Jens-Uwe Meyer

Sind Sie über 45 Jahre alt? Dann sind Sie kreativ tot...

Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Aua, schon der Titel tut weh, oder? Wie ein Schlag in die Magengrube. Seitdem ich über diesen Satz von Vinod Khosla, einem einflussreichsten Wagniskapitalgeber im Silicon Valley, gestolpert bin, fühle ich mich (50) als Kreativpensionär: "Menschen jünger als 35 sind die, die verändern. Menschen über 45 sind quasi tot, was neue Ideen angeht." Ausgeschlossen aus allen Kreativprozessen - im Brainstorming sitzen wir Oldies herum als sabbernde Greise: "Opa, Schluss mit dem Unsinn, lass mal die Jungen ran."

Falls Sie also über 45 sind, sind Sie gerade noch fähig, eine Idee zu entwickeln, wie man den Seniorenteller in der Ausflugsgaststätte neu benennen könnte. Mark Zuckerberg hat übrigens noch einen draufgesetzt: "Junge Menschen sind einfach smarter." Herzlichen Glückwunsch! Ab 45 aufwärts sind wir (also Sie und ich) nicht nur zu unkreativ, sondern auch noch zu doof, um die Welt zu verändern.

Bei Start-ups grassiert sektenhafter Jugendwahn

Sie glauben es nicht? Lösen Sie eine Bahnfahrkarte nach Berlin, ins deutsche Start-up Mekka. Wenn Sie sich gerade die Mauerreste an der Bernauer Straße ansehen - schauen Sie doch einmal kurz zur Factory  herüber, wo Unternehmen wie Soundcloud  , Zendesk  oder Pinterest  ansässig sind. Oder besuchen Sie in der Nähe vom Nollendorfplatz die Start-up-SchmiedeHubraum  der Deutschen Telekom - an der hauseigenen Bar können Sie dort einen Kaffee trinken und Start-up-Luft schnuppern. Was sehen Sie? Menschen unter 35. Wenn Sie älter als 45 sind, fühlen Sie sich wie ein Rentner auf Kaffeefahrt. Her mit den Lamadecken!

Der Jugendwahn in der Start-up-Szene ist beinahe schon sektenhaft. Wir reden von den "jungen Wilden". Start-up-Teams werden gefeiert wie Boygroups. Kein Scherz: Die Webseite deutsche-startups.de hat gerade einen Artikel über Start-up Teams  veröffentlicht, die sich wie Boygroups präsentieren. Also: Gut aussehen gehört auch dazu. Bauchansatz? Für Revolution nicht zu gebrauchen. Stimmt es also? Sind wir wirklich kreativ tot?

Ja, natürlich war Albert Einstein erst 26 als er seine berühmte Formel E = mc2 veröffentlichte. Und ja, Bill Gates durfte in den USA noch nicht einmal Alkohol trinken, als er Microsoft gründete. Aber wer immer das Gerücht in die Welt gesetzt hat, Menschen unter 35 seien kreativer als ältere - sowohl hirnbiologisch wie auch gesellschaftlich ist das Unsinn.

Dieser Beitrag ist kein Plädoyer gegen die Jungen. Ich kenne viele phantastische Start-up-Gründer - aber zugleich fühle ich mich berufen, einmal eine Lanze für alle die zu brechen, die mit 45plus erst richtig loslegen wollen.

Hirne über 45 haben kreative Vorteile

Was ist eigentlich Kreativität? Nach der Definition von Harvard-Professorin Teresa Amabile sind drei Faktoren entscheidend: Fachwissen, kreative Fähigkeiten (Vorstellungsvermögen, Analogiedenken etc.) und intrinsische Motivation. Wenn Sie sich Ihren Kopf kurz einmal als Computer vorstellen, ist damit folgendes gemeint: Fachwissen ist die Menge der Dateien an Fachwissen und Erfahrungen, die Sie in Ihrem Kopf gespeichert haben.

Kreative Fähigkeiten sind der Chip, der es Ihnen erlaubt, das alles in Höchstgeschwindigkeit immer wieder neu miteinander zu vernetzen. Und intrinsische Motivation bedeutet: Sie müssen auch Lust haben, Ihr Gehirn entsprechend zu benutzen. Also die "Enter"-Taste überhaupt drücken wollen.

Jetzt kommt das, was Khosla und Zuckerberg vergessen: Tatsächlich verfügt das junge Gehirn über mehr kreative Fähigkeiten. Hirnwissenschaftlicher sprechen davon, dass junge Menschen über eine erhöhte synaptische Plastizität im präfrontalen Cortex verfügen. Heißt zu Deutsch: Vorne im Gehirn, wo das Zentrum für logisches Denken sitzt, funken die Nervenzellen noch nervös in alle Richtungen. Bei Älteren geht es eher in geordneten Bahnen zu. Nur: Was hilft der beste Chip im Computer, wenn keine Daten auf der Festplatte sind? Kreativität heißt letztlich: Alle Puzzlestücke und Erfahrungen im Kopf immer wieder neu zusammensetzen.

Das hat Vor- und Nachteile. Der häufig genannte Vorteil: Junge Menschen wissen noch nicht, was nicht geht. Korrekt. Deshalb gehen sie an vieles unbefangener heran als Ältere. Aber sie wissen auch noch nicht, was geht. Das ist der Vorteil des älteren Gehirns: Wie überzeugt man einen konservativen Vorstand von einer neuen Idee? Wie finde ich den Weg zur Hintertür, wenn mich der Kunde am Eingang hat abblitzen lassen? Wie organisiere ich schnell mal Ressourcen, die offiziell nicht vorhanden sind? Hier ist das ältere Gehirn eindeutig im Vorteil. Das Stichwort: Erfahrungswissen.

Die Silverpreneure kommen

So einen Begriff, der richtig sexy klingt, hat noch niemand für das Phänomen gefunden. Silverpreneur - ein Kunstwort, das auf die meist grauen Haare von Gründern anspricht, scheint noch eleganteste zu sein. Das Zukunftsinstitut erklärt die "Anti-Rentner" bereits zum Trend . Auch die Bundesregierung hat sich drangehängt. Die Broschüre "Existenzgründung im besten Alter"  gibt Tipps und fragt nach der Motivation älterer Gründer und Gründerinnen.

Beispiele gibt es genügend: Tony Ryan gründete Ryanair erst mit 49, Charles Flint war 61, als er IBM ins Leben rief. Und mit 72 übernahm Ben Lipps, Ex-Vorstandschef bei Fresenius Medical Care, den Vorsitz bei Magforce - einem jungen Unternehmen der Biotech-Branche. Warum ging Lipps nicht einfach in Rente? Es war die Begeisterung für die innovative Technologie. Tot, was neue Ideen betrifft? Weit gefehlt!

Was wirklich hinter dem Jugendwahn steckt

Was wirklich hinter dem Jugendwahn steckt

Hand aufs Herz: Haben Sie Lust, sich in einem Start-up-Pitching auf eine Bühne zu stellen und auf das gefällige Nicken eines Investors zu warten? Wollen Sie bei VOX in der Höhle der Löwen vor Sympathieträgern wie Carsten Maschmeyer Ihre Ideen präsentieren?

Für Investoren sind jüngere Unternehmensgründer vor allem eines: pflegeleicht. In Berlin habe ich vor einem Jahr den CFO eines Start-ups kennengelernt. Stolz erzählte er, sein Unternehmen habe gerade 1 Million Dollar Kapital von einem der wichtigsten asiatischen Investoren erhalten. Nach einer Stunde fragte ich vorsichtig: "Was verdienst Du?" "Na ja, nur knapp 1.000 Euro im Monat." Da schaut man als Finanzvorstand schon einmal neidisch in Richtung Putzfrau. Die bekommt wenigstens den Mindestlohn. Ein anderer Start-up-Gründer erzählte mir unter der Hand: "Ich bin total genervt, meine Investoren halten mich nur auf. Ich muss Rechenschaft über jedes Bahnticket ablegen." Magazine wie "Gründerszene" geben bereits Tipps, wie man seine Gesellschafter wieder los wird . Und auch nicht zu missachten ist die Klausel in Verträgen, dass Investoren die Gründer im Zweifelsfall einfach vor die Tür setzen dürfen - wie gerade bei der Umzugsplattform Movinga geschehen.

Würde ein erfahrener Gründer das akzeptieren? Eher nicht. Entsprechend erlaube ich mir einmal, das Zitat von Vinod Khosla frei zu verändern: "Menschen jünger als 35 sind die, die ich noch verändern kann. Menschen über 45 sind mir zu kompliziert."

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.