Corona-Krise bremst Investitionen in Klimaschutz Kurze Erholung fürs Klima - und dann wird es brenzlig

Windkraftanlagen bei Hannover

Windkraftanlagen bei Hannover

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Der klare Himmel zeigt es an. Flugzeuge sind am Boden, Industrieschlote geben kaum noch Dampf ab, die meisten Kohlekraftwerke sind abgeschaltet. Für das Klima scheint die Corona-Krise eine erfreuliche Nebenwirkung zu bringen.

Allein die westeuropäischen Stromproduzenten haben laut Unicredit bis April, aufs Jahr gesehen, fast 40 Millionen Tonnen CO2 gespart. Weltweit dürften die Emissionen des klimaschädlichen Gases in diesem Jahr laut Internationaler Energieagentur (IEA) um 8 Prozent oder 2,6 Gigatonnen sinken, deutlich stärker als in allen bisherigen Kriegen und Krisen. Sogar das schon fast aufgegebene deutsche Klimaschutzziel für 2020 ist wieder in Sicht.

"Da gibt es nichts zu feiern", warnt jedoch  IEA-Chef Fatih Birol. So drastisch der Rückgang der Emissionen auch ausfalle, werde er "höchstwahrscheinlich nur ein kurzfristiger Ausrutscher" sein, dem ohne zusätzliche staatliche Eingriffe ein umso größerer Anstieg der Emissionen folgen könnte, sobald die Wirtschaft wieder wächst. "Billigere Energie verführt Verbraucher immer dazu, sie weniger effizient zu nutzen."

Schon das billige Öl mache den Kauf sparsamer Autos oder die Dämmung von Gebäuden weniger wirtschaftlich. Während sich die Ölpreise von ihrem tiefsten Sturz etwas erholen, fallen andere fossile Brennstoffe weiter auf Ramschkurs. Steinkohle ist für weniger als 40 Dollar pro Tonne zu haben, Erdgas am deutschen Gaspool Hub für keine 6 Euro pro Megawattstunde. Aktuell ist der positive Effekt dieses Wettlaufs zum Boden, dass die vergleichsweise weniger schmutzigen Gaskraftwerke die kohlebetriebene Konkurrenz aus dem Markt priesen. Doch selbst das könnte bald kippen.

Denn auch der Preis für CO2-Zertifikate, der in Europa Marktkräfte für den Klimaschutz mobilisieren soll, schwächelt erneut. Dieser Emissionshandel "rutscht wieder in die fast völlige Wirkungslosigkeit", ätzt Hans-Josef Fell , Präsident der Energy Watch Group und einst als Grünen-Abgeordneter einer der Konstrukteure der Energiewende. Auch die ab 2021 geplante CO2-Steuer auf Benzin und Heizöl werde "überhaupt keine Klimaschutzwirkung entfalten" - der vorgesehene Preisaufschlag werde um ein Vielfaches vom coronabedingten Preisverfall übertroffen.

Der Markt ist für plötzliche Schocks nicht konstruiert

Im März stürzte der CO2-Börsenpreis, der sich vor Corona bei 25 bis 30 Euro pro Tonne stabilisiert hatte, unter 15 Euro ab. Inzwischen pendelt er um 20 Euro und dürfte laut Unicredit in den kommenden Wochen auch in dieser Größenordnung bleiben. Der Markt sei geprägt vom Überangebot ungenutzter Verschmutzungsrechte, die Kraftwerksbetreiber, Industrie und Airlines loswerden wollen.

Einen Teil davon dürfte die im vergangenen Jahr gestartete Marktstabilisierungsreserve zwar aus dem Verkehr ziehen. Am 15. Mai soll die EU-Kommission das Ausmaß des Überangebots bekannt geben, davon werden dann bis zu 24 Prozent gestrichen. Doch selbst diese Aussicht stützt den Markt kaum.

Das System ist für einen stetigen Pfad mit einem jährlichen leichten Sinken der Emissionen ausgelegt. Ein plötzlicher Schock ist dort nicht vorgesehen. Schon die Finanzkrise von 2008/2009 sorgte dafür, dass die vorgesehenen CO2-Limits fast ein Jahrzehnt lang zu hoch ausfielen, damit sich Investitionen in weiteren Klimaschutz lohnen - und der Corona-Schock ist ungleich größer.

Volkswagen-Chef Herbert Diess fürchtet schon um die bereits getätigten Investitionen in die Elektroauto-Offensive. Die Kfz-Steuer müsse schnell auf CO2 umgestellt werden, 50 Euro pro Tonne wären "absolut verkraftbar", sagte er  in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Noch heikler wird es für Unternehmen, die erst noch gewaltige Summen in die Entwicklung bislang unerprobter Techniken investieren müssten, bevor das selbstgesteckte Ziel der Klimaneutralität in einigen Jahrzehnten überhaupt möglich wird.

Thyssenkrupp  etwa müsste für die Vision vom grünen Stahl auf viele Jahre gegen die wirtschaftliche Vernunft handeln: Während das konventionelle Geschäft von sinkenden Kohle- und CO2-Preisen profitiert (und im Zweifel von billiger Konkurrenz aus dem Ausland betrieben wird), ist für die alternative Stahlproduktion mit Wasserstoff als Energieträger wenig klar, außer dass es zig Milliarden an Investitionen verschlingt und Jahrzehnte dauert - und das in einer Situation, in der das Unternehmen um die Existenz kämpft.

Den Impuls, freiwillig das Klima zu schützen, ungeachtet der gegenteiligen Marktanreize, gibt es wohl. Auch Investoren machen Druck in diese Richtung, beispielsweise das Konsortium Investor Agenda. Doch damit deren grüne Rechnung aufgeht, fordern sie nun den Staat zu Hilfe: Die anstehenden Konjunkturpakete müssten dafür sorgen, dass die nötigen Investitionen in den Klimaschutz auch zustande kommen.