Wissenschaftler Hans-Jörg Bullinger "Digitalisierung gibt den Menschen mehr Freiheiten"

Ist die Digitalisierung ein Tsunami, der Millionen Jobs vernichtet? Nein, sagt der langjährige Fraunhofer-Präsident Hans-Jörg Bullinger. Die weltweite Vernetzung mache unsere Arbeit gesünder, reduziere Stress und beschere vielen Menschen ein besseres Leben. Allerdings nicht allen. Ein Gespräch über die Zukunft der Arbeitswelt.
Von Claus Gorgs
Arbeitswissenschaftler Hans-Jörg Bullinger: "Industriearbeitsplätze werden verlorengehen, neue werden entstehen"

Arbeitswissenschaftler Hans-Jörg Bullinger: "Industriearbeitsplätze werden verlorengehen, neue werden entstehen"

Foto: DPA

mm.de: Herr Professor Bullinger, die industrielle Produktion wird immer vernetzter, intelligente Roboter halten Einzug. Was bedeutet das für die Arbeit der Zukunft?

Bullinger: Wir werden einen großen Automatisierungsschub erleben, vor allem bei Produktionslinien mit großen Stückzahlen. Bei Unternehmen, die eine hohe Vielfalt an Produktvarianten herstellen, wird es in den nächsten Jahren eher auf eine größere Spezialisierung hinauslaufen. Klar ist schon jetzt, dass wir in beiden Bereichen höher qualifizierte Menschen brauchen werden - und zwar mehr als wir derzeit haben.

mm.de: Gleichzeitig ersetzen intelligente Maschinen immer mehr Fachkräfte. Ist die Digitalisierung für die Beschäftigten eher Chance oder eher Risiko?

Bullinger: Es ist ja nicht so, dass wir die Wahl hätten. Diese Entwicklung kommt. Und wo es Chancen gibt, gibt es immer auch Risiken. Für Menschen, die bisher eher einfache Tätigkeiten in einer Fabrik ausführen, wird es natürlich eng. Diese Art von Arbeit wird verschwinden. Bei spezialisierten Tätigkeiten werden die Roboter eher der Unterstützung der Menschen dienen und deren Arbeit leichter machen. Unter dem Strich glaube ich, dass die Chancen überwiegen.

mm.de: Wie kann man sich diese Zusammenarbeit von Mensch und Maschine vorstellen?

Bullinger: Es geht nicht in erster Linie darum, dass Roboter Menschen im Produktionsprozess ersetzen. Das Kernthema heißt Vernetzung. Das Zusammenführen von Produktionsdaten, Planungsdaten, Kundendaten - da liegen die enormen Effizienzvorteile. Wenn bekannt ist, wann welcher Auftrag fertig sein muss und wie die Maschinen belegt sind, dann können die Mitarbeiter zum Beispiel untereinander ausmachen, wer den Job übernimmt und wer an einem sonnigen Tag vielleicht früher gehen kann. Die Digitalisierung erlaubt es, den Menschen mehr Freiheiten zu geben bei der Einteilung ihrer Arbeit.

mm.de: Steht am Ende dieser Entwicklung die menschenleere Fabrik?

Hans-Jörg Bullinger
Foto: bernhardhuber.com

Hans-Jörg Bullinger war von 2002 bis 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, der größten Organisation für angewandte Forschung in Europa, heute ist er Senator der Fraunhofer-Gesellschaft und Berater der EU-Kommission in Fragen des Forschungs- und Innovationsmanagements. Das manager magazin kürte ihn 2009 zum Manager des Jahres und nahm ihn 2013 in die Hall of Fame der deutschen Wissenschaft auf.

Bullinger: Diese Möglichkeit sehe ich, aber das wird noch ewig lang dauern, bis das in der Breite der Industrie so kommen wird. In diesem Stadium werden natürlich Industriearbeitsplätze verlorengehen, ganz klar. Gleichzeitig werden neue Arbeitsplätze bei der Herstellung von Automatisierungstechnik entstehen. Dummerweise wird man das nicht mit den Menschen machen können, die man in der Fabrik freisetzt. Und genau das wird das gesellschaftliche Dilemma der kommenden Jahrzehnte sein. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es aber vor allem um die Spezialisierung gehen, in denen digitale Technik und Vernetzung die Menschen unterstützt.

mm.de: Wie sollten sich Unternehmen und Mitarbeiter auf diese Entwicklung vorbereiten?

Bullinger: Ich sage immer, es gibt drei wesentliche Aufgaben: 1. Qualifizierung, 2. Qualifizierung, 3. Qualifizierung. Dort, wo heute gutes Facharbeiterwissen gefragt ist, brauchen wir in Zukunft Ingenieurqualifikationen - und zwar praxisorientiert. Es wird sehr viel Systemwissen erforderlich sein, ein Mix aus Elektronik-, Mechanik- und Informatikwissen. Da müssen noch viele Pläne an den Berufsschulen und in der Ingenieursausbildung umgeschrieben werden, damit wir auf diese Entwicklung richtig vorbereitet sind. Und wir werden für die Produktion derselben Stückzahlen weniger Menschen brauchen.

mm.de: Nun besteht die Wirtschaft ja nicht nur aus Industriearbeitsplätzen. Wie wird die Digitalisierung die übrigen Bereiche verändern?

Bullinger: Die Anforderungen an das Verständnis von Mathematik und Informatik werden auch in anderen Berufen steigen. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass überall dort, wo Fähigkeiten wie Einfühlungsvermögen, Emotion oder Kreativität gefragt sind, der Mensch gegenüber der Technik auch in Zukunft klar im Vorteil ist. Ärzte, Architekten oder Schriftsteller lassen sich kaum durch Computer ersetzen. Überall dort, wo es darum geht, große Datenbestände auszuwerten, vorhandene Informationen zusammenzuführen und daraus neue Schlüsse zu ziehen, ist die Industrie 4.0 allerdings deutlich überlegen. Um die Kreditwürdigkeit eines Kunden zu beurteilen, braucht man keinen Bankkaufmann.

"Einmalige Chance, Arbeit für Menschen günstiger zu gestalten"

mm.de: Worauf sollte ein Personalchef künftig bei der Auswahl neuer Mitarbeiter achten?

Bullinger: Er muss vor allem darauf achten, ob ein Kreativitätspotenzial vorhanden ist, eine Bereitschaft, sich auf Wandel einzulassen, Neues hinzuzulernen. Was wir im Detail in 20 Jahren an Qualifikationen brauchen werden, weiß heute niemand. Was wir aber wissen, ist, dass sich die Berufsbilder viel schneller und viel häufiger verändern werden als bisher. Wer diese Entwicklung mitgeht, sie unterstützt und vorantreibt, ist sehr wertvoll für ein Unternehmen. Für hochqualifizierte und spezialisierte Mitarbeiter öffnen sich zudem völlig neue Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu vermarkten. Warum sollen die sich überhaupt von einem Unternehmen fest anstellen lassen?

mm.de: Sondern stattdessen…?

Bullinger: Sie können als Selbstständige für verschiedene Auftraggeber tätig sein - wo sie arbeiten, ist aufgrund der Digitalisierung und immer schnellerer Datenübertragungsgeschwindigkeiten zunehmend egal. In der Medienbranche und bei Unternehmensberatern ist eine solche Arbeitsweise schon heute sehr verbreitet, bei Informatikern und Ingenieuren geht es zunehmend auch los.

mm.de: Wenn Arbeit zunehmend ortsunabhängig wird, heißt das, dass Arbeits- und Privatleben wieder näher zusammenrücken, vielleicht sogar verschmelzen?

Bullinger: Die Digitalisierung bietet die einmalige Chance, Arbeit für die Menschen günstiger zu gestalten. Moderne Fabriken können in Innenstädte und Wohngebiete integriert werden, weil sie keinen Krach mehr machen und keine Emissionen mehr ausstoßen. Der Lärm und der Dreck waren die Gründe, warum die Fabriken vor 100 Jahren aus den Städten verschwanden, jetzt können sie zurückkehren - zum Beispiel dank Produktionsverfahren wie der 3D-Drucktechnik. Das erspart Zigtausenden von Beschäftigten lange Arbeitswege, entlastet die Straßen und die Umwelt. Zudem können wir die Arbeitszeit erheblich flexibler gestalten. Viele Tätigkeiten, die bisher an den Arbeitsplatz gebunden waren, können jetzt beim Zulieferer, beim Kunden oder von Zuhause aus erledigt werden. Da gibt es eine ganze Reihe interessanter Optionen.

mm.de: Gilt das auch für die geringer qualifizierten Menschen, deren Jobs durch die Digitalisierung wegfallen?

Bullinger: Die Entwicklung hin zur Industrie 4.0 birgt die Gefahr einer Spaltung der Gesellschaft: Auf der einen Seite stehen diejenigen, die qualifiziert genug sind und Arbeit haben, und auf der anderen die, deren Jobs wegfallen und die dann keine oder nur sehr schlecht bezahlte Arbeit haben. Diese Gefahr darf man auch nicht kleinreden. Deshalb brauchen wir eine Qualifizierungsoffensive in allen Arbeitsbereichen. Das wird die große Herausforderung der kommenden Jahre und Jahrzehnte sein.

Hans-Jörg Bullinger (72) ist Experte für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement und MeinungsMacher bei manager-magazin.de. Von 2002 bis 2012 war er Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, einer der renommiertesten Forschungsinstitutionen Deutschlands.

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