Konzerne und Start-ups Späterer Aufkauf nicht ausgeschlossen

Das Versandhaus Otto hat einen, auch der Medienkonzern Springer und das Handelshaus Rewe: Externes Innovationsmanagement, um gemeinsam mit jungen Gründern an Zukunftsprodukten zu feilen. Der Trend startet jetzt so richtig in der IT-Gründerszene.
Von Tobias Kollmann
Forschung im Verbund: Konzerne arbeiten in Innokubatoren gemeinsam mit Start-ups

Forschung im Verbund: Konzerne arbeiten in Innokubatoren gemeinsam mit Start-ups

Foto: picture alliance / dpa

Die Strategie dabei ist klar: Biete den Startups am Anfang ein überschaubares Beteiligungskapital, aber mit vollem Zugang zu wertvollen Ressourcen des Konzerns an, entwickle die Geschäftsidee gemeinsam mit den Gründern partnerschaftlich weiter und partizipiere rechtzeitig an der Wertsteigerung - spätere Integration des Startups in den Konzern nicht ausgeschlossen.

Trotz höherem Risiko für Ausfälle soll dann diese Taktik immer noch besser sein, als innovative Geschäftsideen im Konzern allgemein versanden zu lassen oder die erfolgreichen externen Startups später für deutlich mehr Geld kaufen zu müssen, weil sie das Kerngeschäft gefährden. Unter dem politischen Schlagwort "Industrie 4.0" machen sich klassische Industrie- und Handels-Konzerne daher in letzter Zeit immer mehr Gedanken darüber, wie sie den Herausforderungen einer frühzeitigen Zusammenarbeit mit den Startups der digitalen Wirtschaft mit Hilfe von Inkubatoren begegnen können.

Die bisherige Antwort reicht nicht mehr: Die in den vergangenen Jahren angebotene Lösung hieß Corporate Venture Capital (CVC). Dabei wurde vom Konzern direkt oder indirekt über eine zugehörige Beteiligungsgesellschaft den Startups das benötigte Kapital angeboten, um sich den sofortigen oder späteren Zugang zu deren innovativen Ideen zu sichern.

Da sich aber der Kapitalmarkt für Startups gerade in den frühen Phasen in der jüngeren Vergangenheit deutlich verbessert hat, und inzwischen über zahlreiche Business Angels und andere Seed-Investoren das Risikokapital für gute Ideen und Teams in der ersten Runde nicht mehr der limitierende Faktor zu sein scheint, befinden sich die CVCs nur noch als "Einer unter Vielen" im Wettbewerb. Ferner haben sich aus dem Startup-Umfeld selbst, insbesondere über erfolgreiche Gründer und deren Exits, zahlreiche Acceleratoren und Inkubatoren gebildet, die über eine Kombination aus Kapital und Unterstützung "smarter" für die Gründer zu sein scheinen.

Neuorientierung notwendig

In den USA ist der Wandel schon längst vollzogen: Inkubatoren-Angebote seitens der Industrie bzw. der Konzerne muss man in den Vereinigten Staaten nicht lange mit der Lupe suchen. Die Beispiele umfassen Parc (Palo Alto Research Center) von Xerox, den Research Park in Illinois in Kooperation mit Firmen wie Yahoo , Sony  und Qualcomm  oder aber Walmart Labs vom gleichnamigen größten Retailer der Welt, der das digitale Shopping-Erlebnis von morgen über innovative Startup-Ideen begleiten möchte.

Auch in Deutschland ist eine Neuorientierung notwendig: Im Ergebnis haben die Konzerne nun die Wahl, ob sie sich auf spätere Finanzierungsrunden zurückziehen oder für die Startups in der Frühphase andere Angebote machen wollen. Die erste Strategie hätte zwar den Vorteil eines geringeren Ausfallrisikos, jedoch auch den Nachteil von höheren Preisen für die Beteiligung, sofern für die Gründer in späteren Finanzierungsphasen das CVC überhaupt noch attraktiv ist.

Die zweite Strategie würde an dem frühen und damit günstigeren Einstieg bei Startups im strategischen Zielfokus festhalten, jedoch eine neue Qualität im Angebot in Form eines eigenen Inkubatoransatzes notwendig machen. Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr nur das angebotene Kapital sondern vielmehr die gemeinsame Innovationsentwicklung mit den Gründern unter Hinzunahme der konzerninternen Ressourcen von Anfang an als gemeinsame "Innokubation".

Eine frühe Zusammenarbeit macht durchaus Sinn: Gerade im Bereich der jungen digitalen Wirtschaft haben Startups in der Regel ihre Stärken am Anfang des Innovationsprozesses, wo Konzerne aufgrund ihrer Strukturen zeitlich und inhaltlich nicht so flexibel agieren können. Dafür spielen letztere ihre Stärke in späteren Entwicklungsphasen aus, wo auf weitreichende Vertriebs- und Netzwerkformen zurückgegriffen werden kann, um die E-Business-Modelle weitreichend zu implementieren. Ein Zusammenschluss schon von Anfang an könnte also durchaus Sinn für beide Beteiligten machen. Entscheidend ist aber die Art und Weise, wie ein Inkubatorangebot seitens der Konzerne für die Start-ups als "Adapter" zwischen beiden Welten gestaltet ist.

Start-up kann Konzernstrukturen nutzen

Das Kapitalangebot alleine reicht aber nicht mehr: Inkubatoren sind dafür da, um die Startups von Anfang an mit den notwendigen Ressourcen auszustatten und deren Überleben dadurch wahrscheinlicher zu machen. Kapital ist dabei sicherlich ein wichtiger Punkt, aber auch Netzwerke, Zugang zu Pilotkunden oder eine Unterstützung in unternehmerischen Basisprozessen spielen eine Rolle. Für Konzerne und deren Inkubatoren ist das wesentliche Asset vor diesem Hintergrund der Zugang zu den eigenen Ressourcen (Know-how und Entwicklungs-, Vertriebs- und Marketingstrukturen). Dieses Asset soll nun verstärkt in die Waagschale geworfen werden.

Der "Hubraum" der Deutschen Telekom  ist ein Beispiel für ein solches Angebot. Weitere Konzerne denken über neue Angebote in Form von solchen Inkubatoren nach, etwa Rewe oder SAP . Oder sie kündigen diese zumindest an - zum Beispiel Fielmann, Allianz , Microsoft . Dabei sollte jedoch nicht der Fehler gemacht werde, den Inkubator nach "Regeln des Konzerns" zu betreiben.

Die Ausgestaltung des Inkubators ist entscheidend: Damit ein Inkubator-Angebot durch einen Konzern funktioniert, sollten folgende Aspekte beachtet werden.

  • Konzerne können mit Startups kooperieren, wenn beide Seiten die Identität des anderen akzeptieren.
  • Es gibt kein Inkubatormodell von der Stange, denn Strategie, Ressourcen und Ausrichtung sind entscheidend
  • Der Aufbau eines Inkubators sollte nur mit Einbindung von Startup-Know-How und eigenem Geschäftsmodell außerhalb des jährlichen Konzernbudgets erfolgen.

Der Inkubator sollte demnach konzernextern organisiert werden um sämtlichen Anforderungen der Startup Szene zu entsprechen und volle Flexibilität im Hinblick auf die finanzielle und inhaltliche Umsetzung von innovativen Ideen zu haben. Die Verbindung zum Konzern wird dann über die strategische Ausrichtung, die Anbindung an und das Management von benötigten Konzern-Ressourcen sowie das Beteiligungsmodell geregelt. Ferner sollte der Inkubator unter Hinzunahme von externen Partnern aus der Startup-Szene organisiert werden, um die vorhandene "Konzern-Denke" auszugleichen und eine Anbindung an die doch nachweislich vorhandene und spezielle Startup-Kultur zu haben, Experten sprechen von sogenannten "Alliance Incubator".

Fazit: Einfach nur einen Inkubator zu eröffnen und im Markt zu kommunizieren wird nicht reichen, um die qualifizierten Gründer mit guten Ideen im passenden strategischen Geschäftsfeld für sich zu gewinnen. Im Zuge der aufkommenden Inkubatorenkonkurrenz muss ein wirklicher Mehrwert für die Startups über das Kapitalangebot hinaus insbesondere auf Basis der Konzern-Ressourcen geschaffen werden. Nur dann funktioniert der Adapter eines Inkubators für die gemeinsame Innokubation zwischen Konzernen und Startups.

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