Industrie 4.0 Schließt euch endlich zusammen!

Von Robert Weber
Deutsche und Amerikaner wetteifern darum, wer den technischen Standard für die Industrie der Zukunft setzt. Dabei ist ein Wettbewerb auf diesem Gebiet schlicht Unsinn. Ein Plädoyer für mehr Kooperation bei der Vernetzung der Industrie.
Roboter-Darsteller auf der Hannover-Messe: Das Schlagwort "Industrie 4.0" ist in aller Munde - doch bei der Vernetzung von Maschinen täten Deutsche und Amerikaner besser daran, auf Kooperation statt auf Wettbewerb zu setzen

Roboter-Darsteller auf der Hannover-Messe: Das Schlagwort "Industrie 4.0" ist in aller Munde - doch bei der Vernetzung von Maschinen täten Deutsche und Amerikaner besser daran, auf Kooperation statt auf Wettbewerb zu setzen

Foto: Ole Spata/ dpa

Der englischsprachige Wirtschaftsdienst Bloomberg stellte jüngst die Frage, ob Deutschland das amerikanische Industrial Internet schlagen kann . Nach der Kommunikation (Smartphones) und dem Handel (Online Shops) wird auch die industrielle Produktion digitalisiert, Fabriken und Herstellungsprozesse werden über das Internet gesteuert, neue Produkte und Geschäftsmodelle entstehen. Seit Monaten diskutieren in Deutschland Manager, Verbandsvertreter und Medien, wer bei dieser Produktion der Zukunft den technischen Standard setzen wird: die deutschen Unternehmen mit ihrer nationalen, politisch gesteuerten Plattform Industrie 4.0, die vor allem technisch überzeugt, oder das Industrial Internet Consortium (IIC), gegründet von US-Giganten General Electric, Cisco und anderen, das weltweit für sich wirbt, exzellentes Networking betreibt und seine Präsenz täglich ausbaut.

Ich stelle die Frage: Wäre eine Kooperation der beiden Organisationen nicht zielführender?

Es geht nicht mehr darum, ob und wann die Amerikaner nach Deutschland kommen - sie sind längst da. Richard Soley, Vorstandschef des IIC, verkündete Anfang September die Zusammenarbeit mit Steinbeis als Implementierungspartner. Man treffe sich zunächst virtuell, hieß es in einer Pressemitteilung. Ein lokales Team soll deutsche Mitglieder unterstützen, neue Unternehmen gewinnen und Testbeds initiieren. Ein neuer Markt lockt. Allerdings: Deutschland hat schon eine Plattform für die Zukunft der Industrie.

Die von Politik, Verbänden, Wissenschaft und Unternehmen betriebene Plattform Industrie 4.0 hat ihren Sitz in Berlin und hat im Frühjahr ihre Arbeit aufgenommen. Etliche Plattform-Partner beobachten das IIC mit Argwohn. Die Begrüßung der Kollegen fiel dementsprechend nüchtern aus. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) "lobte" zwar offiziell die Entscheidung des Konsortiums seine Zelte hierzulande aufzuschlagen. "Wer Industrie 4.0 verstehen will, kommt an Deutschland nicht vorbei", textete der Verband auf Twitter. Das klingt sehr selbstbewusst. Doch sowohl die deutsche, als auch die amerikanische Plattform haben Schwachstellen - und zwar genau dort, wo der jeweils andere seine Stärken hat. Wenn beide zusammenarbeiten, können sie deutlich erfolgreicher sein als jeder für sich allein.

Robert Weber
Foto: Vogel Business Media

Robert Weber ist Chefredakteur des Fachmagazins Elektrotechnik Automatisierung.

Richard Soley kann man nicht übersehen oder ignorieren. Der charismatische Ostküstenamerikaner mit Schnurrbart misst mehr als zwei Meter und nimmt mit seinem Wesen jeden Besprechungsraum schnell für sich ein. Er ist das Gesicht, der Botschafter, des IIC. Der Ingenieur spricht neben seiner Muttersprache Englisch auch Spanisch, ein paar Brocken Deutsch, Japanisch und Französisch und nimmt sich selbst nicht zu wichtig. Er reist permanent um die Welt als eine Art Evangelist des Industrial Internets. In Deutschland war er den meisten bis vor zwei Jahren unbekannt, ein unbeschriebenes Blatt. Doch Soley ist ein Kontakter, er ist gefragt.

Mit Matthias Machnig, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und politischer Vordenker für die Industrie 4.0 und die SPD, trinkt der Amerikaner Kaffee, Siemens-Technologievorstand Siegfried Russwurm steht in seinem Adressbuch und mit Philipp Harting vom gleichnamigen ostwestfälischen Automatisierungsspezialisten tauscht er sich aus. Wenn Journalisten wissen wollen, wie das IIC zu dieser oder jener technischen Entwicklung steht, rufen sie Soley direkt an. Nur: Wen ruft man eigentlich an, um die Position der deutschen Plattform Industrie 4.0 zu erfahren?

Die beteiligten Verbände ZVEI, VDMA und Bitkom sind sich nicht einmal untereinander einig. So sagte Siemens-Vorstand Russwurm kürzlich: "Wir sollten in den Branchen keinen gemeinsamen Standard erwarten."  Nur einen Tag später kritisierte ein prominenter Plattformbeteiligter in einem Hintergrundgespräch diese Position scharf und tat sie als Einzelmeinung ab. Dem deutschen Projekt fehlt eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Position, kurz: ein Evangelist für Industrie 4.0. Es mangelt an einem charismatischen Kopf, einem Vordenker. Einem wie Soley.

Ist Werbung für eine gute Idee verboten?

Doch das scheint die Plattform-Beteiligten nicht zu stören. Die gefühlte Mehrheit wirft dem IIC vor, ein reiner Marketingclub zu sein. Vielleicht stimmt das. Doch das wäre nicht unkeusch. Fehlt es in den Unternehmen nicht gerade an Information und vor allem an Begeisterung für die Fabriken von morgen und übermorgen? Ist Werbung für eine gute Idee verboten? Das IIC betreibe kollaboratives Marketing und Networking, fördere den Austausch der einzelnen Mitglieder, sagen die Befürworter. Auf Neudeutsch: Soley und seine Mannschaft betreiben Graswurzel-Support. Die deutsche Plattform in Berlin dagegen kommuniziert eher verhalten. Eine neue Website ging vor einigen Tagen online, über ein Kontaktformular können Interessierte weitere Informationen anfordern. Mehr nicht. Social-Media-Kanäle, wie sie das IIC bespielt, fehlen.

Aber die deutsche Plattform ist ja auch noch jung, musste sich erst finden, Strukturen entwickeln, die neuen, politischen Spielregeln kennenlernen. Jetzt, im Herbst 2015, sind die deutschen Vertreter soweit. Der IT-Gipfel im November soll für Aufmerksamkeit sorgen. Vorzeigeprojekte von großen, kleinen und mittleren Unternehmen sollen der Öffentlichkeit präsentiert werden. Allerdings: Der Mittelstand, der für Industrie 4.0 begeistert werden soll, trifft sich nicht in Berlin. Viele von den anvisierten Unternehmern gehen einige Tage später auf die SPS IPC Drives in Nürnberg. Die Messemacher haben darauf reagiert und ihre eigene Industrie 4.0-Fläche eingerichtet. Federführend dabei war Peter Adolphs vom Mannheimer Sensorikentwickler Pepperl + Fuchs.

Die Anwender warten noch auf Lösungen

Adolphs engagiert sich auch innerhalb der Plattform Industrie 4.0. Die Entscheidung der Messe und der Aussteller war richtig. Die Unternehmer müssen auch die neuen, politischen Spielregeln lernen und reagieren pragmatisch darauf. Adolphs Fokus liegt allerdings hautberuflich auf der Technik. Die Stärke der nationalen deutschen Initiative begründet sich vor allem in der technischen Überlegenheit der Mitgliedsunternehmen am Markt, den zahlreichen Anwendungsbeispielen (etwa in Ostwestfalen oder Franken) und der Ausarbeitung von exzellenten Referenzarchitekturen, Standards und Rechtsnormen, die nach Aussage von Plattformbeteiligten auch in Asien angesehen sind. Die Referenzarchitektur RAMI kann mittlerweile auch in Japanisch studiert werden.

Bei den Anwendern muss das IIC erst noch liefern. Soley und sein Team können einige technische Testumgebungen (Testbeds) vorweisen, doch "in Deutschland werden sich mit dem zunehmenden Erfolg sicherlich noch mehr Interessierte einbringen", meint Winfried Felser, früher Fraunhofer Gesellschaft und heute Betreiber der Competence Site. Auch deshalb zieht es Soley wohl hierher. Hinzu kommt: Der Amerikaner will mit der deutschen Plattform kooperieren, und glaubt man Siemens-Vorstand Russwurm, kann das IIC noch mehr Potentiale heben: "Es gibt Unterschiede, auch deshalb, weil wir mit der deutschen Initiative Industrie 4.0 auf die Digitalisierung der produzierenden Industrie fokussieren und das IIC sehr viel stärker beispielsweise auf Mobilität, Energie oder Logistikthemen abzielt."

Das bedeutet: Die Automobilindustrie, die Energiewirtschaft und die Logistikbranche rücken in den Fokus des IIC. In diesen Branchen finden sich sicher viele Anwender in Deutschland, die aber auch die Plattform-Betreiber umgarnen und nicht verloren geben wollen. Und dann braucht es Kooperation. Denn die Zukunft der Mobilität der Autohersteller, beispielsweise, ist eng verknüpft mit den Zulieferern, die neue Fertigungsverfahren nutzen müssen. An diesem Punkt wachsen Industrie 4.0 und Industrial Internet dann vielleicht zusammen.

Sucht die Kooperation, öffnet Euch, um Innovationen zu ermöglichen! Verdrängt die nationalen Egoismen, denkt global und lernt voneinander! Am Ende entscheidet sowieso nur der Markt. Die beste Idee, das beste Geschäftsmodell wird überzeugen. Und beides muss nicht unbedingt bei der Plattform Industrie 4.0 oder beim IIC entstanden sein.

Robert Weber ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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