Die Nach-Corona-Baustellen der Konzerne Warum wir nicht auf die heile Welt nach Corona hoffen sollten

Von Ana-Cristina Grohnert
Frau im Homeoffice: So schön, wie es scheint, ist es für viele nicht

Frau im Homeoffice: So schön, wie es scheint, ist es für viele nicht

Foto: Getty Images/iStockphoto

In Deutschland haben wir die Corona-Krise durch frühzeitiges und weitreichendes Handeln bislang im internationalen Vergleich einigermaßen gut bewältigt. Schon zeichnen Propheten aller Art ein rosiges Bild der Zeit nach Corona. Alles soll anders, vorzeigbarer werden. Krankenschwestern und Pfleger mehr Geld verdienen, Frauen wie durch Zauberhand in Führungspositionen kommen und die verschleppte Digitalisierung und Dekarbonisierung der Wirtschaft sich en passant auch gleich wie von selbst erledigen.

So weit, so wunderbar. Was aber, wenn die Rettungsszenarien uns nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich zurückwerfen? Der Personalberater Heiner Thorborg hat kürzlich ein paar Thesen formuliert, die zu sehr gefällig sein wollten, die ich aber nicht unwidersprochen stehen lassen will.

Fangen wir an beim Homeoffice. Viele Unternehmen waren nicht darauf vorbereitet, für sie war das immer nur eine Notlösung. Das Paradoxe daran: Was vorher gar nicht ging, gilt jetzt plötzlich als die "neue Normalität". Normal ist daran gar nichts, vieles ist überhaupt nicht oder nur unzureichend gelöst: Kinderbetreuung und "Homeschooling" etwa, die wichtige Trennung zwischen Arbeit und Privatleben oder die technischen Möglichkeiten. Videokonferenzen sind eine tolle Erfindung. Genauso, wie die Mikrowelle. Trotzdem, wer möchte schon jeden Tag sein Essen aus der Mikrowelle?

Notlösungen dürfen nicht zur neuen Normalität werden

Was wir in der augenblicklichen Situation sehen, die aus der Not geboren wurde: Die Produktivität leidet genauso wie die mentale Verfassung der Mitarbeiter, die mit Doppel- und Dreifachbelastung kämpfen. Mit gutem Grund machen wir uns in Unternehmen Gedanken, wie wir Arbeitsplätze bestmöglich einrichten und ausstatten. Wie wir Arbeitsprozesse organisieren, um Belastungen zu begrenzen und die Gesundheit der Beschäftigten mitzudenken. In Corona-Zeiten sind viel zu viele mit diesen Fragen allein gelassen.

Ana-Cristina Grohnert
Foto: Charta der Vielfalt

Ana-Cristina Grohnert ist CEO der Charta der Vielfalt und war bis vor kurzem Vorständin der Allianz Deutschland. Davor war die diplomierte Betriebswirtin Managing Partner bei EY.

Insbesondere Frauen. Auf die ohnehin bestehenden Ungleichheiten wirkt sich die Corona-Pandemie als Verstärker aus. Wer kümmert sich um die Kinder? Diejenige, die ohnehin weniger verdient. Wer regelt den Haushalt, das Familiäre, das Soziale? Diejenige, die es ohnehin schon tut. Thorborg treibt es auf die Spitze, wenn er schreibt, jetzt "können ambitionierte weibliche Führungskräfte zeigen, was in ihnen steckt - und sind doch auf Zuruf verfügbar, wenn es die Erziehungsarbeit erfordert."

Warum Muster aus längst vergangenen Zeiten keine Zukunft haben dürfen

Das wirkt wie ein Karikatur aus längst vergangener Zeit und deckt das eigentliche Problem auf: Die ungleiche und einseitige Zuweisung des Privaten, Familiären, Unbezahlten an die Adresse der Frauen. Das entspricht jedoch längst nicht mehr den Vorstellungen einer nachwachsenden Generation an Frauen und Männern, die stärker gleichberechtigt und partnerschaftlich denken, die der Arbeit nicht ihre ganze Lebens- und Familienplanung unterordnen wollen.

Dann zum Finanziellen. Corona hat die meisten Unternehmen viel Geld gekostet. Aus leidvoller Erfahrung wissen wir, dass dies kurzfristigen Aktionismus geradezu provoziert. Man sucht auf der einen Seite nach Möglichkeiten, Kosten zu senken. Der erste Gedanke dabei ist immer der, sich von Beschäftigten zu trennen, weil diese ja "Kosten verursachen". Aber wer jetzt voreilig Stellenabbau betreibt, der baut auch Wissen, Kompetenz und Produktivität ab. Er baut einen Teil der Leistungskraft ab, die das angestrebte Wachstum bewerkstelligen sollte. Und nicht zuletzt baut er Vertrauen ab bei loyalen Beschäftigten, die ihrerseits Loyalität erwarten dürfen.

Ein Quick Win macht noch keine Transformation

Im Windschaffen von Stellenabbau und Homeoffice-Fantasien fangen die ersten auch schon an, sich Einsparungen bei den Büromieten auszurechnen. Ohnehin ein Trend der letzten Jahre. Völlig aus dem Blick gerät dabei die Frage, was Menschen benötigen, um kreativ und produktiv zu sein. Dazu gehört Raum, im übertragenen wie im tatsächlichen Sinne. Man muss sich treffen und austauschen können, man benötigt Raum für unterschiedliche Arbeitssituationen und persönliche Bedürfnisse. Wir können Menschen nicht vorschreiben, unter welchen äußeren Bedingungen sie besonders leistungsfähig zu sein haben. Wir müssen die bestmöglichen Rahmenbedingungen dafür schaffen. Wer nur die Rechnung Länge mal Breite beherrscht und in Quadratmatern denkt, der sollte lieber Landvermesser werden.

Die Weiterbildung ist ebenfalls einer der ersten "Kostenblöcke", an die Hand angelegt wird, anstatt sie als notwendige Investition zu betrachten. Woher soll denn ein Wettbewerbsvorteil entstehen, wenn nicht aus Innovationen, aus neuen Ideen? Und wie sollten diese umgesetzt werden, ohne neue Kompetenzen und Fähigkeiten? Gerade wenn wir von einer zunehmenden Digitalisierung ausgehen, dann ist klar, dass alle dazulernen müssen, obendrein in noch kürzeren Abständen als bislang. Ironischerweise erleben wir gerade im Bereich der Weiterbildung einen vermeintlichen Digitalisierungsschub, der sich schnell als Kostenprogramm entpuppt, um das teure Präsenzlernen abzuschaffen.

In allen Bereichen zeigt sich: Das einseitige Kostendenken funktioniert immer nach demselben Muster: Weniger und billiger. Besser werden wollen, indem man schlechter wird. Noch so ein Paradoxon.

"Eine Hürde überspringt man nicht dadurch besser, dass man vorher in ein Loch tritt"

Auf der anderen Seite suchen Unternehmen in Krisensituationen gerne den "Quick Win", das schnelle Geschäft. Überzogene Versprechungen bei unausgegorenen Produkten und Entwicklungen, meist gar nicht sorgfältig durchkalkuliert, und schon ist der kurzfristige Umsatz da. Während sich gleichzeitig alle wohlfeilen Beteuerungen zu Nachhaltigkeit und Compliance in Luft auflösen.

Ist es das, was wir uns unter der Transformation unserer Wirtschaft vorstellen?

Und glauben wir allen Ernstes, die Dinge, die wir in der Vergangenheit versäumt haben, würden sich nach Ende der Corona-Krise von allein einstellen? Eine Hürde überspringt man nicht dadurch besser, dass man vorher in ein Loch tritt.

Wir müssen uns schon die Mühe machen, die "neue Normalität" erst noch zu definieren, anstatt die Dinge einfach laufen zu lassen, und sie dann als "Normalität" auszugeben.

Worum wir nach Corona besonders kämpfen sollten, sind vier elementare Punkte:

  • Dass drei Monate Homeoffice nicht als Vergnügungsausflug mit Kindern bewertet werden, der jetzt vorbei ist. Das Homeoffice wird nicht mehr verschwinden, es war schon vorher da, jetzt müssen wir ihm seine Rolle im Rahmen der Flexibilisierung zuweisen. Es muss aber dem größeren Gedanken untergeordnet werden: Dass wir unsere Arbeitswelt mit allen technischen und organisatorischen Möglichkeiten stärker flexibilisieren und an den Bedürfnissen der Beschäftigten ausrichten.
  • Dass Frauen nicht zurückgeworfen werden ins letzte Jahrhundert. In den sozialen Medien sehe ich gerade häufig ein Video mit weiblichen Staatscheffinnen, deren Länder die Corona-Krise besonders gut meistern. Auch sonst gibt es genügend Beispiele und Vorbilder, an denen sich "ambitionierte" Frauen orientieren können. Wer sein Unternehmen als wettbewerbsfähiges und leistungsstarkes System weiterentwickeln will, der sollte diesen Frauen Wege eröffnen, ihr Potenzial einzubringen.
  • Dass Menschen, Wissen, Kompetenzen nicht abgebaut, sondern aufgebaut werden. Das schließt mit ein, das Potenzial zu erkennen, das in der Vielfalt der unterschiedlichen Individuen liegt. Dabei können wir auch die Digitalisierung nutzen, um Lernen passgenau auszugestalten und zu individualisieren. In einer wirksamen Mischung aus Präsenzelementen und digitalem Lernen, das Ganze eingebettet in die tatsächlichen Arbeitsprozesse.
  • Dass der Blick auf das Ganze gestärkt wird. Aus wohlmeinenden Vorsätzen, die Topführungskräfte gern in Davos verkünden, muss endlich praktische Unternehmenspolitik werden. Klimaschutz und Gesundheit gehören selbstredend dazu. Denn nur nachhaltiges Denken und Handeln bringt Investoren, Beschäftigte, Kunden und die Gesellschaft unter einen Hut. Wer das nicht schafft, bereitet seine eigene nächste Krise vor.