Mittwoch, 18. September 2019

Elite-Hochschulen "Mannheim? Unser Kind muss nach Oestrich-Winkel!"

Internat Salem: Inhaltlich kaum bessere Ausbildung als an normalen Schulen

Internate, Privatschulen und teure Unis sind bei Deutschlands Wirtschaftselite beliebter denn je. Der Soziologe Michael Hartmann erklärt im Interview, warum sich Manager vor dem sozialen Abstieg ihrer Kinder fürchten - und weshalb Salem, Harvard oder die EBS die hohen Gebühren oft nicht wert sind.

mm: Herr Hartmann, früher wäre es vielen Eltern eher peinlich gewesen, ihre Kinder auf ein teures Internat oder eine Privatuniversität zu schicken. Solche Institutionen galten als Ausbesserungsanstalten für Leute, die es aus eigener Kraft nicht schaffen. Heute ist das anders. Gerade in Manager- und Unternehmerfamilien ist es fast schon ungewöhnlich, wenn der Nachwuchs bloß staatliche Institutionen besucht.

Michael Hartmann: Da müssen Sie differenzieren. Diese Entwicklung trifft vor allem für die Gruppe der ökonomischen Aufsteiger zu, die es selbst etwa aus einer Arbeiterfamilie in die Chefetage geschafft haben. Die fürchten sich davor, dass ihre Kinder den hohen Status womöglich nicht halten können. Also versuchen sie, sich mit dem Besuch von exklusiven Schulen und Universitäten ein Stück Sicherheit zu erkaufen. Alteingesessene Adels- oder Industriedynastien, wie zum Beispiel die Quandts, sind da viel gelassener. Diese Familien haben über Generationen Erfahrung im Statuserhalt gesammelt und das staatliche System schätzen gelernt.

mm: Die Karriereaussichten für Akademiker sind derzeit so gut wie schon lange nicht mehr. Ist die Abstiegsangst der Aufsteiger nicht irrational?

Hartmann: Natürlich, da spielt das Gefühl eine größere Rolle als die Realität. Die Eltern fürchten, dass der Aufstiegsweg, den sie selber noch geschafft haben, für die Kinder verschlossen bleibt. Man kennt ja die Hindernisse und denkt: Oh Gott, wie sollen die das schaffen? Zumal die Welt globaler und scheinbar auch härter geworden ist und man nun angeblich fließend Chinesisch sprechen muss.

mm: Nun nimmt die Bildungsorientierung nicht nur bei der Wirtschaftselite zu. Inzwischen verlässt jeder Zweite eines Jahrgangs die Schule mit der Hochschulreife. Ein Auslandsjahr ist ebenfalls Standard.

Hartmann: Die zunehmende Titel- und Noteninflation kommt noch hinzu. Viele Eltern glauben deshalb, dass ihre Kinder etwas draufsatteln müssten. Internate, Sommerkurse, Zusatzmaster im Ausland und so weiter. Dabei herrscht die Vorstellung: Wer viel Geld investiert, bekommt etwas, das andere sich nicht leisten können. Diese Abgrenzung ist Teil des Zusatznutzens und die Erwartung ist ja auch nicht ganz falsch. In diesen exklusiven Institutionen findet sich die Normalbevölkerung nicht, aber ob die Schüler und Studenten dort deshalb wirklich einen Konkurrenzvorteil haben ist fraglich.

mm: Wir haben für unsere Recherche mit Eltern gesprochen die mehrere Hunderttausend Euro in die Ausbildung ihrer Kinder investiert haben. Weniger Begüterte Manager oder Ärzte verzichten sogar auf Urlaube oder den einst so geliebten Oberklassewagen, um den Nachwuchs aufs Internat schicken zu können. Abgesehen von der Abgrenzung zu anderen Schichten: Ist die Qualität des Angebots von Privatschulen und -universitäten das viele Geld wert?

Hartmann: Nicht unbedingt. Internate wie Salem oder Louisenlund bieten zwar ein intensives Rahmenprogramm mit Sprach- oder Sportkursen. Die Betreuung ist sehr eng, der Stoff wird teils in Einzelstunden wiederholt. Inhaltlich ist die Ausbildung aber gar nicht so viel besser als an normalen Schulen. Soziale Kompetenzen bilden die Kinder dort sogar weniger heraus, da sie abgeschirmt unter ihresgleichen bleiben. Aber klar, von den Netzwerken, die sich dort bilden, profitieren die Absolventen natürlich ab und an.

mm: Wie ist das bei den Universitäten?

Hartmann: Ein messbarer Vorteil gegenüber staatlichen Hochschulen lässt sich auch hier nicht ausmachen. Das war eine große Täuschung. Lange Zeit haben vor allem die Medien unisono das hohe Lied der Privatuniversitäten gesungen. Also dachten sich viele: Mannheim? Unser Junge muss nach Oestrich-Winkel! Dabei ist das ja völliger Quatsch. Jetzt zeigt sich, dass das akademische Schmalspurinstitutionen sind. Die EBS oder die Zeppelin-University haben zum Beispiel zuletzt vor allem mit Affären auf sich aufmerksam gemacht. Aber auch in Harvard, Yale oder Princeton ist die Lehre längst nicht so gut wie die renommierte Forschung es suggeriert. Jedenfalls ist die enorme Preisdifferenz zu deutschen Hochschulen keinesfalls gerechtfertigt.

mm: Wer es in Ländern wie Großbritannien oder Frankreich nach ganz oben schaffen will, kommt an Kaderschmieden wie dem Internat Eton oder der Verwaltungshochschule ENA meist nicht vorbei. Entwickelt sich Deutschland nicht in eine ähnliche Richtung, wenn sich die ökonomische Elite zunehmend aus teuren Privatinstitutionen rekrutiert?

Hartmann: Wenn das erst einmal über eine längere Zeit läuft, kann die heute noch irrationale Angst vieler Eltern durchaus zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wenn diese Kinder einmal in Führungspositionen sitzen, achten sie bei der Auswahl ihrer Angestellten natürlich auf einen entsprechenden Stallgeruch, weil dieser Geist sie selbst prägte. Aber noch sind wir weit davon entfernt. An der Spitze der großen Konzerne sind Abschlüsse von Eliteinstitutionen mehr die Ausnahme als die Regel. Von den gut 440 deutschen Vorstandsmitgliedern der 100 größten deutschen Unternehmen kommt zum Beispiel gerade einmal jeweils einer von der EBS und der WHU. Wer in Deutschland Karriere machen will, muss kein Vermögen in Schul- oder Studiengebühren investieren.

Lesen Sie hierzu in der neuen manager-magazin-Titelgeschichte "Das Beste - oder nichts": Warum immer mehr Unternehmer und Top-Manager Unsummen in die Ausbildung ihrer Kinder investieren, ihnen damit aber oft mehr schaden als nutzen. Außerdem: Weshalb das deutsche Abitur an britischen Eliteuniversitäten besonders geschätzt wird und wie Ex-Thyssen-Chef Dieter Vogel seinem Sohn nach einer Ausbildung in England und den USA fünf Millionen Euro spendierte.

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