executive Modus sein? Anders gefragt: Schafft die Schlagfertigkeit des CEO Wert für sein Unternehmen? Ich melde Zweifel an.

Der Gag heiligt nicht die Mittel

Auf einer Konferenz zum Thema Digitalisierung im Juni 2010 macht jemand aus dem Publikum einen CEO auf die Arbeitsbedingungen bei einem chinesischen Hardwarezulieferer und die dortige Selbstmordserie aufmerksam.

Der Angesprochene entgegnet, die betreffende Fabrik sei kein Sweatshop. Es gebe Kinos, Schwimmbäder, Restaurants, Krankenhäuser. Und 13 Selbstmorde bei 400.000 Mitarbeitern, das sei eine niedrigere Rate als in den USA. Eine Antwort wie ein Schlag, aber was für einer. In diesem Fall: daneben.

Der Executive will witzig sein, das ist in der Regel wichtigste Motivation für Schlagfertigkeit. An dieser Stelle aber völlig falsch, denn Selbstmorde zum Gegenstand eines Späßchens zu machen, wirkt bestenfalls zynisch. Der Manager hat seine Rolle verlassen, er hat nicht im Executive Modus geantwortet. Der Gag heiligt nicht die Mittel. Nicht einmal wenn der Absender Steve Jobs heißt.

Schlagfertig kommt von schlagen

Der zweite Grund für die Sehnsucht nach Schlagfertigkeit ist oft pure Neurose: Man will das letzte Wort behalten, sich nichts gefallen, Sieger bleiben. Schlagfertigkeit ist dann ein Derivat des unsäglichen recht behalten Wollens, das alle Besserwisser und Erbsenzähler auszeichnet. Dadurch aber wird Schlagfertigkeit zum egoistischen Werkzeug zur Heilung individueller Wunden. Neurosen werden kurzzeitig gepflegt: Jemand, dem über den Mund gefahren wurde, verschafft sich Luft. Führung jedoch soll Zusammenarbeit organisieren, nicht Bedürfnisse der Führungskraft befriedigen. Der Arbeitgeber hat nichts davon. Non-Executive!

Sanktionierte verbale Aggressivität

Professionell betrachtet ist Schlagfertigkeit immer auf ein Privatproblem des verbal Schlagenden zurückzuführen, für das Unternehmen einfach nicht zuständig sind. Von Schlägen steht übrigens auch nichts im Dienstvertrag und mögen sie noch so originell sein.

Schläge, auch mündliche, gehören entschieden nicht in das Repertoire eines Executives. Spitze Bemerkungen, verletzende Sprüche: Vermeintliche Schlagfertigkeit im Arbeitsalltag ist nichts anderes als sanktionierte Aggressivität. Gegen wen wird denn geschlagen? Nach innen, wo Zusammenarbeit organisiert werden soll? Nach außen, wo das Unternehmen durch seine wichtigsten Manager Partner gewinnen sollte? Besser nicht. Gehen wir tiefer.

Hinter dem Wunsch nach Schlagfertigkeit steht manchmal die Durchsetzungsambition gegenüber Mitarbeitern. Doch gegenüber Untergebenen einen scharfen Spruch rauszuhauen, bewirkt meist das Gegenteil: Es macht die Mitarbeiter oder unterstellten Führungskräfte klein. Nicht nur, dass Sie die größeren Schulterklappen haben, der verbale Schlag erhöht die Distanz zusätzlich.

Schlagfertig ist, wer schweigen kann

Auch unter Gleichrangigen, peers, wirkt Schlagfertigkeit selten zielführend. Oft erwächst daraus ein interner Wettbewerb der verbalen Schläger und Zurückschläger - was nicht besonders konstruktiv ist. Und gegenüber übergeordneten Instanzen? Schlagfertigkeit gegenüber Board und Aufsichtsgremien, ja, das wäre mal was! Aber wer würde das schon wagen in der mündlichen Prüfung, in der man sich gegenüber Aufsichtsräten befindet.

Wer die einschlägigen Managementratgeber hört und liest, erkennt ein wiederkehrendes Thema: Tempo, Tempo, immer auf alles eine Antwort haben, und zwar möglichst sofort. Das kann tatsächlich funktionieren - aber nur, wenn die Antwort das Ergebnis guter Vorbereitung und des richtigen Mindsets ist. Bleiben Sie im Executive Modus!

Unreflektiert ist die rasche Antwort selten die beste, sie kann sogar gefährlich sein und nicht selten Wert vernichten. Eine schnelle Aussage ist perfekt, wenn sie wohl überlegt und fachlich fundiert ist. Ist sie das nicht oder kann sie es nicht sein, ist ein ruhiges "Da muss ich erst mal überlegen" allemal besser als ein origineller verbaler Schnellschuss. Wenn durch überlegtes Schweigen Aktienkurs und Mitarbeitergefolgschaft gesichert werden, dann ohnehin.

Überhaupt: Die Arbeit an der Qualität jeder Äußerung ist das Wichtigste. Executives werden dafür bezahlt, auf alles die richtige Antwort zu haben. Und die muss vorbereitet sein. Wer etwas gekonnt aus dem Ärmel schütteln will, muss diesen Part im Vorhinein erledigt haben. Darf ich eine Jahrtausende alte Einsicht bemühen? Wer etwas zu sagen hat ("Executive") sagt, was er will. Die gute Antwort kümmert sich nicht allzu sehr um das originelle Aufnehmen von Querverbindungen. Sie ignoriert sie sogar oft genug - zum Wohle des Hauses.

Führungswirkung ist ganz überwiegend die Fähigkeit, im richtigen Moment das Passende zu sagen - oder eben nichts zu sagen. Der Executive Modus oder Wirkungsmodus besteht nicht darin, verbal zurückzuschlagen. Sondern im entscheidenden Moment nichts zu sagen. Man müsste die Definition von "Schlagfertigkeit" schon sehr weit fassen, um daraus ein Ziel für Spitzenmanager zu machen: nämlich die Fähigkeit, blitzschnell zu entscheiden, ob jetzt überhaupt etwas zu sagen ist. Die Schlagfertigkeit von Executives besteht oft im Schweigen.

Schlagfertigkeit in ihrer herkömmlichen Bedeutung unterstützt Ihre Führungswirkung nicht. Der schnelle Spruch, die entwaffnende Bemerkung, die altkluge Spitze gehören nicht in den Kanon der Führungswirkung. Klar, niemand gibt gern den nüchternen Faktentypen und Schlagfertigkeit kann in der Tat sehr unterhaltsam sein. Aber Manager sind nun mal keine Hirnforscher, die in Talkshows Bücher vermarkten. Das Risiko, daneben zu liegen, ist zu groß. Schlagfertigkeit hat im Executive Modus nichts verloren, lassen Sie es. Nichts zu danken.

Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.