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Milliardenspiel: Die größten Akteure im Kalimarkt

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Sorgen um K+S Schatten über dem Kalimarkt

Das Urteil der Börse ist eindeutig: Wegen russischer Preisbrecher droht der Kalimarkt einzubrechen und der deutsche Konzern K+S aus dem Dax zu fliegen. Das reale Geschäft läuft jedoch nicht so dramatisch. Es wird aber deutlich riskanter als früher.

Hamburg - Stabil, solide, stark, robust. All seine Lieblingsvokabeln hat Norbert Steiner in der jüngsten Mitteilung vor den heute verkündeten Zahlen zum zweiten Geschäftsquartal versammelt. Zwar teilte der K+S-Chef mit, wegen der unsicheren Lage am Kalimarkt die Jahresprognose des Konzerns ersatzlos zu streichen. Den gewohnt gelassenen, ruhigen Ton mochte er dabei aber nicht ablegen. Er lasse lediglich "Vorsicht walten".

K+S  kommt nur mit Mühe gegen die helle Aufregung an, die seit Ende Juli die Aktionäre erfasst hat - seit der weltgrößte Kaliproduzent Uralkali  aus Russland das Exportbündnis mit der weißrussischen Nummer zwei Belaruskali aufkündigte und einen drastischen Preisverfall vorhersagte. "Aus 'Kali + Salz' könnte bald nur noch 'Salz' übrig bleiben", warnt etwa Union-Investment-Fondsmanager Carsten Hilck.

Steiner räumt ein, dass K+S im September nach fünf Jahren aus dem Dax  fliegen könnte. Der Konzern ist an der Börse nicht einmal mehr halb so viel wert wie vor einem Jahr. Weltweit hat allein Uralkalis Mitteilung nach seiner Rechnung in wenigen Tagen mehr als 15 Milliarden Euro Börsenwerte vernichtet.

Saisonale Flaute auf dem Markt - aktuelle Kalipreise kaum belastbar

Aber im operativen Geschäft, so Steiners Botschaft, gebe es keinen Grund zur Panik. Mit Zahlen untermauern kann er die These nicht: Der Geschäftsbericht zum zweiten Quartal erfasst die jüngsten Ereignisse naturgemäß nicht. Und aktuelle Kalipreise sind kaum aussagekräftig, weil am Markt saisonale Flaute herrscht und erst mit Beginn der nächsten Pflanzzeiten wieder große Verträge abzuschließen sind. Aber Gründe nennen kann Steiner durchaus.

Zunächst einmal gebe es ja noch das S für Salz, wo die Kasselaner als Weltmarktführer "im Gegensatz zu Wettbewerbern, die sich ausschließlich auf Kali konzentrieren, ein kräftiges zweites Standbein haben". Und beim Kali habe K+S als einziger großer Hersteller in Westeuropa nicht nur besonderen Zugang zum europäischen Markt, sondern dank der Magnesium- und Schwefelanteile in seinen Kalilagerstätten auch besondere Produkte, mit denen man "von einem womöglich verschärften Mengenwettbewerb bei Standardware nur in begrenztem Umfang betroffen" sei.

Mit ebenso plausiblen Argumenten, aber mehr Verve wischt sein Kollege Bill Doyle vom kanadischen Marktführer Potash Corp. of Saskatchewan (PCS)  die Zweifel beiseite. "Eher früher als später" würden Russen und Weißrussen sich zusammenraufen und so das Duopol mit dem kanadischen Exportkartell Canpotex wiederherstellen, das bislang den Großteil des Kalimarkts bestimmte.

Ein Signal, um mögliche neue Marktteilnehmer abzuhalten

"So etwas macht man nicht", schimpfte der Branchenveteran im Investorengespräch. "Es gibt nicht so viele Leute, die sich absichtlich selbst zerstören." Denn die Strategie, mit Preisrabatten Marktanteile zu gewinnen, funktioniere im Kaligeschäft nicht. PCS habe das als Staatsunternehmen bis in die 80er Jahre hinein selbst versucht und nur Verluste angehäuft.

"Kali ist nicht wie Schuhe", dozierte Doyle. "Wenn man den Preis halbiert, kaufen die Bauern nicht doppelt so viel." Kalidünger werde zwar dringend gebraucht, aber nicht in beliebiger Menge.

Und überhaupt: "Kein einzelnes Unternehmen bestimmt den Preis." Also könne Uralkali mit seinem angekündigten Zusatzangebot von 2,5 Millionen Tonnen auch nicht den Kalipreis wie von Uralkali-Chef Wladislaw Baumgertner prognostiziert von 400 auf 300 Dollar je Tonne drücken. PCS, beharrt Doyle, werde dank seiner starken Stellung in Nordamerika überhaupt keinen Absatz einbüßen. Aber auch Wettbewerber mit höheren Produktionskosten - so wie K+S - ließen sich nicht aus dem Markt treiben.

Mit Schrecksignalen neue Konkurrenz fernhalten

"Die Preise könnten kurzfristig fallen, aber wir erwarten keinen Preiskrieg", erklärt auch der Londoner Informationsdienst Integer. Daran habe keiner der zwei großen Exporteure - Canpotex und Uralkali - ein Interesse. Das Angebot sei auch ohne das weißrussische Kartell immer noch hochkonzentriert, und das wollten die Platzhirsche auch so halten. "Uralkali sendet ein Signal, dass die Ära von hohen Kalipreisen um 500 Dollar vorbei ist, um mögliche neue Marktteilnehmer abzuhalten", vermutet Oliver Hatfield, Direktor der Düngermarktforschung von Integer.

Tatsächlich haben die hohen Preise der vergangenen Jahre und dementsprechende Renditen von teils über 50 Prozent etliche Interessenten auf den Plan gerufen, die über die hohen Eintrittshürden wie Milliardenkosten und Anlaufzeiten von mehr als sieben Jahren für neue Kaliwerke springen wollten. Vor allem an der Börse in Toronto tummeln sich Unternehmen mit "Potash" (Kali) im Namen, die mit Schürfrechten in Kanada selbst oder auch entfernten Ländern wie Äthiopien die Anleger locken.

"Diese Greenfield-Projekte haben sich auch vor der Meldung von Uralkali schon nicht gelohnt", ätzt zwar PCS-Chef Doyle. "Und selbst Brownfield-Projekte (also Erweiterungen bestehender Kalibergwerke) wurden in den vergangenen Jahren aufgegeben, weil die Leute nochmal nachgerechnet haben."

Alte russische Bekannte von K+S mischen im neuen Spiel mit

Tatsächlich aber dürfte die globale Kapazität in den kommenden Jahren deutlich wachsen. Bergbaumultis wie Vale  aus Brasilien oder die australische BHP Billiton  planen mit Investitionsbudgets über zehn Milliarden Dollar, um den Kalimarkt aufzurollen. BHP will noch in diesem Jahr entscheiden, ob das Jansen-Projekt in Kanada zum weltgrößten Kalibergwerk ausgebaut wird. "Wir denken langfristig", erklärte Konzernchef Andrew Mackenzie in der vergangenen Woche. "Wir haben immer gesagt, dass der Kalimarkt etwas von seiner kartellähnlichen Struktur gehandelt wird."

Ironischerweise hatte die kanadische Regierung vor drei Jahren das 40 Milliarden Dollar schwere Übernahmeangebot von BHP für PCS untersagt, weil die Australier das kanadische Kartell Canpotex brechen wollten.

Wesentlich weiter mit dem Markteintritt ist in Uralkalis unmittelbarer Nachbarschaft in der russischen Region Perm der russische Phosphat- und Stickstoffdüngerhersteller Eurochem - ein alter Bekannter von K+S, denn das Unternehmen von Oligarch Andrej Melnitschenko war vorübergehend größter Aktionär von K+S. Weil sich Steiner aber standhaft weigerte, die Expansion am Ural zu unterstützen, baut Eurochem die zwei Werke mit einer K+S vergleichbaren Kapazität jetzt allein. Die Fertigstellung ist für Ende 2014 geplant.

"Legacy-Projekt liegt im Plan"

Trotz der wiederholten Warnungen vor Überkapazitäten beteiligt sich seit 2011 auch K+S am Mengenwettbewerb. Der Bau des Legacy-Projekts mit knapp drei Millionen Tonnen Jahreskapazität in Kanada begann Anfang dieses Jahres und wird jetzt auf drei Milliarden Euro beziffert, die Produktion soll im Sommer 2016 beginnen.

Wegen der dort niedrigeren Produktionskosten (die UBS beziffert den Wert für K+S auf 288 Dollar je Tonne gegenüber 62 Dollar für Uralkali und rund 100 Dollar für PCS) könne das Projekt "langfristig die Wettbewerbsfähigkeit steigern", lobt zwar DZ-Bank-Analyst Heinz Müller. Zunächst aber bringt es dem Unternehmen, das so lange auf konservativen Marktschutz pochte, hohen Kapitalbedarf und entsprechendes Risiko - zur Unzeit, wenn gleichzeitig noch die Kalipreise fallen.

"Unser Legacy-Projekt liegt im Plan", beharrt Norbert Steiner. "Wir werden dieses wichtige Vorhaben aufgrund bloßer Spekulationen nicht in Frage stellen." Dafür aber muss sich K+S auf eine längere Durststrecke einstellen.