Parallelen der Auto- und Energiebranche Auto-Topmanagern fehlt Mut zur Wahrheit - und nicht nur ihnen

Von Utz Claassen
Auto-Bosse Müller (VW), Krüger (BMW), Zetsche (Daimler)

Auto-Bosse Müller (VW), Krüger (BMW), Zetsche (Daimler)

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

Hochmut kommt vor dem Fall. Und - gewollte oder ungewollte - Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Das gilt ganz generell - und damit auch für Noch-VW-Chef Müller, für Noch-Audi-Chef-Stadler und für viele weitere potenziell von Dieselgate kontaminierte vermeintliche Spitzen-Manager der Automobilindustrie in Wolfsburg, Ingolstadt und offenbar auch andernorts.

Das Kartell des aus maliziösem Vorsatz oder aber beklagenswerter Hilflosigkeit geborenen Unwissens-Managements hat Deutschlands groß-industriellem Rückgrat schwere Verstauchungen, Verrenkungen und auch einzelne Frakturen zugefügt. Lähmungserscheinungen sind beim Anpacken der Probleme unverkennbar, insbesondere Sprachlähmungen und Sprechstörungen werden von einzelnen Verantwortlichen fast täglich einem staunenden Millionen-Publikum offenbart.

Utz Claassen
Foto: Syntellix

Utz Claassen, geboren am 7. Mai 1963 in Hannover, ist Topmanager, Unternehmensberater, Unternehmer, Investor, Wissenschaftler und Publizist. Er war unter anderem Vorsitzender des Vorstandes der EnBW Energie Baden-Württemberg AG, Sartorius AG und Solar Millennium AG und ist Gründer, Mehrheitsaktionär und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Syntellix AG, Mitgründer und Anteilseigner der Rulebreaker Management GmbH sowie Senior Advisor der Cerberus European Investments LLC, New York/USA.

Dass es nicht nur einzelne wenige Top-Führungskräfte der germanischen Fahrzeugwelt mit den vermeintlich urdeutschen Sekundärtugenden nicht ganz so genau nahmen, ist inzwischen bis in den letzten Winkel der sinoamerikanisch globalisierten Welt hinein bekannt. Kunden, Aktionäre, Anleihezeichner, Banken, Versicherungen, Umwelt-, Kontroll- und Strafermittlungsbehörden, Ministerien, ganze Regierungen und sogar veritable Staatenbünde: sie alle wurden von Managern getäuscht, hintergangen und betrogen, die offenbar meinten, omnipotent zu sein und keinerlei wirksamen Kontrollmechanismen mehr zu unterliegen. Nur wer skrupellose Eigennutzoptimierung und betörende Selbstüberschätzung in sich vereint, ist fähig, Hunderttausende von Arbeitsplätzen und Familienschicksalen in Gefahr zu bringen und gleichzeitig Unwissenheit und Unschuld für sich zu reklamieren oder aber unternehmerisches Fehlverhalten ebenso wie hardwareseitige Nachrüstmöglichkeiten schlichtweg zu negieren.

Ignoranz, Arroganz, Übermut

Ignoranz, Arroganz, Übermut. Doch wo war die ganz normale Zivil-Courage der Beteiligten, als die Probleme entstanden, die später zum Dieselbetrug führten? Wo waren die so strotzend selbstbewussten Automobil-Könige, als parlamentarische und außerparlamentarische Soziologen und Literaturwissenschaftler, Assistenzärztinnen und Grundschullehrer, Philosophen und Philologen Emissionsgrenzwerte forderten, festlegten und durchsetzten, die als unerreichbar galten und sich als unerreichbar erwiesen, jedenfalls in Kombination mit dem, was der leistungsaffine PKW-Kunde sonst noch erwartet, und zu dem Preis, den er zu bezahlen gewillt ist?

Die traurige Wahrheit ist: Die PS-Protze aus den Top-Etagen der Milliarden-Konzerne scheuten den offenen, kritischen und mutigen Diskurs mit Politikern, Beamten und Aktivisten, über die sie sonst nur verächtlich lächeln. Sie wollten sich weder bei den Verantwortungsträgern der Politik noch bei Umweltfreunden, kritischen Journalisten oder skeptischen Kunden unbeliebt machen. Sie hatten schlichtweg nicht den Mut, dem Zeitgeist die Welt ihrer wissenschaftlich-ökonomischen Fakten gegenüberzustellen, und verleugneten stattdessen dieselben Überzeugungen, die sie sonst wie Monstranzen vor sich hertragen.

Die doppelte 180°-Wende beherrschen auch Energie-Topmanager

Bei Letzterem befinden sich die Automobil-Führungskräfte im Übrigen in - vermeintlich - guter Gesellschaft: jener der Energie-Manager. Wohl keine Berufsgruppe hat ihre zuvor mitunter fast schon an Schützengräben erinnernden physikalisch-ideologischen Überzeugungen schneller über den Haufen geworfen oder werfen lassen als die der Spitzen-Führungskräfte der Energiebranche in den Zeiten der Energiewende.

Und dieselben - ja, exakt dieselben! - Top-Manager, die in den Tagen und Wochen nach Fukushima konsequent-geschmeidig abtauchten, erklärten im Einzelfall dann später überzeugt-entrüstet die Milliarden-Verluste und Milliarden-Löcher, die der Kernenergie-Ausstieg in die Bilanzen ihrer Konzerne gerissen hatte.

Das ist die doppelte 180°-Wende - die von den Automobil-Kollegen inzwischen genauso beeindruckend vollführt wird, mitunter sogar mehrfach am Tag, so wie zuletzt vor, während und nach dem Diesel-Gipfel.

Ex-BDI-Präsident-Keitel und Ex-Siemens-Chef Löscher mutierten gar zu Protagonisten der geistig-moralischen energiepolitischen Wende. Ex-RWE-Chef Großmann, der Charakter zeigte, wurde hingegen öffentlich diskreditiert und als energiepolitischer Dinosaurier gebrandmarkt. Löschers Siemens-Bilanz ist hinlänglich bekannt und führte zu einem zügigen Abschied, doch auch Großmanns gerader energiepolitischer Weg, der fürwahr von einigen Punktabzügen in der B-Note begleitet wurde, war in der Konsensrepublik Deutschland nicht vom Erfolg gekrönt. E.on-Chef Teyssen, dem bessere Slalom-Qualitäten und ein eleganterer Kernenergie-Hüftschwung zu attestieren sind, ist zwar noch im Amt, allerdings bei etwa 40 Milliarden Euro weniger Unternehmenswert als im Jahr vor seinem Amtsantritt. Der kollektive Preis individueller Kehrtwenden kann mitunter recht hoch sein.

Energie-Barone fügten sich rechtskonform ihrem Schicksal

In einem jedoch unterscheiden sich Energie- und Automobilwelt diesbezüglich: Die Energie-Barone haben ihre Situation zwar auch durch jahrzehntelange Ignoranz mitverursacht, doch dann haben sie sich zwar passiv und bemitleidenswert, aber dennoch wohl zumindest rechtskonform in ihr Schicksal gefügt. Zum Betrug haben sie sich nicht verleiten lassen, lediglich zum Verrat an ihren doch so lange so unverrückbaren Überzeugungen.

Die Auto-Bosse hingegen sind einer kontroversen und unbequemen Diskussion zwar ebenso ausgewichen und haben sich vordergründig beliebt gemacht, um dann allerdings im Einzelfall hintenherum fragwürdigst auszubüchsen. Die bekannten institutionellen und individuellen Geständnisse lassen jedenfalls keinen anderen Schluss zu.

Zwei Königs-Branchen zahlen einen hohen Preis

Offen ist indes, welche der beiden Königs-Branchen hierzulande am Ende den höheren Preis für ihre langfristige Ignoranz und Arroganz und ihre kurzfristige Feigheit zu zahlen hat. Allein E.on und RWE  hatten zwischenzeitlich mehr als 100 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung eingebüßt. Bei VW & Co. indes scheinen sich einige Ewig-Gestrige zu bemühen, alle bisherigen Straf- und Vergleichszahlungsrekorde noch zu übertreffen. Der Dieselbetrug rechtfertigt schließlich auch einen kleinen Zuschlag. Und Feigheit vor dem Zeitgeist kann Rechtsbruch nicht rechtfertigen.

Von dem französischen Literaten Victor Hugo wissen wir, dass nichts stärker ist als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Doch nichts ist schwächer als das Einknicken vor neuen Ideen, wenn gleichzeitig eigene Versäumnisse der Vergangenheit durch Täuschung, Betrug und Verrat kompensiert werden sollen. Offenbar haben einzelne Auto-Manager gleich mehrfach die Zeichen der Zeit falsch gedeutet.

Utz Claassen war von 1994 bis 1997 Finanzvorstand und Vertreter des Präsidenten der Volkswagen-Tochter Seat und ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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