Sonntag, 21. April 2019

Ist die Zerschlagung von Kaiser's Tengelmann ethisch vertretbar? Warum wir die Ökonomie nicht der Moral opfern sollten

Die Kaisers Filiale in Bochum, aufgenommen am 18.10.2016 in Bochum (Nordrhein-Westfalen). Die Verbrauchermärkte von Kaisers Tengelmann stehen seit dem 17.10.2016 einzeln zum Verkauf. Foto: Bernd Thissen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Wirtschaft darf nicht unmoralisch sein. Oder doch? Und wer definiert überhaupt, was Moral im ökonomischen Kontext ist? Die drohende Zerschlagung der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann zeigt: Die Dinge sind nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Irina Kummert
  • Copyright: EVW
    EVW
    Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels unter Leitung von Julian Nida-Rümelin sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search in Berlin.

Sigmar Gabriel wurde kürzlich mit der Aussage zitiert: "Man darf die Moral nicht der Ökonomie opfern." Es ging um die Frage, ob die deutsche Wirtschaft Geschäfte mit einem autoritären Staat wie dem Iran machen dürfe, aber der Kontext ist zweitrangig. Ich möchte die Aufmerksamkeit vielmehr darauf lenken, was der Satz "Man darf die Moral nicht der Ökonomie opfern" mit uns macht. Da ist zuerst einmal das "man", mit dem gerne ein Individualinteresse zum allgemeinen Interesse umgedeutet wird. Sigmar Gabriel hat mit dem Satz seine persönliche Meinung zum Ausdruck gebracht. Warum sagt er nicht: "Ich bin der Auffassung, dass wir die Moral nicht der Ökonomie opfern sollten"? Er sagt das deshalb nicht, weil er sich der Zustimmung aller Adressatinnen und Adressaten sicher sein kann. Genau deshalb nutzen Politiker moralisch aufgeladene Sätze. Weil sie wissen, dass wir unreflektiert darauf reagieren und dazu neigen, die Aussagen, die im Schlepptau einer solchen Botschaft formuliert werden, nicht mehr zu hinterfragen.

Was fair ist, hängt vom Standpunkt ab

Durch die angekündigte Zerschlagung der Supermarktkette Kaiser's Tengelmann werden nach Unternehmensangaben 8.000 der 15.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren - eine Perspektive, die für jeden einzelnen betroffenen Menschen und seine Familie einen tiefen Einschnitt bedeutet. Es ist verständlich, dass diese Entwicklung von den Beschäftigten, um deren Arbeitsplätze es geht, als unfair und ungerecht empfunden wird. Dementsprechend wird von Kaiser's Tengelmann gefordert, soziale Verantwortung im Sinne der Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, zu übernehmen.

Anhand dieser Situation wird deutlich, dass moralisch konnotierte Aussagen in hohem Maße vom Standpunkt desjenigen abhängen, der sich unfair oder ungerecht behandelt fühlt. Sobald wir in moralischen Kategorien denken, sind daraus resultierende Aussagen tendenziell nicht rational, sondern emotional und subjektiv, da unsere Einschätzung zwangsläufig aus unserem individuellen Erleben resultiert. Die logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist, dass moralisch konnotierte Aussagen immer ein Ergebnis individueller Erfahrungen und Emotionen sind. Wenn also jemand sagt: "Man darf die Moral nicht der Ökonomie opfern", müssten wir deshalb eigentlich ganz genau hinschauen beziehungsweise hinhören und die Perspektive des Sprechers hinterfragen, damit wir zu einem reflektierten Urteil kommen. Leider ist genau das Gegenteil der Fall: Wir neigen dazu, das Denken einzustellen, sobald moralische Argumente genutzt werden.

Moral schläfert unser Denken ein

Die meisten von uns nicken einen Satz wie "Man darf die Moral nicht der Ökonomie opfern" ab, ohne weiter darüber nachzudenken. Wir tun das, weil er richtig klingt. So wie das Wort "Ethik" immer ethisch klingt und "soziale Verantwortung" nach einer Pflicht, der sich, wie es in den letzten Tagen vielfach zu hören war, auch ein Unternehmen wie Kaiser's Tengelmann nicht entziehen dürfe. Besondere Brisanz erhält die Forderung nach der Übernahme von sozialer Verantwortung dadurch, dass das Gegenteil von "sozial verantwortungsvoll" nun einmal "sozial verantwortungslos" ist - und es dazwischen nichts gibt. Moral kennt nur schwarz oder weiß. Moralisch oder unmoralisch. Dieser Mechanismus wird regelmäßig genutzt, um in der öffentlichen Debatte Stimmung für oder gegen Positionen, Einzelpersonen oder Unternehmen zu machen.

Moral wird zur Ökonomiekritik

Friedrich Nietzsche erinnert in seiner äußerst lesenswerten Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" daran, dass der Mensch zwar so tut, als sei er auf der Suche nach der Wahrheit - allerdings in erster Linie nach der Wahrheit, die ihm gefällt. Moral hat ihren Ursprung in der Frage, wozu etwas gut ist. Zwischenzeitlich aber hat Moral in der öffentlichen Diskussion eine Eigendynamik entwickelt, wird zum Selbstzweck und zur Allzweckwaffe gegen die vermeintlich zerstörerische Kraft der Ökonomie.

Das neue Buch von Tomás Sedlácek mit dem Titel "Lilith und die Dämonen des Kapitals" ist sinnbildlich für diese Tendenz. Der Autor beschreibt die Ökonomie in Anlehnung an das Schicksal der sumerischen Göttin Lilith als Konsummaschine, die sich in einem destruktiven Teufelskreis dreht. Bei ihm dominieren Krankheitsmetaphern, um die Ökonomie zu beschreiben. Damit bedient er den Zeitgeist. Tun wir uns wirklich einen Gefallen, wenn wir uns dieser Meinung anschließen und wie Sigmar Gabriel Ökonomie und Moral als Gegensatzpaar formulieren?

Die Philosophen Karl Homann und Christoph Lütge verstehen unter Moral "einen Komplex von Regeln und Normen, die das Handeln der Menschen bestimmen sollen und deren Übertretung zu Schuldvorwürfen gegen sich selbst beziehungsweise gegen andere führt". Insofern eignen sich moralisch konnotierte Argumente dazu, Personen oder Unternehmen an den Pranger zu stellen. Wenn aus ökonomischen Gründen Arbeitsplätze reduziert, Menschen entlassen, Standorte geschlossen werden müssen, wird regelmäßig kolportiert, hier werde die Moral der Ökonomie geopfert.

Die Gegenfrage muss allerdings erlaubt bleiben und sollte unter sorgfältiger Abwägung möglicher Konsequenzen für unsere Volkswirtschaft, aber auch für unsere Gemeinschaft beantwortet werden: Sollten wir in diesen Fällen die Ökonomie der Moral opfern?

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft, Mitglied des DVFA Ethik Panels sowie Mitglied des Arbeitskreises Wirtschaft & Soziales beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken und schreibt als Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung