Samstag, 14. Dezember 2019

Allianz-Konzern hat die ambitioniertesten Pläne So effektiv sind die Klimaziele der Dax-Riesen wirklich

Echter Klimaschutz oder viel Rauch um Nichts? Die Versprechen der Dax-Konzerne.

Die Klimaschutzprogramme der deutschen Unternehmen sind zwar umfangreicher als noch vor wenigen Jahren. Aber noch längst nicht ausreichend. Das ist das Ergebnis einer Szenario-Analyse des Frankfurter Start-ups "Right Based on Science". Auf Grundlage eines international anerkannten Klimamodells der Universitäten Oxford und Melbourne hat die Firma um die Gründer Hannah Helmke und Sebastian Müller einen Algorithmus entwickelt, mit dem sich der Beitrag einzelner Unternehmen zur globalen Erderwärmung beziffern lässt.

Demnach würde sich beispielsweise das Weltklima bis zum Jahr 2050 um 13,5 Grad Celsius erwärmen, wenn alle Firmen so wirtschaften würden wie der Energiekonzern RWE. Für die Lufthansa liegt dieser so genannte XDC-Wert, errechnet auf den Emissionsdaten von 2017, bei 3,55 Grad, für Volkswagen bei 3,38 Grad. Nur sieben Dax-Konzerne (Telekom, SAP, Fresenius, Fresenius Medical Care, Merck, Infineon, Deutsche Börse) bleiben der Berechnung zufolge unterhalb der 2-Grad-Marke, die nach dem Pariser Klimaschutzabkommen als Zielwert für 2050 gilt.

Für Umwelt und Gesellschaft ist die Erwärmung der Atmosphäre verheerend, wie erst am Dienstag der aktuelle Klimabericht der Bundesregierung offenlegte. "Es ist nicht auszudenken, was es bedeuten würde, wenn sich das in dieser Geschwindigkeit wirklich fortsetzen würde", sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Die Antwort müsse heißen: "Viel mehr Klimaschutz, und zwar weltweit."

Immerhin: Zuletzt habenfast alle großen Unternehmen mehr oder weniger ambitionierte Klimaziele vorgelegt. So wollen unter anderem Siemens (bis 2030), Daimler (bis 2040) oder Volkswagen (bis 2050) klimaneutral werden. Nur wie effektiv sind die Ziele der Dax-Konzerne wirklich? Diese Frage ist bislang ein Rätsel; die Angaben der Unternehmen sind nicht standardisiert und damit kaum vergleichbar.

Hier setzt das 2016 gegründete Frankfurter Start-up an. Mit einer Szenario-Analyse konnten die Gründer jetzt zeigen, wie effektiv die Versprechen der Dax-Konzerne sind. "Mit unserem Modell können wir erstmals methodisch sauber die Klimaziele der Unternehmen bewerten", sagt Gründerin Helmke. Etliche der Konzerne haben die Studie inhaltlich unterstützt. Die Studie zeigt, dass die Unternehmen die Reduktion ihrer direkten CO2-Emissionen (Scope 1) recht gut im Griff haben, dass aber bei den den indirekten Emissionen entlang der Lieferkette (Scope 2 und 3) noch Nachholbedarf besteht.

Das Überraschende: Selbst wenn man voraussetzt, dass die Unternehmen ihre selbst gesteckten Klimaschutzziele bis 2050 wirklich erreichen, schaffen es nur zehn Unternehmen, auf einen Unter-2-Grad-Kurs einzuschwenken. Außer denen, die bereits heute diesen XDC-Wert unterschreiten, erreichen das nur die Allianz, Bayer und die Deutsche Post.

Am ambitioniertesten sind dabei die Klimaziele der Allianz. Hier verändert sich der XDC-Wert prozentual am stärksten, sollte der Versicherer wirklich all seine Versprechen umsetzen. Würden 2050 alle Unternehmen so wirtschaften, wie es die Allianz tun will, stiege die weltweite Temperatur nur noch um 1,5 Grad Celsius an - das ist eine Reduktion des aktuellen XDC-Werts um 54 Prozent.

Ebenfalls sehr ambitioniert sind auch die Klimaziele von Continental und RWE. Ihr Beitrag zur globalen Erwärmung sinkt um je 31 Prozent, sollten sie ihre Ziele umsetzen; bei Lufthansa und Post verringert sich der Beitrag um je 23 Prozent. Die Klimaversprechen von Volkswagen (minus 3 Prozent), Daimler (minus 5 Prozent) und Siemens (minus 1 Prozent) ändern dagegen nur wenig an deren Beitrag zur globalen Erwärmung.

Dabei sind die Herausforderungen von Branche zu Branche unterschiedlich. Eine Bank trägt von Haus aus weniger zur Erderwärmung bei als ein Kohlekonzern. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) hat daher versucht, für jede Branche einen Zielwert festzulegen, um das Weltklima bis 2050 unterhalb der 2-Grad-Grenze zu halten. Autokonzerne dürfen demnach mehr ausstoßen als Softwareanbieter. Wissenschaftlich ist dieses Modell noch nicht ausgereift, trotzdem bietet es eine Näherung.

Und auch da zeigt sich: Die Allianz unterschreitet die Branchenvorgaben um mehr als 40 Prozent, sollte sie ihre Ziele wirklich umsetzen. Auch Daimler und BMW (deren eigener XDC-Wert deutlich oberhalb der 2-Grad-Schwelle liegt) unterschreiten die Branchenvorgaben - wenn auch weniger deutlich.

19 Dax-Konzerne dagegen überschreiten die Branchenzielwerte, darunter Volkswagen, Siemens, Bayer oder BASF. Am deutlichsten liegt (noch vor den Energieriesen Eon und RWE) die Münchener Rück über den empfohlenen Branchenwerten, sie überstiegt sie selbst bei Umsetzung ihrer Klimaversprechen um rund 90 Prozent. Würden alle Unternehmen so wirtschaften wie sie, würde sich die Welt bis 2050 um mehr als 5,2 Grad erwärmen. Und das, obwohl kaum ein Dax-Unternehmen schon heute die finanziellen Folgen von Dürre, Hitze und Überschwemmungen so sehr spürt wie der weltgrößte Rückversicherer.

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