Dienstag, 7. April 2020

Folgen der Digitalisierung Wir kommunizieren mehr - und werden stummer

Smartphone macht stumm: Lieber 20 WhatsApp-Nachrichten schicken, als einmal kurz zu telefonieren

Bemerken Sie auch, dass Kommunikation immer mühseliger und umständlicher wird, obwohl wir sie digital in immer mehr leicht verdauliche Häppchen aufteilen? Einfachste Kommunikationsabläufe, die vor dem Durchbruch des Smartphones 2007 in wenigen Minuten erledigt waren, lösen heute ganze Wellen von Nachrichten aus - und sind dennoch nicht so gut gelöst wie früher.

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Dabei schien mit den internetbasierten Diensten der Knoten geplatzt: Kommunikation wurde nicht nur schneller, sondern auch weniger förmlich und steif. Doch das hat zur Folge, dass selbst Geschäftsbeziehungen heute nicht mehr über Telefon, Brief und Telefax laufen, sondern über Messenger, Instagram, Twitter-Direktnachricht, Mail, Telefon, WhatsApp, Slack und so weiter.

Zusätzlich sorgen Worthülsen aus dem Chatbaukasten der Servicecenter oder KI-generierte Textbausteine für noch mehr Durcheinander. Und das Fatale ist: Wir gewöhnen uns an die holprige Kommunikation im beruflichen Umfeld - weil sie für uns privat schon längst selbstverständlich ist.

Wir verlernen das Telefonieren

Lesen wird vernachlässigt - und das, obwohl wir lieber Mitteilungen schreiben, als mal eben zum Hörer zu greifen. Selbst das Taxi ordern wir inzwischen per App - und der Fahrer steigt noch nicht einmal aus, um an der Haustür zu klingeln. Stattdessen schickt das System eine Nachricht: "Bin jetzt da." Nächster Exzess in naher Zukunft: Sie schreiben dem Chauffeur eine Nachricht: "Stehe jetzt am Kofferraum mit meinem Gepäck, machen Sie bitte auf."

Ist Ihnen aufgefallen, wie sehr wir uns inzwischen auf Telefonate vorbereiten müssen, die früher das Normalste der Welt waren? Weshalb greifen wir nicht einfach zum Hörer und rufen an? "Ja, ich weiß ja nicht, ob ich dann störe." Dabei hat jeder Angerufene die Möglichkeit einfach nicht abzuheben, wenn es gerade nicht passt. Dafür gibt es eine Mailbox oder eine Rückruffunktion.

Preisabfragezeitpunkt:
07.04.2020, 11:12 Uhr
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Buschardt, Tom
Warum wir Kommunikation neu lernen müssen

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VISTAS Verlag
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240
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19,00 €

Dabei ist das direkte persönliche Gespräch durch nichts zu ersetzen. Ohne tatsächliche Interaktion hört niemand mehr aktiv zu, indem er stützende Signale sendet. Viele Menschen versuchen jedoch heute, mit abwechselnd versandten Sprachnachrichten den Druck kürzerer Reaktionszeiten in der direkten verbalen Kommunikation zu umgehen. Am Telefon, im persönlichen Gespräch merkt der Gegenüber sofort, wenn man unsicher ist, wenn die Argumentation schwammig wird, oder einem keine guten Argumente einfallen. Viele Menschen setzt das inzwischen unter Versagensangst, die man mit zeitverzögerter Einwegkommunikation vermeiden kann, zum Beispiel per WhatsApp-Sprachnachricht. Man muss nicht in Echtzeit antworten, sondern kann sich ein paar Minuten Zeit lassen zum Überlegen.

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