"Dann ist alles möglich" Interview mit dem Wirtschafts-Nobelpreisträger Richard Thaler (, als er noch kein Wirtschafts-Nobelpreisträger war)

Amerika braucht einen Anstoß, um aus der Krise herauszufinden, sagt Richard Thaler, Professor an der Chicago Business School. Der Berater von Barack Obama ist überzeugt: Der demokratische Kandidat könnte einer der wichtigsten US-Präsidenten in der Geschichte werden.
Richard Thaler - früher mal Berater Barack Obamas, seit 2017 Wirtschaftsnobelpreisträger.

Richard Thaler - früher mal Berater Barack Obamas, seit 2017 Wirtschaftsnobelpreisträger.

Foto: EPA-EFE/REX/Shutterstock/UNIVERSITY OF CHICAGO

Im Spätsommer 2008 schaute die Welt gebannt in die USA: Würde erstmals ein Farbiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Aus diesem Anlass führte der damalige stellvertretende Chefredakteur des manager magazins, Henrik Müller , ein Interview mit einem der damals wichtigsten, in Deutschland gleichwohl weitgehend unbekannten Berater Barack Obamas: Richard Thaler. Neun Jahre später ist der Verhaltensökonom selbst ein Mann von Weltruhm - in dieser Woche wurde er als Wirtschafts-Nobelpreisträger ausgerufen. Aus diesem Anlass dokumentieren wir das Interview vom 28. August 2008:

mm.de: Herr Professor Thaler, in Ihrem neuen Buch "Nudge" skizzieren Sie einen neuen Ansatz für die Wirtschaftspolitik. Menschen bräuchten manchmal einen Anstoß, um ihr Verhalten zu ändern und vernünftige Entscheidungen zu treffen. Sie beraten auch den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Braucht Amerika einen solchen Anstoß, um sich zu ändern?

Thaler: Zunächst mal braucht Amerika einen neuen Präsidenten. Es ist Zeit für einen Neuanfang. Und es wäre schön, wenn endlich mal jemand ins Amt käme, der klug ist. Obama ist ein wirklich intelligenter Mann. Und dabei ist er offen für neue Ideen: Er ruft uns, seine Berater, an, gerade wenn er weiß, dass wir anderer Meinung sind. Er will sie aber hören. Darin zeigt sich eine intellektuelle Souveränität, die unser Land gut gebrauchen kann. Er hat das Potenzial, die Krise unserer Gesellschaft zu lösen, indem er ihr einen Anstoß - einen "Nudge" - gibt.

mm.de: Sie halten den Republikaner John McCain für zu dumm für das Präsidentenamt?

Thaler: Das habe ich nicht gesagt. Ich sage nur: Falls McCain gewählt wird, bekommen wir mehr vom Gleichen. Er bringt keine neuen Ideen mit.

mm.de: Und Obama würde Amerika grundlegend verändern?

Thaler: Wenn Obama gewählt wird, dann ist alles möglich.

mm.de: Übertreiben Sie da nicht ein bisschen?

Thaler: Vielleicht. Aber sehen Sie sich mal an, was in den Jahren der Bush-Regierung aus den USA geworden ist. Nehmen Sie nur das ungesetzliche Gefangenenlager in Guantanamo. Amerika war immer das Vorbild für die Welt, das war Teil unserer Identität. Aber in den vergangenen Jahren sind Dinge passiert, die unsere Vorbildfunktion beschädigt haben. Obama kann viel daran ändern. Er kann einer der wichtigsten Präsidenten in der Geschichte der USA werden.

mm.de: Wie denn?

Thaler: Zunächst mal dadurch, wer er ist: ein Afroamerikaner, der Karriere gemacht hat, der es nach ganz oben geschafft hat, an die Universität von Chicago, nach Harvard, in den Senat, womöglich ins Präsidentenamt. Er lebt vor, dass Amerika eine durchlässige Gesellschaft sein muss, die allen Chancen eröffnet. Dadurch ist er auch für junge schwarze Männer und Einwanderer ein positives Vorbild. Außerdem ist er weltgewandt, allein durch seine Herkunft. Er hat als Kind in verschiedenen Kulturen gelebt; sein kenianischer Vater stammte aus einer muslimischen Familie, Baracks zweiter Vorname ist Hussein. Dieser Hintergrund gibt ihm einzigartige Möglichkeiten, die Krise am Persischen Golf zu lösen. Er kann die amerikanische Außenpolitik in der Region auf eine neue Grundlage stellen - zumal er von Anfang an gegen den Irak-Krieg war.

mm.de: Wenn man Obamas wirtschaftspolitisches Programm liest, dann klingt das nach klassischem Interventionismus. Haufenweise Subventionen, mehr Sozialprogramme, höhere Steuern für die Reichen, mehr Regulierungen für die Finanzmärkte, ein bisschen Protektionismus - nach großem Aufbruch klingt das nicht gerade.

Thaler: Oh, er hat ein paar sehr innovative Ansätze in seinem Programm. Einige hat er von mir übernommen. Zum Beispiel die Idee einer "electronic disclosure", einer elektronischen Ausweispflicht für Unternehmen.

"Menschen sind beeinflussbar"

mm.de: In Obamas Programm findet sich ein solcher Plan für die Kreditkartenbranche: Es soll eine "Credit Card Bill of Rights" geben ...

Thaler: Damit sollen die Kunden vor unfairen Praktiken der Unternehmen geschützt werden. Anders als bisher sollen die Kartenanbieter alle für den Kunden relevanten Daten offenlegen müssen, alle Gebühren, alle Vertragsklauseln, und zwar in einer Form, die die Leute verstehen, nicht im Kleingedruckten eines langen Vertragstextes. Außerdem sollen unfaire Praktiken wie die Erhebung von Zinsen auf die Kreditkartengebühren verboten werden. Damit es für die Bürger möglichst einfach ist, soll es ein Fünf-Sterne-Rating-System geben, das ein leicht verständliches Ranking der Kreditkartenfirmen aus Konsumentensicht ermöglicht. Damit können wir den Amerikanern, von denen sich viele ja sehr hoch verschuldet haben, einen "Nudge" geben, sich finanziell verantwortungsbewusster zu verhalten.

mm.de: Was ist so neu an diesem Ansatz?

Thaler: Dies ist keine klassische Regulierung, die Verbote und Gebote ausspricht, die bestimmte Produkte komplett verbietet. Die Fed ist gerade dabei, neue Regeln für die Kreditkartenbranche zu schreiben, die genau so aussehen: Dos and Don'ts. Das Übliche. Aber wir haben heute das Internet, über das viele Menschen und spezialisierte Informationsdienste dezentral Kontrolle ausüben können. Voraussetzung dafür ist lediglich, dass die Unternehmen, in diesem Fall die Kreditkartenanbieter, maximale Transparenz gewährleisten. Websites entstehen, die die Konsumentenmacht stärken und den Unternehmen genau auf die Finger sehen. Was man dazu lediglich braucht, ist die gesetzlich verankerte Veröffentlichungspflicht. Sonst nichts. Den Rest regelt der Markt. Das ist der neue regulatorische Ansatz.

mm.de: In Ihrem Buch nennen Sie das "Libertären Paternalismus". Klingt wie ein Widerspruch in sich.

Thaler: Stimmt, gerade deshalb gefiel uns, meinem Co-Autor Cass Sunstein und mir, der Begriff so gut. Klassischer paternalistischer Interventionismus will den Menschen vorschreiben, was gut für sie ist. Der libertäre Laissez-faire-Ansatz wiederum glaubt an die völlige Rationalität des Einzelnen, so dass er von sich aus immer die richtigen Entscheidungen trifft. Wir wissen heute aber aus der Verhaltensökonomie, mit der ich mich seit langem befasse, dass Menschen sich in Wirklichkeit anders verhalten als der Homo Oeconomicus in den klassischen Modellen. Menschen haben Gefühle, sie sind beeinflussbar, sie laufen in der Masse mit, sie sind manchmal träge. All das kann sie zu falschen Entscheidungen führen, die sie später bereuen. Deshalb brauchen sie gelegentlich einen Anstoß, um die für sie richtige Entscheidung treffen zu können - einen "Nudge".

mm.de: Der Staat als eine Instanz, die den Leuten manchmal einen Stoß in die Rippen versetzt und ihnen freundschaftlich rät: Komm, tu das Richtige!

Thaler: So ungefähr. Ich glaube an Wahlfreiheit, aber man muss die Bürger in die Lage versetzen, eine vernünftige Wahl treffen zu können.

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