So gelingt die digitale Zukunft - Teil 2 Mach Dir den Roboter zum Freund!

Tablet und Smartphone haben unseren Alltag erobert, die digitale Vernetzung der Unternehmen schreitet voran. Was Deutschland tun muss, um nicht abgehängt zu werden, schildern Tobias Kollmann und Holger Schmidt in ihrem Buch "Deutschland 4.0 - Wie die digitale Transformation gelingt". manager-magazin.de veröffentlicht Auszüge als dreiteilige Serie. Teil 2: Arbeitswelt.
Von Tobias Kollmann und Holger Schmidt
Foto: MICHAEL DALDER/ REUTERS

Weil immer weniger junge Menschen den Beruf des Maurers erlernen wollen, sind die Löhne in Australien in die Höhe geschossen. Grund genug für das australische Unternehmen Fastbrick Robotics, in siebenjähriger Entwicklungszeit einen Bau-Roboter zu konstruieren, der mit seinem 28 Meter langen Greifarm ein normales Einfamilienhaus in nur zwei Tagen mauert. Ganz allein, ohne menschliche Hilfe.

Der Roboter, zuvor mit einem 3D-Bauplan des Hauses gefüttert, greift sich die Steine von einer Palette, kürzt sie bei Bedarf, taucht sie in den Mörtel und setzt die Steine an die richtige Stelle. 1000 Steine pro Stunde sind möglich, was Hadrian zehn Mal schneller macht als einen erfahrenen Maurer. Hadrians New Yorker Kollege Sam des Konkurrenten Construction Robotics ist ähnlich geschickt, braucht allerdings noch menschliche Hilfe bei komplizierten Stellen, ist dafür aber schon fertig für den Verkauf. Eine halbe Million Dollar soll Sam kosten.

Roboter werden Kollegen

Hadrian und Sam sind nur zwei Beispiele für den Einsatz moderner Roboter, die überall gemeinsam mit den Menschen arbeiten können. Zwei wesentliche Entwicklungen haben die Einsatzgebiete der Maschinen in jüngster Zeit wesentlich verbreitert: Sie reagieren flexibel auf Menschen, können also von ihnen lernen und dann vorgemachte Arbeitsschritte übernehmen. Während Roboter früher nur die zuvor von den Entwicklern fest programmierten Arbeitsschritte in einer auf Massenproduktion ausgelegten Fabrik ausführten, sind sie heute auf dem Weg, lernfähige und fleißige Kollegen der Menschen zu werden.

In den Warenhäusern von Amazon arbeiten inzwischen mehr als 30.000 Logistik-Roboter, die komplette Regale durch die Hallen zu den Pick-Stationen fahren. Innerhalb eines Jahres hat Amazon die Zahl dieser Maschinen verdoppelt, weil sie etwa vier Mal effizienter als Menschen arbeiten. Noch werden Menschen benötigt, um die Waren aus den vollautomatisch transportierten Regalen zu nehmen und in Pakete zu packen.

Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Aufgaben von Maschinen schneller und günstiger erledigt werden können. Während Gerichte in Deutschland die Sonntagsarbeit bei Amazon verbieten, arbeiten die Amerikaner intensiv am vollautomatischen Logistiksystem, das immer weniger Menschen benötigt. Bis zum ersten selbstfahrenden Lieferwagen oder zur ersten automatisch fliegenden Transportdrohne werden wohl keine zehn Jahre mehr vergehen.

Der Einsatz von Robotern in der Produktion war bisher meist großen Unternehmen vorbehalten, die hohe Investitionen stemmen konnten. Das ändert sich nun: Inzwischen gibt es Leichtbau-Roboter ab 25.000 Dollar, die direkt in den Fertigungshallen mit den Menschen arbeiten. Starre Produktionslinien, die auf die Herstellung eines Produktes in großen Mengen ausgerichtet waren, werden durch flexible Anlagen abgelöst. Fabriken werden kleiner und können besser auf lokale Märkte ausgerichtet werden.

Diese Entwicklung könnte der mittelständisch geprägten deutschen Industrie in die Hände spielen. Da Roboter billiger als Menschen arbeiten, ist der Wettlauf um die billigsten Arbeitskräfte von einem Wettrüsten im Robotermarkt abgelöst worden: Zwischen 2013 und 2018 wird die Zahl der installierten Industrieroboter in aller Welt von 1,3 auf 2,3 Millionen steigen, erwartet der Branchenverband IFR. Interessant ist dabei die ungleiche Verteilung: 70 Prozent entfallen auf die fünf Länder China, USA, Japan, Südkorea und Deutschland. Diese Länder investieren im Moment so kräftig in die neue Technik, dass ihr ohnehin großer Vorsprung vor dem Rest der Welt in den kommenden Jahren weiter wachsen wird.

Roboter werden zum Wettbewerbsfaktor

Deutschland ist an fünfter Stelle und damit zwar in der Spitzengruppe dabei, aber weder in der Zahl der Neuinstallationen noch im Kriterium der Roboterdichte je Arbeitnehmer führend. Hier führt Südkorea vor Japan. Deutschland liegt auf Rang 3, hat aber großen Abstand vor den USA und China. Haupteinsatzorte sind die Automobilproduktion und Elektronik, gefolgt von Metall und Chemie - also genau die Branchen, denen Deutschland einen großen Teil seines Wohlstands und Arbeitskräfte verdankt.

Roboter werden zum Wettbewerbsfaktor

Menschen werden aber nur von Maschinen ersetzt, wenn es sich für den Unternehmer rechnet. Und das wird es: Im Hochlohnland Deutschland, das mit seiner starken Industrie viele Einsatzmöglichkeiten für eine weitere Automation bietet, werden Roboter die Arbeitskosten um 21 Prozent senken, erwartet die Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Werden das zu erwartende Automatisierungstempo und die Entwicklung der Lohnkosten einkalkuliert, erhöhen Roboter die relative Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands deutlich.

Im Vergleich zu den USA verbessert sich der "BCG Global Manufactoring Cost-Competitive Index" Deutschlands um vier Prozentpunkte. Nur Südkorea wird nach dieser Berechnung einen noch größeren Vorteil aus der Automatisierung erzielen, während fast alle europäischen Nachbarländer weniger wettbewerbsfähig werden. Hier liegt eine große Chance für Deutschland, seine starke Position durch entschlossene Investitionen zu stärken, bevor es andere Länder aus der Spitzengruppe tun.

Eines der wichtigsten DIGITALPARADIGMEN: Der Roboter ist der Freund des Menschen, nicht sein Feind. Wer seine Fähigkeiten intelligent für sich nutzt, kann sich von vielen lästigen Routinearbeiten befreien und gewinnt Zeit für Innovationen. Wer auf Roboter aus Angst vor einem Arbeitsplatzabbau verzichtet, verliert schnell seine Wettbewerbsfähigkeit.

Wie schnell Roboter für spezielle Anwendungsfälle mit einer Knappheit an Arbeitskräften entwickelt werden, ist schwer zu prognostizieren. In Japan, wo die Bevölkerung sehr schnell altert und Arbeitskräfte knapp sind, könnten sich Pflegeroboter vergleichsweise schnell durchsetzen. Dort wurde auch das erste Hotel mit Service-Robotern in Betrieb genommen. Noch arbeiten dort Menschen im Hintergrund, um bei Bedarf eingreifen zu können. Aber der Trend ist eindeutig: Roboter sind ein wichtiger Faktor bei der Beantwortung der Frage, wie künftige Knappheiten am Arbeitsmarkt beseitigt werden können.

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