Großreederei vor dem Untergang Keine Rettung in Sicht - bei Hanjin beginnt der Notverkauf

Hanjin-Schiff im Hafen von Busan, Südkorea: Die Zukunft der Großreederei sieht düster aus

Hanjin-Schiff im Hafen von Busan, Südkorea: Die Zukunft der Großreederei sieht düster aus

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Großreederei löst Branchenbeben aus: Darum könnte Hanjin zum Lehman Brothers der Schifffahrt werden

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Die Aussichten darauf, dass die insolvente südkoreanische Reederei Hanjin Shipping als einer der großen Player auf den Weltmeeren erhalten bleibt, schwinden. Während die Regierung Südkoreas unmissverständlich signalisiert, für eine Rettung des Unternehmens nicht zur Verfügung zu stehen, hat der Notverkauf der Hanjin-Flotte mit der Veräußerung dreier Frachter bereits begonnen. Zudem stehen mindestens zwei weitere Containerschiffe von Hanjin ebenfalls zum Verkauf. Und das dürfte erst der Anfang sein.

Bei den drei kurzfristig verkauften Schiffen handelt es sich um sogenannte Bulker. Das sind Massengutfrachter, auf denen beispielsweise Eisenerz oder Kohle transportiert wird. Veräußert wurde etwa der Bulker "Hanjin Matsuyama", der laut "Wall Street Journal" bisher dem Japaner Kumiai Senpaku gehörte, welcher das Schiff an Hanjin verchartert hatte. Nach Angaben von Reuters hat Senpaku die "Hanjin Matsuyama" nun für knapp 23 Millionen Dollar an die Gesellschaft Winning Shipping in Singapur veräußert.

Zwei weitere, deutlich kleinere Massengutfrachter, die "Hanjin Liverpool" sowie die "Hanjin Isabel", wechselten Berichten zufolge für je rund acht Millionen Dollar in den Besitz zweier griechischer Käufer.

Bemerkenswert: Trotz der Notlage erzielten die Verkäufer der Schiffe offenbar einigermaßen vernünftige Preise. Einem Bericht von Reuters zufolge jedenfalls liegen die genannten Beträge etwa auf dem Niveau, das zuletzt für vergleichbare Schiffe gezahlt worden war. Reuters beruft sich dabei auf Zahlen des Schiffs-Informationsdienstes Clarksons. Zudem weist die Agentur allerdings darauf hin, dass sich die Schiffspreise aufgrund der Branchenkrise und der bestehenden Überkapazitäten zurzeit ohnehin im Keller befinden.

Wirft Hanjin Dutzende Containerschiffe auf den Markt?

So dürften auch künftige Verkäufe von Hanjin-Schiffen die Kassen der Reederei nicht allzu laut klingeln lassen. Wie das "Wall Street Journal" berichtet, erwarten Analysten, dass die Koreaner in den kommenden Wochen beinahe 40 Containerschiffe zum Verkauf anbieten werden.

Schiffsmaklern zufolge stehen mit der "Hanjin Mar" sowie der "Hanjin Marine" bereits aktuell zwei weitere Frachter des Unternehmens zum Verkauf. In beiden Fällen handelt es sich ebenfalls um Schiffe aus dem Hauptgeschäftsbereich der Reederei, nämlich der Containerschifffahrt.

Bisherige Finanzhilfen können Hanjin nicht retten

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Die beiden Frachter wurden erst 2013 gebaut und haben eine Tragfähigkeit von je gut 4500 TEU (Maß für Standard-Container). Ihren Wert schätzen Experten aktuell auf jeweils 18 bis 22 Millionen Dollar.

Damit ist klar: Angesichts der finanziellen Notlage von Hanjin Shipping wirken diese Verkäufe offensichtlich nicht viel stärker als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Allein die Rechnungen, die das Unternehmen aktuell zu begleichen hat, um alle seine Schiffe wieder in Gang zu bekommen, belaufen sich verschiedenen Berichten zufolge auf rund 550 Millionen Dollar. Insgesamt bezifferte Hanjin Shipping seine Schulden zuletzt auf 5,5 Milliarden Dollar.

Zum Vergleich: Von den rund 150 Handelsschiffen, die insgesamt für Hanjin Shipping auf den Weltmeeren unterwegs sind, gehören lediglich rund 60 dem Unternehmen selbst. Den Rest hat Hanjin von anderen Reedereien wie etwa Seaspan oder Danaos angemietet ("gechartert"). Diese Unternehmen dürften daher auch zu den Haupt-Leidtrangenden der Hanjin-Pleite gehören.

Den Wert der etwa 60 Hanjin-eigenen Schiffe indes schätzt das auf Schiffswerte spezialisierte Unternehmen Vesselsvalue auf etwa 1,8 Milliarden Dollar, so Reuters.

Hanjin-Chairman gibt 40 Millionen Dollar

Das heißt im Klartext: Während Großkunden wie die Unterhaltungselektronik-Konzerne Samsung oder LG sowie der Computerhersteller Hewlett-Packard auf Waren im Milliardenwert warten, die sich auf Hanjin-Schiffen befinden, und die wegen der Pleite nicht entladen werden, ist die Reederei zur Rettung wohl dringend auf fremde Hilfe angewiesen. Doch die wird sie im erforderlichen Maße nach aktuellem Stand wohl kaum bekommen.

Eine Zusage über rund 90 Millionen Dollar gibt es bislang lediglich von der Hanjin Group, der Muttergesellschaft von Hanjin Shipping. Darin enthalten: Etwa 40 Millionen Dollar aus dem privaten Vermögen von Hanjin Group-Chairman Cho Yang-ho.

Etwa 90 Hanjin-Schiffe außer Betrieb, ein halbes Dutzend arrestiert

Diese Gelder mögen zwar helfen, die aktuell gestrandeten Hanjin-Schiffe wieder in Bewegung zu setzen und die Ladung der Kunden zumindest teilweise zu befördern. Mehr als 90 Schiffe der Reederei befinden sich aufgrund der Pleite derzeit außer Betrieb. Sie schippern entweder auf hoher See, wo Nahrung und Treibstoff mitunter bereits knapp werden, oder liegen in Häfen rund um den Globus, ohne dass jemand bereit wäre, angesichts der finanziellen Unsicherheit beispielsweise Be- oder Entladungen vorzunehmen.

Allein ein halbes Dutzend Hanjin-Schiffe, so zeigt es eine aktuelle Auflistung des Unternehmens, wurden zudem bereits von Gläubigern in verschiedenen Häfen wie Singapur, Shanghai oder Vancouver "an die Kette gelegt". Das heißt: Die Hanjin-Geldgeber haben die Schiffe beschlagnahmt, um sie gegebenenfalls zur Durchsetzung ihrer Forderungen gegen das Unternehmen zu verwerten.

Zur Lösung dieser akuten Probleme dürften die 90 Millionen Dollar von der Hanjin Group also wohl helfen. Um Hanjin Shipping wieder komplett flott zu machen, so viel steht bereits fest, reicht das Geld aber nicht aus. Dazu würden Milliarden benötigt.

Die Augen richten sich daher auf den vermutlich stärksten potenziellen Geldgeber, auf dem die Hoffnungen von Hanjin Shipping jetzt noch ruhen können: die Regierung Südkoreas.

Eindeutige Signale aus Seoul

Das Problem ist jedoch: Auch von dort kann Hanjin Shipping kaum auf Rettung hoffen. Die jüngsten Signale sind vielmehr eindeutig: Die südkoreanische Regierung, bisher eine Bastion wenn es darum geht, den wichtigen Industriezweigen des Landes in der Not unter die Arme zu greifen, fährt gegenüber der größten Reederei Südkoreas, die im weltweiten Ranking immerhin den siebten Platz belegt, eine harte Linie.

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Seit Hanjin Shipping Ende August Insolvenz angemeldet hat, hat sich Südkorea zwar bemüht, die Folgen für die Wirtschaft des Landes sowie für wichtige Hanjin-Kunden so gering wie möglich zu halten. Die Reederei selbst überlässt die Politik jedoch ihrem Schicksal, wie die Agentur Reuters beobachtet.

Warum Südkorea die größte Reederei des Landes nicht retten will

Südkorea habe beschlossen, keine Steuergelder oder Mittel der Zentralbank in schiefliegende Firmen der Schifffahrtsbranche zu stecken, heißt es in einem Bericht der Agentur. Offensichtlich haben die Verantwortlichen in Seoul erkannt, was auch in der Schifffahrtsbranche inzwischen kaum noch jemand bestreitet: Der Markt braucht eine Bereinigung, und es wäre unvernünftig, diese mit Finanzspritzen künstlich hinauszuzögern oder gar verhindern zu wollen.

Es sei ein Fehler zu glauben, die Regierung habe keine andere Möglichkeit als den Schiffsfirmen zu helfen, sobald sie Probleme bekommen, wird Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye zitiert. "Wir sitzen nicht da und schauen zu, wie die Manager von Unternehmen auf Regierungshilfe warten, anstatt entschieden zu versuchen, ihr Geschäft zu retten."

Eine klare Linie also, die Experten zufolge kaum Platz für Spekulationen über das mögliche Schicksal von Hanjin lässt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hanjin diese Insolvenz als Reederei von Weltrang überstehen wird", zitiert das "Wall Street Journal" zum Beispiel Lars Jensen von der Kopenhagener Beratungsfirma SeaIntelligence Consulting. "Es wird entweder liquidiert oder als viel kleinere Reederei mit regionalem Fokus weitermachen."

Anders formuliert: Der Untergang des Global Players Hanjin Shipping ist offenbar bereits besiegelt.

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